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3. September 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 9 Ausgabe: Nr. 9 » September 3, 2008

Barack Obama und Martin Luther King

Rabbiner Marc Schneier, September 3, 2008
Am 28. August hat sich Amerika an Martin Luther King Jr. erinnert, der an diesem Tag vor 45 Jahren seine historische «I Have A Dream»-Rede hielt. Seine Botschaft von Gleichheit und Gerechtigkeit hat nichts an Bedeutung verloren.

Von Rabbiner Marc Schneier

Wenn wir die Konsequenzen der Rede von Martin Luther King Jr. für den Erfolg der Bürgerrechtsbewegung betrachten, kann es uns nur sinnig erscheinen, dass ihr Jubiläum auf den gleichen Tag fiel, an dem Senator Barack Obama als erster Afroamerikaner offiziell zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten ernannt wurde. Diese übereintreffenden Ereignisse geben der jüdischen Gemeinschaft Gelegenheit, sich stolz und mit Freude auf die ausserordentliche Rolle zu besinnen, die amerikanische Juden bei Kings historischer Rede von 1963 spielten.

Unsere Gemeinschaft ist unseren Nachbarn in deren Kämpfen um Gerechtigkeit immer wieder beigestanden. In dieser langen Geschichte stehen auch die Anstrengungen jüdischer Aktivisten in der Bürgerrechtsbewegung. In den Wochen vor dem «Marsch auf Washington» rief das American Jewish Committee Juden allerorts auf, Solidarität mit der schwarzen Gemeinschaft zu zeigen und an dem Marsch teilzunehmen. Das AJC erklärte: «Die Juden waren stets Teil des ewigen Strebens nach Menschenwürde und sozialer Gerechtigkeit für die ganze Menschheit. Unsere Hingabe an diese Aufgabe wurzelt zutiefst in unserer religiösen und spirituellen Tradition und in unserer gesellschaftlichen Erfahrung. Es ist für uns als amerikanische Juden mehr als nur angemessen, diese Ideale mit Leben zu erfüllen, indem wir uns mit allen Menschen guten Willens zu dieser friedlichen und gesetzestreuen Versammlung zusammenfinden, um eine menschlichere und demokratischere Gesellschaft zu erreichen.»

Die Reaktion der jüdischen Gemeinschaft auf diesen Appell des AJC war überwältigend. Auf der Plattform, von der aus King seine Rede hielt, standen die Führer amerikanisch-jüdischer Organisationen wie Shad Polier vom American Jewish Congress, Rabbi Leon Foyer von der Central Conference of American Rabbis, George Maislan von der Vorläuferorganisation der United Synagogue of Conservative Judaism und Rabbi Uri Miller vom Synagogue Council of America. Darunter mischten sich Tausende von Juden mit anderen Weissen und Schwarzen in der gewaltigen Menschenmenge.

Marsch als Einheit

Konservative Juden marschierten damals unter dem Banner des heutigen Verbandes United Synagogue of America. Angehörige der Reform-Strömung trugen Zeichen, auf denen in Hebräisch und Englisch ein Zitat aus Leviticus 25:1 zu lesen war, das 1751 auf der «Freiheitsglocke» in Philadelphia eingraviert worden war: «Verkünde Freiheit im ganzen Land und für alle seine Bewohner.» Andere Juden trugen Zeichen mit der Aufschrift: «Wir marschieren zusammen, Katholiken, Juden und Protestanten.»

Die Veranstaltung wurde mit den Gebeten von Geistlichen verschiedener Religionen eröffnet. Rabbiner Miller betete, dass die Versammelten nicht leere Worte sprechen würden «und auch keine gut gemeinten Ideale, die in irgendeine messianische Zukunft weisen, sondern über Realitäten sprechen, die unsere Gesellschaft hier und jetzt ganz konkret betreffen». Miller gab seiner Hoffnung Ausdruck, die Demonstration möge «alle Amerikaner und besonders jene in mächtiger und verantwortungsvoller Stellung für dieses Konzept der Gleichheit empfänglich machen.» Dann forderte Miller die Nation auf, zu verstehen, «dass wir ‹Tselem Elokim› negieren – das Abbild Gottes im Menschen –, wenn wir unseren Mitmenschen seines Brotes und seiner Würde berauben. Damit schieben wir die Erfüllung seines Königreiches hinaus.»

Schweigen ist das grösste Übel

Neben der Rede Kings war es einer der jüdischen Sprecher, der für einen der prägnantesten Augenblicke der Veranstaltung sorgte. Rabbiner Joachim Prinz, der damalige Vorsitzende des American Jewish Congress, erklärte auf dem Podium: «Als ich der Rabbiner der jüdischen Gemeinde von Berlin unter dem Hitler-Regime war, habe ich vieles gelernt. Meine wichtigste Lektion war, das Bigotterie und Hass nicht die dringendsten Probleme sind. Das dringendste, schändlichste, beschämendste und tragischste Problem ist das Schweigen.»

Indem er Parallelen zu der Not der Juden in Europa zog, fand Prinz einen Ton, welcher der Botschaft dieses Tages Tragkraft gab, der Botschaft nämlich, dass wir Wandel nur schaffen können, wenn wir uns gegen die Ungleichheit in Amerika aussprechen. Prinz machte deutlich, dass nichts erreicht werden kann, wenn auch nur eine gesellschaftliche Gruppe in Schweigen verharrt.

Kings «I Have A Dream»-Rede und die Anstrengungen der jüdischen Gemeinschaft zeigen auf verehrungswürdige Weise, was wir erreichen können, wenn wir uns zusammentun. Kein anderes Segment der amerikanischen Gesellschaft hat King und die Afroamerikaner stärker und beharrlicher unterstützt als die Juden. Und darum sollten wir als Juden Stolz auf diese historische Allianz sein, die 45 Jahre später mit zu der Nominierung eines Afroamerikaners zum Präsidentschaftskandidaten geführt hat.





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