Die Ursachen von Krieg und Frieden
Der Nobelpreisträger für Wirtschaft 2005 Robert J. Aumann bescherte der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) ein wahrlich spieltheoretisches Wochenende. Der an der Hebräischen Universität in Jerusalem lehrende Wissenschaftler gehört zu den führenden Köpfen auf dem Gebiet der Spieltheorie. Das Wochenende vom 22. bis 24 August wurde vom Verein zur Förderung der Krebsforschung in Israel organisiert. Der Gemeindesaal war bis auf den letzten Platz besetzt, als der Mathematiker im Rahmen eines Freitagabendessens seinen ersten Vortrag zur Spieltheorie hielt. Die Spieltheorie ist zwar Teilgebiet der Mathematik, doch lassen sich durch sie auch rationale Entscheidungsverhalten in sozialen Konfliktsituationen ableiten. Auf diese Weise widmet sich Aumann seit mehr als 20 Jahren der Erforschung der Ursachen von Krieg und Frieden.
Standhaftigkeit beweisen
Nebst einem weiteren Vortrag am Samstag in der Shomre Thora referierte Aumann am Sonntagmorgen zum Thema «Spieltheorie und Krieg und Frieden in Nahost». In seinem Vortrag plädierte Aumann dafür, die Ursachen von Kriegen ganz allgemein zu verstehen. Denn in der Geschichte der Menschheit seien Kriege ein konstantes Phänomen, so der Akademiker. Der Frage, warum der Mensch Krieg führe, liege das theoretische Konstrukt des Menschen als «homo economicus» zugrunde. Diesem Menschenbild zur Folge handle der Mensch rational, also in erster Linie in seinem eigenen Interesse. Unglücklicherweise, so Aumann, können Kriege rational sein. Daher sei es wichtig, beispielsweise Selbstmordattentäter nicht als irrational zu bezeichnen – denn sie handeln durchaus überlegt und aus Überzeugung, so der Professor weiter.
Konfliktparteien handeln aufgrund von Interessen und daher können die Anreize, welche Kriege verhindern, manchmal auch kontra-intuitiv sein, so Aumann. Demzufolge verneint der Nobelpreisträger die Annahme, dass Abrüstung Krieg verhindert. Er verdeutlicht dies am Beispiel des Kalten Krieges, wo im Rahmen des atomaren Wettrüstens zwischen den USA und der Sowjetunion eine gegenseitige Abschreckung bestand. So müssen auch die «arabischen Cousins», wie Aumann sagt, begreifen, dass Israel existiert und keinen Wank macht. Das Verhalten der israelischen Regierung bezeichnet er als «Appeasement», als eine Kapitulation, die geradezu zu Anschlägen ermutige. Aumann spricht unter anderem den Austausch von zwei Leichen israelischer Soldaten gegen fünf Terroristen an. Die Signalwirkung für die Araber: Israelische Soldaten zu entführen lohnt sich. Daher dürfe sich Israel durch keine Form der Gewalt auch nur einen Zentimeter bewegen, «nur dann werden wir mit der Zeit Frieden erreichen», so Aumann.
Langzeitinteraktion
Für Aumann ist es die fundamentale Einsicht der Spieltheorie, dass eine Kooperation zwischen zwei Konkurrenten durch eine Langzeitinteraktion gefördert werde. Wo Vertrauen, Loyalität und vor allem die Möglichkeit der Vergeltung eine zentrale Rolle für langzeitiges kooperatives Verhalten spielen, bräuchten die «Spieler» vor allem Geduld, so Aumann. Als Mitglied der rechts-konservativen Organisation Professoren für ein starkes Israel ist Aumann gegen den Abbau von Siedlungen im Westjordanland. Vielleicht auch deshalb bleibt zum Schluss die Frage, inwiefern seine politische Haltung im Nahostkonflikt auf einer strategischen und kalkulierenden Spieltheorie beruht, oder ob sie vielleicht doch auch eine spieltheoretisch anmutende Ideologie ist.
Joël Hoffmann


