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22. August 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 34 Ausgabe: Nr. 34 » August 22, 2008

Frieden! Frieden?

August 22, 2008
Kommentar von Jacques Ungar

Dass der Friede kein homogenes Gebilde ist, sondern eher einem in zahllosen Farben schillernden Chamäleon gleicht, erlebten 36 religiöse israelische Touristen letzte Woche an der nach Jordanien führenden Scheich-Hussein-Brücke bei Bet Shean. Als Vorbereitung auf ihre dreitägige Reise ins haschemitische Königreich war ihnen eingebläut worden, keine typisch jüdischen Käppchen zu tragen, sondern unverfängliche, «neutrale» Mützen. Auch die Zizit (Schaufäden) sollten nicht aus den Hemden herausschauen, und T-Shirts mit hebräischer Aufschrift habe man zu Hause zu lassen. Der freundschaftlich-gutnachbarliche Besuch in einem Land, mit dem Israel im Frieden lebt, sollte ja nicht in unnötige Provokationen ausarten, oder?

Der Schock der Gruppe war aber abgrundtief, als jordanische Beamte am Grenzübergang das Gepäck der Israeli zu durchwühlen begannen und nicht aufhörten, bis sie nicht das gefunden hatten, wonach sie wahrscheinlich auf Befehl «von oben» suchen mussten: Tefilin, Talitot und Sidurim (Gebetsriemen und -schale sowie Gebetsbücher). Diese Utensilien dürfen, wie auch Talmud-Folianten, laut einer kürzlich erlassenen Regelung nicht mehr nach Jordanien eingeführt werden. Das sei, wie die Beamten sachlich-kalt erklärten, eine Massnahme «zum Schutz der Reisenden» und zur Vermeidung potenzieller Terrorbedrohungen.

Zwei Stunden lang diskutierten die Verantwortlichen der Gruppe mit den Jordaniern, doch alles fruchtete nichts. Nicht einmal das Versprechen, die «gefährlichen» Utensilien gut im Koffer zu verstecken und die Gebete nur im Hotelzimmer, nicht aber an öffentlichen Plätzen zu verrichten, nützte etwas. Entweder würde man Jordanien ohne die Religionsobjekte betreten (die Gegenstände würden bei der Rückkehr zurückerstattet) oder überhaupt nicht. Im Übrigen seien die zuständigen israelischen Stellen von der neuen Massnahme ins Bild gesetzt worden. Nach einer kurzen internen Debatte beschlossen 25 der Israeli, rechtsumkehrt zu machen, während elf Teilnehmer, vorwiegend Frauen, zusammen mit ihrem Guide die Fahrt nach Amman fortsetzten.

Das Klischee ist zwar abgegriffen, doch hier ist es mehr als am Platz: Man stelle sich die weltweite Aufruhr vor, die ausbrechen würde, sollte Israel sich erdreisten, Jordanier oder andere Besucher in traditionell arabischer Bekleidung, etwa mit einer Keffiah auf dem Kopf, daran zu hindern, religiös-jüdische Stätten zu betreten. Wie schnell wären die Araber dann mit der Behauptung zur Stelle, Israel untergrabe durch sein «rassistisches, kulturfeindliches» Verhalten den Frieden.

Sollten offizielle Gremien in Jerusalem von der jordanischen Massnahme in Kenntnis gesetzt worden sein, aber darauf verzichtet haben, die nötigen Informationen zu verbreiten, weil man hoffte, der Sturm im Wasserglas würde sich unbemerkt von den Massen rasch wieder legen, wäre dies eine unverzeihliche Unterlassungssünde.

Noch ist es aber nicht zu spät, von der jordanischen «Friedensgeste» zu lernen. Dem Wort «Boykott» haftet ein unangenehmer Nebengeschmack an, und Israel darf sich keinesfalls dazu hinreissen lassen, Gäste aus anderen Kulturkreisen so zu beschämen, wie Jordanien das an der Scheich-Hussein-Brücke mit jüdischen Touristen getan hat. Hingegen spricht nichts dagegen, wenn israelische Reisebüros aus ihren Programmen für Gruppenreisen jene Destinationen streichen, die das Prinzip der freien Religionsausübung derart krass mit Füssen treten, wie dies in Jordanien offenbar zur Norm geworden ist.





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