Chávez trifft jüdische Landsleute
Zum ersten Mal in seiner zehnjährigen Amtszeit traf sich der venezolanische Präsident Hugo Chávez Mitte August mit Vertretern der jüdischen Gemeinde des Landes. Als erstes versuchte Chávez, Vertrauen zu gewinnen: «Mich nannten sie einen Affen, einen Indio, einen schwarz-braunen Mischling und was weiss ich alles. Ich kenne den Schmerz der Diskriminierung aus erster Hand, und alle Gruppen, die Opfer davon sind, können auf meine sofortige Hilfe zählen.»
Treffen mit Lauder
Das Treffen sollte vor allem die Spannungen zwischen der jüdischen Gemeinde Venezuelas und der Regierung von Hugo Chávez abbauen. Am Treffen mit dabei waren auch Ronald Lauder, Präsident des World Jewish Congress, und Jack Terpins, Präsident des Congreso Judío Latinoamericano. Themen waren zudem das Verhältnis zu Iran und die abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zu Israel. Das enge Verhältnis zwischen Hugo Chávez und dem iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad wird von der jüdischen Gemeinschaft mit Sorge betrachtet. Als «sehr positiv» bewertete Abraham Levy Benshimol, Präsident des Dachverbandes der israelitischen Vereinigungen Venezuelas, allerdings die Begegnung. «Wir haben ernsthaft über den Kampf gegen den Antisemitismus in Venezuela und Lateinamerika gesprochen», so Levy Benshimol. «Von Seiten der Regierung gab es eindeutige Aussagen gegen den Antisemitismus.»
Wie schwer das Treffen jedoch zu organisieren war, zeigt sein Zustandekommen. Ronald Lauder bat die argentinische Präsidentin Cristina de Kirchner, ihren Amtskollegen in Venezuela von der Wichtigkeit eines Treffens zu überzeugen. Cristina Kirchner hat nicht nur ein gutes Verhältnis zur jüdischen Gemeinde in Argentinien, sondern auch ausgezeichnete Beziehungen zum venezolanischen Präsidenten. Im Juli rang sie Chávez die Zusage zu einem Treffen ab. Die weitere Organisation übernahmen dann die Botschafter Argentiniens und Venezuelas in den USA, Héctor Timerman und Bernardo Álvarez Herrera.
Jüdische Auswanderung
Beim Treffen versprach Chávez unter anderem, eine Verbindungsperson zwischen der jüdischen Gemeinschaft und seiner Regierung zu benennen. Zudem sprach er sich gegen das «Auslöschen eines Staates oder einer Nation» aus (und wies damit auf die Drohungen Ahmadinejads hin). Weiter kündigte Chávez an, die seit August 2006 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zu Israel wieder aufnehmen zu wollen. Er entschuldigte sich auch für die Hausdurchsuchungen in zwei jüdischen Gemeinschaftszentren, die er im November 2004 und Dezember 2007 hatte durchführen lassen. «Es gibt ein Gerücht der Regierung, wonach die jüdische Gemeinschaft und der Mossad hinter dem Umsturzversuch von 2002 stecken», hatte nach den Durchsuchungen der Vizepräsident des Dachverbandes der israelitischen Vereinigungen Venezuelas, David Bittan, geklagt. Chávez war am 11. April 2002 von Generälen der Nationalgarde zum Rücktritt aufgefordert worden.
Dass die jüdische Gemeinde in Venezuela seit Jahren schrumpft, hat jedoch weniger mit Antisemitismus und solchen Gerüchten zu tun. Viele Juden haben inzwischen den südamerikanischen Ölstaat vor allem in Richtung Miami verlassen. Allerdings mehr aus wirtschaftlichen Gründen und aus Ablehnung des von Chávez propagierten Aufbaus des «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» im Land. Die Zahl der Juden in Venezuela wird heute auf etwa12'000 geschätzt.
Jürgen Vogt


