Klezmermusik aus Argentinien
Von Julian Voloj
G abriel Dujovne, Gründer der Simja Dujov & The Strudel Band, sieht mit seinem Schnurrbart und Dreadlocks aus wie eine Mischung aus Salvador Dalí und Bob Marley, jedoch nicht ungedingt wie der typische Klezmermusiker aus einem osteuropäischen Schtetl. «Ich liebe Klezmer. Die Musik hat Seele. Es ist etwas Unbeschreibliches, das man fühlt, wenn man Klezmer hört», erklärt der 26-jährige Musiker und Songwriter. In seiner Heimatstadt, der Zwei-Millionen-Metropole Córdoba, in der sich nach Buenos Aires Argentiniens zweitgrösste jüdische Gemeinde befindet, ist Dujovne bereits mehr als ein Geheimtipp. Und auch auf dem grössten jüdischen Festival Lateinamerikas in Buenos Aires feierten die Massen Simja Dujov & The Strudel Klezmer Band.
Mit glücklicher Seele
«Der Name Simja bedeutet ‹Freude› im Hebräischen, und Dujov war der Name meiner Vorfahren, die aus der Ukraine nach Argentinien kamen», erklärt Dujovne. «Dujovne, hat man mir gesagt, bedeutet auf Russisch ‹mit Seele›. Ich mag die Idee, dass mein Name ‹mit glücklicher Seele› bedeutet.» Als 18-Jähriger sang Gabriel Dujovne in Córdobas jiddischem Chor. Damals war er mit Abstand der Jüngste. Die meisten Chorknaben waren über 60. «Jede Chorprobe war wie eine Feier im alten Schtetl. Während wir sangen, standen einige auf, fingen an zu tanzen oder diskutieren, wir assen Kuchen. Ich kam mir vor wie in einem Roman oder einem alten Film. Durch den Chor machte er die Bekanntschaft mit Jiddisch, jiddischen Liedern, und eben auch mit Klezmer.
In Argentinien ist Dujovnes Musik ebenso exotisch wie sein Äusseres: Begegnet man ihm mit seinem Akkordeon, so kommt er einem vor wie eine Figur aus einem Emir-Kusturica-Film. «Ich liebe Kusturicas Filme», erzählt er and fängt an, von seinen Lieblingsfilmen «Underground» und «Time of the Gypsies» zu schwärmen, aber vor allem von «Super 8 Stories», einer Dokumentation über Kusturicas eigene Band.
In Argentinien haben Simja Dujov & The Strudel Klezmer Band eine wachsende Fangemeinde. Doch auch wenn Argentinien mit über 200?000 Juden die grösste jüdische Gemeinde Lateinamerikas hat, so strebt Gabriel Dujovne nach Grösserem, und er hat sich aus diesem Grund in die Heimat der grössten jüdischen Diaspora aufgemacht. In New York versucht Dujovne momentan seine Karriere voranzubringen, wie es schon einst der junge Robert Zimmerman tat, der hier zu Bob Dylan wurde.
Namhafte Vorbilder
Der Vergleich mit Bob Dylan mag hoch angesetzt sein, aber wenn man mit Dujovne redet, versteht man sofort, dass es ihm wichtig ist, nicht nur ergreifende Melodien zu kreieren, sondern auch interessante Texte zu verfassen. Daher erstaunt es auch nicht, dass zu seinen Vorbildern neben Dylan auch Serge Gainsbourg und Leonard Cohen zählen.
«Gainsbourg, Cohen and Dylan haben mich beeinflusst, da sie ihr Judentum auf sehr persönliche Weise verstehen. Sie sprechen über Liebe, Gott und das Leben. Sie sind sich der Traditionen bewusst, sie kennen die Welt, in der sie leben, und sie haben ein besonderes Feingefühl, Dinge etwas anders zu sehen.» Während die drei jüdischen Barden in ihrer Musik jedoch nur wenig Referenzen zu ihren jüdischen Wurzeln aufzeigten, tritt Dujovne bewusst in eine jüdische Traditionskette, in dem er Klezmermusik macht. Seine Leidenschaft für Klezmer teilt er mit dem momentan angesagtesten jüdischen Musiker, dem Kanadier So-Called, dessen Welthit «You Are Not Alone» eine Mischung aus Funk, Soul und Klezmer ist.
Wie So-Called, der alte jüdische Platten sampelt und in einen neuen, oftmals jazzigen Kontext setzt, ist auch Dujovnes Musik eine Mischung aus verschiedenen Elementen. Seinen Wurzeln treu, verarbeitet er Tango und lateinamerikanische Rhythmen mit Balkanklängen und Melodien nach Harry Freilach. Die beiden Musiker trafen sich eher zufällig im Jüdischen Museum in New York und spielten zusammen. «Unsere Musik ist sehr ähnlich, und auch wieder grundlegend verschieden.» Als die beiden sich über Klezmer unterhielten, spielte So-Called dem Argentinier ein Klezmerstück in doppelter Geschwindigkeit vor und erklärte es kurzerhand zu Funk. «Einfach genial», schwärmt Dujovne.
Gute Aussichten
So-Called ist nicht der einzige, den Dujovne bisher in New York getroffen
hat: «Jacob hat mir gute Ratschläge gegeben, wie ich mich musikalisch
verbessern kann.» Jacob, das ist Jacob Harris, der zusammen mit Aaron
Bisman Matisyahu, den chassidischen Reggae-Star, entdeckte. Denn eines hat Gabriel
Dujovne auf jeden Fall schon geschafft: Er hat einen Termin beim Record-Label
JDub erhalten, das seit dem Erfolg von Matisyahu Tausende von Anfragen bekommt.
Ein Termin mit den beiden Managern von JDub kann daher Gold wert sein. «Ich
hatte ein gutes Gefühl. Wir haben uns lange unterhalten, und Jacob hat
mir geraten, nichts zu überstürzen. Ich habe Zeit, mich langsam international
zu etablieren.» In ein paar Wochen geht’s zurück nach Argentinien,
wo ein paar neue Songs aufgenommen werden, und dann nach Israel. Man wird sicher
noch einiges von Gabriel Dujovne hören, vielleicht bald auch in Europa.


