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31. Juli 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 31 Ausgabe: Nr. 31 » July 31, 2008

Ein echtes strategisches Dilemma

July 31, 2008
Shlomo Avineri zur Lage in Israel.

Jetzt, da die sterblichen Überreste von Eldad Regev und Ehud Goldwasser der israelischen Erde übergeben worden sind, wird es vielleicht möglich sein, eine intelligente Diskussion über die vielen Aspekte des Handels mit der Hizbollah zu führen. Einerseits hat die Regierung erklärt, «alles zu unternehmen», um die entführten Soldaten nach Hause zu bringen. Andererseits sagte sie, dass man mit den Entführern nicht verhandeln würde. Beide Erklärungen waren unverantwortlich und legten der Regierung Fesseln an. Auf der einen Seite ist es unmöglich zu sagen – und man sollte es nicht sagen –, dass «alles» getan würde, denn «alles» schliesst Massnahmen ein, die nicht einmal in Erwägung gezogen werden sollten. Auf der anderen Seite war es offensichtlich, dass über kurz oder lang mit den Entführern verhandelt werden würde, so wie es auch in der Vergangenheit stets der Fall gewesen ist.

Wer auch nur über ein wenig Erfahrung in Verhandlungen mit Entführern verfügt, der weiss, wie schwierig es ist, hier eiserne Regeln festzulegen. Jeder Fall unterscheidet sich vom anderen, die politischen Umstände und der unmittelbare Zusammenhang passen nicht bequem in Schubladen, und es ist schlicht unmöglich, klare Grenzen zu ziehen.

Vor diesem Hintergrund ist klar, dass es bei dieser Art von Verhandlungen einige wenige allgemeine Grundsätze gibt und dass Israel diese nicht beachtet hat. Der wichtigste Grundsatz ist die Notwendigkeit, Informationen über den Zustand der Opfer zu besitzen. Während des ganzen Verlaufs der Verhandlungen wusste Israel nicht, ob die beiden Entführten noch lebten oder tot waren. Man verhandelte, ohne zu wissen, was man im Austausch gegen die libanesischen Gefangenen erhalten würde. Dies ist unvorstellbar, und alles Gerede davon, «die Jungen heimzubringen», hat nur für mehr Verwirrung gesorgt.

In jedem künftigen Falle muss Israel erklären, dass es Verhandlungen nur dann beginnen wird, wenn es weiss, ob die Entführten noch leben oder nicht. Gleichzeitig muss Israel darauf bestehen, dass Vertretern des Internationalen Roten Kreuzes gestattet wird, die Gefangenen zu sehen und einen offiziellen Bericht über ihren Zustand zu verfassen. Dieser Grundsatz lässt sich nun im Falle Gilad Shalit anwenden: Es ist nicht annehmbar, dass die Entführer seiner Familie als Akt der Freundlichkeit einen Brief von Gilad zukommen lassen, aber keinen transparenten Bericht über seinen Zustand. Beide Forderungen werden von der internationalen Gesetzgebung gestärkt.

Eines der Argumente gegen diese Position weist auf den öffentlichen Druck hin, mit dem sich die Regierung auseinandersetzen muss. Das stimmt, doch die öffentliche Meinung ist weder eine von der Realität losgelöste autonome Einheit, noch ist sie unabhängig von der Art, wie die Regierung auf sie reagiert. In diesem Falle hat die Regierung einen schwerwiegenden Fehler begangen, als sie es sich erlaubte, im Kielwasser der öffentlichen Meinung zu fahren, welche die Entführten eher wie von den Kosaken entführte kleine jüdische Buben behandelte und nicht wie Soldaten in der Armee des jüdischen Staates. Die Regierung muss der Öffentlichkeit und den Familien im Brustton der Überzeugung sagen, dass sie alles in ihrer Macht stehende zur Befreiung der Soldaten tun wird, solange es sich im Rahmen von Israels übergeordnetem Interesse bewegt – aber nicht «alles». So wie eine Regierung das Recht besitzt, Soldaten in den Kampf, und vielleicht in ihren Tod zu entsenden, besitzt sie auch das Recht, das Schicksal der Entführten im Gesamtbild der breit gefassten strategischen Interessen des Staates zu betrachten.

Eine andere öffentliche Debatte bindet das Thema an die Mizwa der Auslösung von Gefangenen. Dieses Gebot ist eine verständliche, menschliche Antwort der jüdischen Öffentlichkeit in der Diaspora, die eine schwache, verwundbare Minderheit ohne militärische oder staatliche Macht darstellt. In dieser Situation gibt es keine Alternative als Erpressungen nachzugeben. In der heutigen Wirklichkeit aber mit einer souveränen jüdischen Einheit existiert eine ganze Palette von Optionen. Das heisst nicht, dass in einer spezifischen Situation das Entrichten von Lösegeld nicht die einzige Lösung sein mag, doch wäre dies allenfalls der letzte Ausweg und nicht das oberste Gebot.

Schliesslich haben die Medien in der Angelegenheit eine erschreckende Rolle gespielt. Sie wandelten eine komplizierte menschliche Tragödie und ein echtes strategisches Dilemma um zu etwas, das einer Seifenoper glich. Manchmal ist es möglich, sich an die trauernden Familien zu wenden und sie um ihre Ansichten und Gefühle zu bitten; genau jene, die mit ihnen mitfühlen, müssen sich aber zurückhalten und dürfen die Probleme der Familien nicht als ein Instrument betrachten, um ihre Einschaltquote zu erhöhen. Einige Medienschaffenden müssen in den Spiegel schauen und sich fragen, ob sie sich wegen ihrer Rolle in der Geschichte nicht schämen sollten.

Shlomo Avineri war Generaldirektor des israelischen Aussenministeriums während der Geisel-Rettungsaktion von Entebbe im Jahre 1976.





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