Das etwas andere Tischa Beaw
Von Julian Voloj
Tischa Beaw (der 9. Tag des Monats Aw) ist, wie auch Jom Kippur, ein Fastentag, doch im Gegensatz zu Jom Kippur ist Tischa Beaw ein Trauertag, an dem man verschiedener Katastrophen gedenkt, die dem jüdischen Volk widerfahren sind. Die rabbinische Überlieferung verlegt die Zerstörung des ersten und des zweiten Tempels sowie die Vernichtung von Betar im Bar-Kochba-Krieg auf den 9. Aw.
In der Beth-Elohim-Gemeinde im Osten des New Yorker Stadtteils Queens wird an Tischa Beaw noch einer weiteren Katastrophe gedacht: des Beginns der Sklaverei. «Am 8. August 1444, Tischa Beaw, verliess das erste Sklavenschiff unter portugiesischer Flagge den afrikanischen Kontinent», erklärt Rabbi Eliyahu, einer der Rabbiner von Beth Elohim. «Das Datum markiert den Beginn von 400 Jahren Sklaverei in Amerika.» Der Bezug zur Sklaverei mag nicht verwundern, wenn man bedenkt, dass Rabbi Eliyahu, wie alle anderen Gemeindemitglieder, Afroamerikaner ist.
Um zu Beth Elohim zu gelangen, muss man eine halbe Weltreise machen. Mit der
U-Bahnlinie E fährt man bis zur Endsta-tion in Jamaica, einst eine sehr
jüdische Gegend, heute berüchtigt für die sehr hohe Kriminalitätsrate.
Von Jamaica aus muss man einen Bus nehmen, der durch schwarze Armenviertel und
den ehemaligen Villenvorort St. Albans fährt, einst bekannt wegen der vielen
Jazzmusiker, unter ihnen Ella Fitzgerald und James Brown, die hier in den fünfziger
und sechziger Jahren lebten.
Beth Elohim befindet sich hinter den Villen. Dass dies hier nicht die sicherste
Gegend ist, zeigt sich etwa daran, dass die lokale Imbissbude an den Hochsicherheitstrakt
einer Bank erinnert, samt kugelsicherem Glas; sein Sandwich erhält man
durch eine Drehscheibe, während man von einer Sicherheitskamera gefilmt
wird. Ein Tourist verirrt sich hierher nie, und wohl kaum jemand aus Manhattan.
Die Synagoge ist ein bescheidenes Gebäude an einer unscheinbaren Strassenecke. Die Gemeindemitglieder definieren sich selbst als «Black Hebrews», schwarze Hebräer, oder «Black Israelites», schwarze Israeliten. Beide Begriffe werden synonym gebraucht. Beth Elohim ist eine von vier «Black Israelite»-Gemeinden in New York; die anderen Gemeinden befinden sich in Brooklyn, der Bronx und in Manhattans Stadtteil Harlem.
Auf der Suche nach den Wurzeln
Rabbiner Shlomo Ben Levy, dessen Vater 1983 Beth Elohim gründete, schätzt, dass heute etwa 40?000 afroamerikanische Juden in den USA leben. Dies sind nicht etwa Äthiopier, die ihren Weg in die USA gefunden haben, sondern Amerikaner, die ihre eigene Interpretation des Judentums leben. «Als wir als Sklaven aus Afrika geraubt wurden, wurden wir auch unserer Identität beraubt», erklärt Raphael Ben Dan, der aus Ohio stammt und wie die meisten Gemeindemitglieder nicht jüdisch geboren wurde. Der Chorleiter von Beth Elohim, der vor Kurzem eine CD mit «koscherer Gospelmusik» veröffentlicht hat, wurde als Baptist geboren, konvertierte dann zum Islam und fand, wie er sagt, seine Heimat schliesslich im Judentum. «Das Judentum ist der Ursprung aller monotheistischen Religionen. Wie kann ich etwas anderes als jüdisch sein, wenn ich nicht weiss, wer ich ursprünglich war?» Viele der Gemeindemitglieder teilen Raphaels Meinung. Um die Bibel richtig zu interpretieren, muss man zu den Wurzeln zurückkehren. Für viele Afroamerikaner ist das gleichzeitig auch die Wiederherstellung von Wurzeln, die ihnen durch die Sklaverei geraubt wurden.
Die «Black Hebrew»-Bewegung geht auf Rabbi Wentworth Arthur Matthews zurück, einen westindischen Immigranten, der 1913 nach New York kam. Matthews verband schwarzen Nationalismus mit jüdischer Religion und gründete Harlems «Ethiopian Hebrew Congregation», wobei der Terminus Ethiopian hier als Synonym für Afrika benutzt wurde. Keines der Gemeindemitglieder war Äthiopier.
Matthew behauptete, dass echte Juden schwarz seien und das weisse Juden lediglich das Resultat von Mischehen mit Europäern seien. Das Leiden der schwarzen Bevölkerung sei, so Matthews, eine Strafe Gottes, da sie die Gebote gebrochen hätten, doch Errettung werde kommen, wenn man zum Judentum zurückkehre. Heute gibt es in vielen amerikanischen Städten «Black Hebrew»-Gemeinden, etwa in Ohio, Philadelphia oder in Chicago, wo Temple Beth Shalom, die grösste «Black Hebrew»-Gemeinde Amerikas, zu Hause ist. Jede Gemeinde hat unterschiedliche Traditionen, doch die Erinnerung an die Sklaverei nimmt eine zentrale Stellung in der Identität afroamerikanischer Juden ein. «Die Thora mahnt uns, unseres Daseins als Sklaven in Ägypten zu gedenken, aber für uns als schwarze Amerikaner ist es wichtig, auch der Sklaverei in diesem Land zu gedenken», erklärt Rabbi Levy.
Halachisch nicht jüdisch
Für Tischa Beaw hat die «Black Hebrew»-Gemeinde daher eine eigene Zeremonie entwickelt, die an den Pessach-Seder erinnert. Auf einem Tisch stehen vier Kerzen, deren Farben verschiedene Attribute der Natur repräsentieren. Daneben findet sich eine Auswahl von sieben Speisen (Brot, Reis, Fisch, Mais, ein gekochtes Ei, Wasser und Petersilie), die verschiedene Aspekte des Jochs der Sklaverei darstellen. Passagen aus Dewarim und Jesaja werden zitiert und natürlich gibt es zahlreiche Referenzen zum Exodus.
«Den Israeliten wurde am 9. Aw mitgeteilt, dass sie 40 Jahre durch die
Wüste ziehen müssen, bevor sie das Heilige Land erreichen. So viel
Zeit war nötig, um die Sklavenmentalität zu ändern», erklärt
Rabbi Eliyahu. «Auch wir müssen uns von unseren mentalen Fesseln
befreien.»
Auch wenn es bereits seit den zwanziger Jahren «Black Hebrew»-Gemeinden
in den USA gibt, haben diese erst in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit
erhalten. Lange Zeit überwiegte die Skepsis gegenüber afroamerikanischen
Juden, nicht zuletzt aufgrund der radikalen Philosophie Matthews, der Schwarze
als die «einzigen wahren Juden» definierte.
Auch war lange Zeit das Misstrauen gegenüber der Authentizität dieser Art von Judentum gross. «Halachisch gesehen sind die meisten unserer Mitglieder nicht jüdisch», gesteht auch Rabbi Levy ein, «aber über die Hälfte der amerikanischen Juden lebt nicht gemäss der Halacha».
Rassentrennung gehört der Vergangenheit an und «Black Hebrew»-Gemeinden haben angefangen, sich vom schwarzen Nationalismus zu entfernen und das Judentum in das Zentrum ihrer Identität zu setzen. Auch wenn sich viele Gemeindemitglieder eher mit afrikanisch-jüdischen Gruppen wie etwa den Lemba in Südafrika oder den Abayudaya in Uganda verbunden fühlen als mit weissen jüdischen Gemeinden in den USA, so haben «Black Hebrew»-Gemeinden in den letzten Jahren angefangen, sich mehr zu öffnen.
Und nicht alle afroamerikanischen Juden gehören «Black Hebrew»-Gemeinden
an. In einem zunehmend multikulturellen Amerika hat vor allem die jüdische
Reformbewegung mehr und mehr afroamerikanische Konvertiten; und mit dem zunehmenden
Universalismus des Judentums in Amerika steigt auch die Akzeptanz von «Black
Hebrew»-Gemeinden. Rabbi Levy sieht die «Black Hebrew»-Bewegung
daher als eine von vielen Strömungen im Judentum. «Es geht um die
Beziehung zu Gott», erklärt Levy, «und nicht darum, welche
Hautfarbe man hat.»


