«Vom Atem des Judentums belebt»
und ihren Weggefährten, den Laizismus, mit Religion zu vereinbaren"
tachles: Was betrachten Sie als die heute drängendsten Fragen des Judentums?
David Banon: Mir scheint, dass für uns die Frage nach dem Volk, seiner Einheit und Identität die wichtigste ist. Seit der Emanzipation von 1791 haben sich die Juden in Traditionalisten, Orthodoxe, Ultraorthodoxe, Liberale, Laizisten, Zionisten und sogar Postzionisten zersplittert. Wir haben den Zement verloren, der die verschiedenen Strömungen zusammengehalten hat: die Thora.
Sie verwenden «Identität» in der Einzahl, aber besteht diese nicht eher im Pluralismus? Was bedeutet «Identität des Volkes»?
Das Judentum war sicher nie monolithisch, aber seine Strömungen haben sich immer auf die Thora nach rabbinischer Tradition als den gemeinsamen Nenner bezogen. Deshalb wurden die Juden, ungeachtet ihrer individuellen Verbundenheit mit deren Geboten, auch bis vor 200 Jahren als das Volk der Thora betrachtet und anerkannt. Das ist heute nicht mehr der Fall.
Was ist denn letztlich für Sie das Judentum – eine Religion, eine Kultur?
Ich habe nicht den Anspruch, diese Frage zu beantworten, die das ganze jüdische Volk beschäftigt. Aber ich kann auf Leo Strauss (1899–1973) verweisen, einen laizistischen Juden par excellence. Für ihn konnte der Zionismus, der sich nach Herzl als «politisch» ausgab, das jüdische Problem nicht lösen, weil er es zu eng auffasste. Er betrachtete deshalb den kulturellen Zionismus Achad Haams als überlegen, weil dieser davon ausgeht, dass der jüdische Staat das jüdische Erbe mit einbeziehen müsse. Und dennoch war auch der kulturelle Zionismus ungenügend und musste seinerseits zum religiösen Zionismus werden. «Und wenn der religiöse Zionismus sich selbst richtig versteht, ist er in erster Linie jüdischer Glaube und nur in zweiter Linie Zionismus.» Eine elegante Art auszudrücken, dass der Zionismus, der sich immer wieder die Umgehung der Religion zur Aufgabe gemacht hatte, unausweichlich zur Religion, zum Judentum zurückführt.
Ist die Thora für Sie ein religiöser Text?
Die Thora ist die Identitätskarte des israelitischen Volkes. Sie ist das Wort der Offenbarung, der Allianzvertrag zwischen Gott und dem Volk Israel. Denn erst aus der Erzählung seiner Geschichte ist aus dem biblischen Israel die historische Gemeinschaft geworden, die sich das jüdische Volk nennt. Heute wird dieser Bund jedoch in Frage gestellt.
Die früher sehr starke Verbindung zwischen Judentum und Israel scheint mehr eine Frage des Nationalismus 0geworden zu sein. Worin besteht für Sie heute diese Verbindung?
In einer sehr, sehr langen Liebesgeschichte zwischen einem Volk und seinem Land. So lange sich Israel als jüdischer Staat, als Staat der Juden oder auch als jüdisch-demokratischer Staat definiert, wird diese Verbindung stark sein. Wenn sich Israel aber dazu hinreissen lässt, zum Staat all seiner Bürger zu werden, wird dieses Band geschwächt und schliesslich verschwinden.
Ist es angesichts der wachsenden gesellschaftlichen Säkularisierung überhaupt möglich, Probleme mit religiösen Antworten anzugehen?
Es gibt sehr wohl Wege, die Säkularisierung und ihren Weggefährten, den Laizismus, mit Religion zu vereinbaren. Ein militanter Laizismus, wie er in Israel und zunehmend auch in europäischen Gemeinden existiert, wird eine harmonische Verbindung aber nicht erlauben. Demgegenüber würde ein sanfterer, versöhnlicher Laizismus, in dem Konflikte durch Debatte und Dialog und nicht durch Stimmenmehrheit und vollendete Tatsachen gelöst würden, die Koexistenz und das gute Einvernehmen garantieren. Es wäre besser, von einem rohen Laizismus zu einem zivilisierten Laizismus überzugehen.
Die grossen jüdischen Denker verschwinden mehr und mehr. Haben wir eine Denk-Krise?
Die Philosophie ist ein brotloses Metier und eine einsame Arbeit. Kein Wunder, dass man sich eher lukrativeren Tätigkeiten zuwendet und das Denken, das Forschen und das Schreiben links liegen lässt. Dazu kommt, dass wir in kurzer Zeit etliche grosse Denker verloren haben: Soloweitschik, Levinas, Leibowitz, Auerbach, Feinstein … Die aufeinander folgenden Generationen der Denker haben sich so weit ausgedünnt, dass wir uns durchaus verwaist fühlen können.
Gibt es für Sie als Philosoph und Jude einen Unterschied zwischen Philosophie und jüdischer Philosophie?
Die Philosophie versucht, auf Fragen zu antworten, die ihr die Welt, die Gesellschaft, das menschliche Wesen und Gott aus der Sicht des menschlichen Verstands, den sie – wenn auch beschränkt – als autonom und souverän betrachtet, stellen. Philosophen nehmen es mit der Autonomie des menschlichen Verstandes nicht so genau. Der jüdische Philosoph seinerseits aber bezieht sich auf einen Text, einen Text der Offenbarung, die Bibel, interpretiert durch die Gesamtheit der rabbinischen Tradition.
Ist die Philosophie, einschliesslich der jüdischen, auch ein Kampf gegen Gott?
In jeder Philosophie ist die Frage nach Gott vorrangig; sie ist aber weniger ein Kampf als eine Askese. Maimonides bekräftigt, in seinem Bestreben, Gott zu erkennen, auf die Philosophie zurückgegriffen zu haben. Denn nur die Philosophie und sie alleine erlaubt, die Idole, den Gottesersatz zu identifizieren, welcher die nicht philosophische Denkweise für göttliche Transzendenz hält. Die Philosophie ist die Ausnüchterung, die Ausräumung jeglicher Illusion. Aber Gott kennen heisst für den Juden, ihm zu dienen.
Ist es für einen gläubigen und praktizierenden Menschen wie Sie schwieriger, Philosoph zu sein?
Einfach ist es nicht, weil man Misstrauen erregt. Die Philosophie ist in ihrem Ursprung heidnisch, und die Moderne hat sie und die Theologie voneinander getrennt. Wir sind somit doppelt verdächtig – den Philosophen und den Religiösen. Bei internationalen Konferenzen beurteilen uns nicht jüdische Kollegen ohne Vorurteile und anhand dessen, was wir vortragen, im Gegensatz zu den laizistischen Israeli, die uns sofort kategorisieren, in Diskussionen provozieren und nicht immer intellektuell aufrichtig sind.
Wer sind für Sie die grossen jüdischen Philosophen?
Der grösste ist zweifelsohne Rambam, dessen «Führer der Unschlüssigen» noch heute nach Interpretation verlangt. Und Spinoza, weil er nicht nur ein Religionskritiker, sondern auch der erste Denker der modernen Demokratie war. Er kann uns helfen, den heutigen Juden zu verstehen, denn er war selbst ein Mann, der mit der Religion seiner Väter gebrochen hat, ohne deswegen sein Volk zu verlassen.
Würden Sie dieses Phänomen als eine Art von Assimilierung betrachten?
Seinem Volk treu bleiben heisst nicht, sich assimilieren. Dennoch bleibt die Frage der Ausrichtung in diesem Fall offen.
Wäre Spinoza heute ein typischer Jude?
Auf jeden Fall repräsentativ für eine stattliche Zahl unserer Glaubensgenossen. Er war der erste laizistische Jude und er hat im 17. Jahrhundert gelebt. Vor ihm konvertierte jeder, der die jüdische Religion verliess; Spinoza blieb dem jüdischen Volk verbunden.
Wenn sich Rambam und Spinoza hätten begegnen können, wäre ihre Beziehung problematisch gewesen?
Sie wären sich in etlichen Punkten uneins gewesen, aber nach meiner Überzeugung hätten sie sich, wenn sie gegenseitig ihre Werke gekannt hätten, in einem Hauptpunkt einigen können: Gott hat nicht die Religion geschaffen, sondern die Welt. Folglich muss die Thora eine Wirkung auf die Welt haben. Sie darf nicht in den vier Mauern des Studienhauses eingesperrt bleiben.
Als Philosoph beziehen Sie sich oft auf die Quellen des Judentums als «alte Inspiration». Was machen Sie daraus?
Ich beziehe mich auf Texte, die alt und verstaubt sind wie die Welt, die aber ungeahnte Weisheiten durch die Jahrhunderte getragen haben. Wenn man sie aus einem philosophischen Blickwinkel studiert, überrascht ihre Modernität. Wir sollten den Kult um das Neue vergessen, denn nicht alles, was neu ist, ist notwendigerweise gut und lobenswert. Zudem kann das Denken von gestern unbestreitbar an die Aktualität anknüpfen, und diese Verbindung ist das Markenzeichen für grosses Denken.
Sie haben mehrere Bücher geschrieben. Können Sie uns zu Ihrem letzten Werk etwas sagen?
Es heisst «Entrelacs» («Flechtwerk») und schliesst an meine zwei letzten Bücher an, die das gleiche Thema behandeln, nämlich Interpretation von Midraschim, indem es in drei Teilen gewisse Punkte wieder aufnimmt, entwickelt und erweitert. Der erste Teil ist eine Abhandlung über die Methode des Midrasch, die auf der Rolle des Buchstabens besteht. Im Gegenteil zur Aussage der Christen, wonach «der Buchstabe tötet», zeige ich auf, dass der Buchstabe von Sinn durchtränkt ist. Der zweite Teil besteht aus einer Debatte mit modernen jüdischen und nicht jüdischen Autoren, und der dritte handelt von Methoden auf bestimmte Bibeltexte einzugehen.
Sie haben das Buch als Philosoph geschrieben. Wäre es anders herausgekommen, wenn Sie es als Rabbiner geschrieben hätten?
Ich hätte nichts daran geändert, auch wenn die Rabbiner die Philosophie als Häresie betrachten. Philosophen und Rabbiner kommen nicht immer gut miteinander zurecht. Mir scheint allerdings, dass die heutigen Rabbiner mit einigen Ausnahmen keine grossen Werke des Denkens mehr schaffen. Aber vielleicht sind sie mit den täglichen Aufgaben ihres ehrenwerten Amtes als Gemeinderabbiner auch einfach ausgelastet und finden keine Zeit dafür.
Ist es Zufall, dass man die neuen Philosophen und Denker wie etwa Glucksmann oder Lévy, die sich politisch engagieren, in Frankreich antrifft?
Diese Philosophengeneration ist mit den Ereignissen im Mai 1968 zum Vorschein gekommen. An der Spitze des Protests gab es viele Juden. Einige Jahre später wurde ihre Namen bekannt, grosse Tageszeitungen und Wochenmagazine öffneten ihnen ihre Kolumnen. Finkielkraut, Glucksmann, Lévy, Adler und sogar Benny Lévy sind Intellektuelle geworden, die ihre Ansichten zu gesellschaftlichen Problemen Frankreichs, Europas und der Welt zum Ausdruck bringen.
Im Gegensatz zu Ihnen beschäftigen sie sich aber nicht mit dem Judentum.
Ausser dem verlorenen Sohn Benny Lévy, der sich einige Jahre nach 1968 an die jüdischen Quellen laben gekommen ist und diese eifrig verteidigt hat, haben sie sich auf das Studienhaus beschränkt. Das heisst aber nicht, dass ihre Werke nicht vom Atem des Judentums belebt wären.
Haben Sie mit diesen französischen «neuen Philosophen» etwas gemeinsam?
Sie werden von den Medien zu hoch gespielt und sind weiten Kreisen der Gesellschaft bekannt. Mich hingegen kennt man nur in sehr engen Kreisen. Zwischen ihnen und mir gibt es kein Bindeglied.
Stehen Sie im Zuge der zunehmenden Präsenz des Islam in unserer Gesellschaft mit dessen Philosophen im Dialog?
Wegen der Spannungen im Nahen Osten ist der Dialog mit dem Islam schwierig zu etablieren. Aber im universitären und interreligiösen Rahmen hatte ich Gelegenheit, mit gewissen von ihnen zu debattieren. Für die Begründung eines Dialogs mit dem Islam braucht es ein Klima des Vertrauens, das derzeit noch fehlt. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Islam den Prozess der Säkularisierung im Gegensatz zum Christen- und Judentum noch nicht durchlebt hat. Dieser Prozess aber garantiert als einziger die Freiheit der Meinungsäusserung.
Sie wohnen in Genf und haben deshalb sicher eine fundierte Meinung zum Judentum in der Schweiz.
Ich kann allerdings nur über die Romandie sprechen, und hier stelle ich eine Polarisierung fest. Eine Randgruppe der jüdischen Bevölkerung charedisiert und radikalisiert sich, während die grosse Mehrheit am religiösen Leben uninteressiert ist. Zwei Pole, zwei Extreme, während das Judentum der Mitte nicht mehr existiert oder zumindest zu verschwinden droht.
Kein spezifisch schweizerisches Problem …
Ja, ich sehe die Anzeichen dafür in der Schweiz und in Frankreich.
Zerstört diese Polarisierung das Judentum?
In jedem Fall erzeugt sie Spannungen und somit Gefahren. Aber das Juden tum kann auf enorme und ungeahnte Ressourcen zurückgreifen. Er war bisher und wird auch künftig im Stande sein, sogar grosse Krisen zu überstehen.
Sollte man einen Sanhedrin einberufen, um zum Judentum neue Entscheidungen zu treffen?
Es war die Idee Ben Gurions, die noch immer ihre Vorzüge hätte: Eine Versammlung der Weisen einberufen, um über alle Fragen nachzudenken, die das jüdische Volk beschäftigen, ohne jedoch Entscheidungen zu treffen, eine Art konsultatives Gremium.
Sie haben auch zum Thema Messianismus geschrieben. Ist er für Sie eine philosophische Idee?
Für die Juden ist der Messianismus eine Erwartung. Er ist eine Spannung in der Zeit, die nicht den Verfall und die Degenerierung zum Zentrum hat, sondern die Erneuerung, das Unvorhergesehene, Hoffnung, Begegnung, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit.
Ist denn das Warten der Weg oder das Ziel?
Beides. Jeder Messias, der ankommt, wird sofort als falscher Messias bezeichnet – so jedenfalls war es in unserer Geschichte, weil er nicht alles vollbracht hat. Es wird immer Unvollbrachtes bleiben. Deshalb ist der Messianismus die Erwartung.
Interview: Yves Kugelmann


