Verbieten oder vorbereiten?
Kinder, die durchs Internet surfen, in Chats mit Unbekannten kommunizieren oder sich Bilder auf ihren Handys versenden – bei dieser Vorstellung kommen bei den Eltern gemischte Gefühle auf. Denn neben den Vorteilen dieser Medien, wie dem enormen Angebot an erzieherischen Inhalten oder der besseren Kontrolle des Aufenthaltsortes der Kinder, lauern bei der Anwendung moderner Technik auch Gefahren, die anders sind, als es früher ein aufgeschürftes Knie oder das Verirren in der Nachbarschaft waren. Daher ist der richtige Umgang mit diesen Medien ein wichtiger Bestandteil der heutigen Erziehung geworden. Und dies auch nicht zuletzt in der Schule, wo die Schüler schon früh professionell mit dem richtigen Umgang vertraut gemacht werden können.
Freiheit mit Hilfe von Regeln
So beispielsweise in der «Jüdischen Schule Noam». Für die Benutzung des Computerlabors sind hier klare Regeln vorgesehen, welche von den Schülern unterschrieben werden. So sieht eine Regel beispielsweise vor: «Ich besuche keine Homepages mit Inhalten, die für mich ungeeignet sind, zum Beispiel solche mit gewalttätigen, rassistischen oder pornographischen Inhalten.» Ebenso verboten sind die Weitergabe von persönlichen Daten sowie das Antworten auf unbekannte E-Mails. Neben dem Vertrauen, das man in die Schüler setzt, wird jede Nutzung registriert. So kann anhand des persönlichen Passworts, das jeder Schüler beim Benutzen eines der Computer eingeben muss, nachvollzogen werden, wer auf welcher Site gesurft hat. Gemäss Rabbiner Michael Goldberger, Rektor der Noam, sei es wichtig, den Kindern den Umgang mit der Technik beizubringen. Wie bei den meisten Dingen gäbe es natürlich auch hier sowohl Chancen als auch Gefahren. Entscheidend sei aber, dass man die Kinder auf den Umgang mit diesen vorbereite. So auch mit den Mobiltelefonen. Diese müssen beim Betreten der Schule abgeschaltet werden und dürfen erst bei Verlassen der Schule wieder eingeschaltet werden. Dass die Erziehung der Noam im Bereich Internet durchaus erfolgreich ist, zeigt die Website www.noam.juniorwebaward.ch. Mit dieser Site unter dem Titel «Judentum von Kindern für Kinder» gewann die 5. Klasse beim Junior Web Award '08 unter 87 eingereichten Projekten den hervorragenden fünften Platz.
Verbote zum Schutz
Etwas anders geht man die Thematik in der «Jüdischen Schule Knaben», der «Jüdischen Schule», der «Yeschivo Ketono» und der Schule «Talmud Toire Chajei Oilom» an. Diese vier Institutionen haben gemeinsam einen Brief an die Eltern der Kinder verfasst, der die Nutzung von technischen Geräten regeln soll. Mobiltelefone sind demnach nur in «dringenden Bedarfsfällen» in die Schule mitzunehmen. Ausserdem müssen sie während des Tages abgegeben werden. Bei allen Mobiltelefonen sind der Internetzugang und die MMS-Funktionen zu blockieren. Alle anderen Geräte, die über ein Display verfügen, dürfen ohne besondere Genehmigung nicht in die Schule mitgebracht werden. Mit derselben Strenge werden auch die Themen Internet und E-Mails angegangen: «Die Benutzung des Internets, sowie die Kommunikation via Mails darf zu keiner Zeit gestatt werden», so die Regel. Die entsprechenden Geräte sind mit Codes zu blockieren. Dazu, weshalb die Schulen derart streng vorgehen, wollte sich von den Verantwortlichen der Schulen niemand äussern. Bei Fragen, die den Inhalt der Regeln betreffen, wurde auf Rabbiner Chaim Levy, Rabbiner Shoul Breisch und Rabbiner Mosche Chaim Schmerler verwiesen, welche an der Verfassung der Regeln beteiligt waren. In einer Stellungnahme verweist Rabbiner Levy auf die Gefahren dieser Technologien und auf die Unterstützung, welche die Rabbanim den Schulen geben wollen (siehe Kasten). Auf die Frage, ob solche Verbote den Reiz solcher Geräte und Funktionen nicht erhöhen, wollte niemand direkt Stellung nehmen. Das Problem sei diskutiert worden und mit einer «Dunkelziffer» müsse gerechnet werden.
Gemäss den Schulleitern und Rektoren der vier Schulen sind diese Regeln bei den Eltern mehrheitlich auf offene Ohren gestossen, obwohl das Begleitschreiben, welches unterschrieben zurückgesendet werden musste, mit den Optionen «Ja, wir akzeptieren die Regeln» oder «Ja, wir akzeptieren die Regeln, bitten aber um technischen Support» keine Option zur Ablehnung der Regeln zur Verfügung stellte. Doch ganz scheinen die Regeln doch nicht akzeptiert worden zu sein. Denn immerhin folgte auf das Schreiben bald ein weiterer – weniger strenger – Brief. Gemäss diesem ist es den Kindern zwar erlaubt, das Internet zu nutzen und E-Mails zu schreiben, allerdings nur unter Aufsicht ihrer Eltern.
Erziehung als Herausforderung
Das immer noch relativ neue und sich stetig weiter entwickelnde Medium Internet bietet heute eine der grössten Herausforderungen an die Erziehenden. Die pädagogischen Massnahmen, die den richtigen Umgang lehren sollen, stecken daher oft noch in den Kinderschuhen, sind aber bereits von grosser Wichtigkeit. So lancierte auch die Stadt Zürich, praktisch gleichzeitig mit der Veröffentlichung des Schreibens der vier Schulen, die Kampagne www.schaugenau.ch, welche Kinder und Erwachsene schult, mit den Gefahren des Internets umzugehen. Solche Kampagnen und Regeln, wie auch beispielsweise die «PC-Ordung» der Noam, basieren aber auf der Annahme, dass die Kinder auch alleine im Internet surfen. Ob es die richtige Vorbereitung auf die Nutzung dieser Möglichkeiten sein kann, den Kindern die selbstständige Benutzung des Internets zu verbieten und die technischen Geräte mehr nach ihren Gefahren zu definieren statt nach ihrem Nutzen, wird wohl erst die Zukunft zeigen. Meist aber ist bei Kindern der Reiz nach jenen Dingen am grössten, die verboten sind.
Uri Rothschild


