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18. Juli 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 29 Ausgabe: Nr. 29 » July 18, 2008

Unzüchtige Unterhaltung an Bord

July 18, 2008
Ultraorthodoxe Rabbiner in Israel haben eine Kaschrut-Liste für Fluglinien publiziert. Auf dieser nehmen ausländische Gesellschaften viel bessere Plätze ein als die israelische Konkurrenz. Steine des Anstosses sind die während der Reise ausgestrahlten Filme.

Wer wirklich rechtschaffen sein will, der zieht es in manchen Fällen vor, bei Nichtjuden zu kaufen und nicht bei Juden. Das gilt beispielsweise für Flugtickets. Letzte Woche etwa erhielten in einer von der rabbinischen Kommission für Transportfragen erstellten Liste Fluggesellschaften aus Grossbritannien, Belgien, Russland und den USA die höchsten Werte punkto Kaschrut.

Diese erstmals in dieser Form ausgearbeitete Liste zielt darauf ab, dem verwirrten, hilflosen ultraorthodoxen Reisenden zu helfen, sich keine Filme anschauen zu müssen, die eine «schreckliche spirituelle Gefahr» darstellen, eine Gefahr, die sich auch in einer Flughöhe von 11 000 Metern nicht verflüchtigt.

Auf Nadeln sitzen

Die vor etwa einem Jahr von Rabbinern aller orthodoxen Strömungen gebildete Kommission publizierte ihr aussergewöhnliches Dokument letzte Woche in den beiden ultraorthodoxen Zeitungen «Yated Neeman» und «Hamodia». Dort konnte man unter anderem lesen: «Das Problem von Filmvorführungen während des Fluges stellt eine schreckliche spirituelle Gefahr dar. Einige Fluggesellschaften zeigen überhaupt keine Filme, andere Flugzeuge wiederum haben keinen zentralen Bildschirm, sondern nur individuelle Bildschirme für jeden Passagier, die sich ausschalten lassen. Diese Gesellschaften beweisen, dass es einen anderen Weg gibt, und es ist empfehlenswert, mit ihnen zu fliegen.»

«Ich bin von Hunderten von verbitterten Passagieren kontaktiert worden», sagte eine der Kommission nahestehende Person, die gefragt worden war, wie die Kommission darüber befindet, welche Gesellschaft ganz besonders ungeeignete Filme auf ihren Flügen ausstrahlt. Viele ultraorthodoxe Reisende beklagen sich darüber, während des Fluges praktisch gezwungen worden zu sein, solche Filme mit anzusehen. Die genannte Person wies auch darauf hin, Ultraorthodoxe hätten oft das Gefühl, «ihr gutes Geld gezahlt zu haben, nur um während Stunden auf Nadeln zu sitzen».

Die Kommission hat drei Abstufungen für Fluglinien gemäss ihrer Film-Politik während des Fluges eingeführt. Den ersten Rang nehmen Gesellschaften ein, die überhaupt keine Filme zeigen, wie British Airways auf dem Flug nach London oder Swiss auf dem Weg nach Zürich. An zweiter Stelle folgen Gesellschaften mit individuellen Bildschirmen, die einerseits ausgeschaltet werden können – auch, wenn es andererseits immer noch möglich ist, die Filme auf dem Schirm anderer Passagiere zu verfolgen. Die Kommission empfiehlt ihren Reisenden daher, sich mit einem «zusammenlegbaren Vorhang» auszurüsten. An dritter Stelle folgen Fluglinien, die zwar ebenfalls über individuelle Schirme verfügen, in Zeiten grossen Andrangs aber Grossraumflugzeuge mit zentralen Kabinen-Bildschirmen benutzen.

Grenzen der Züchtigkeit

Vor rund anderthalb Jahren befolgten ultraorthodoxe Reisende einen inoffiziellen, fünf Wochen dauernden Boykott gegen El Al, weil ein Flug verspätet gestartet war und nach Eingang des Schabbats in Miami landete. Die Gesellschaft erzielte darauf einen Kompromiss mit Vertretern der ultraorthodoxen Gemeinschaft, doch stellte sich bald heraus, dass das Abkommen dem Flugunternehmen nichts Konkretes vorschreibt, wenn es um die Auswahl der Filme für die Flüge geht. Die Kommission empfiehlt El Al daher nur für Flüge in die USA und nach London, wo individuelle Bildschirme offeriert werden. Aber auch dann ist El Al für die Rabbiner nur dritte Wahl nach ausländischen Linien. «Zu unserem Leidwesen», liest man in dem Dokument, «verspricht die Gesellschaft nicht, auf Flügen nach anderen Destinationen entweder keine Filme zu zeigen oder dann mit individuellen Bildschirmen zu operieren.»

El Al ist für die Rabbiner aber immer noch ungleich viel besser als die anderen israelischen Gesellschaften Arkia und Israir, die «alle Grenzen der Züchtigkeit in einer schwerwiegenden, den Schabbat verletzenden Weise» sprengen würden. Mit diesen Gesellschaften sei auf keinen Fall zu fliegen. Parallel zum Dokument der rabbinischen Kommission veröffentlichten die ultraorthodoxen Zeitungen in Israel auch einen von einer Anzahl prominenter aschkenasischer Rabbiner unterzeichneten «heiligen Aufruf» an die Adresse der Fluggesellschaften. Dieses im Vorfeld der Reise-Hochsaison verfasste Dokument bedrängt alle Flugunternehmen, eine Reise «ohne Beeinträchtigung von Züchtigkeit und Heiligkeit» zu ermöglichen.

Fernsehen als Bedrohung

Was geschieht, wenn eines Tages die Bedrohung von Filmvorführungen während des Fluges beseitigt ist? Dann dürfte die Kommission sich mit dem Internet befassen, das «ganz besonders hässliche Filme von extrem niedrigem Niveau» in die gute Stube bringt. Ohne jetzt eine heftige Diskussion vom Zaune brechen zu wollen, sei abschliessend doch folgende Frage gestattet: Wenn die ultraorthodoxen Reisenden tatsächlich eine wirtschaftlich derart einflussreiche Gruppe darstellen, warum gründen sie dann nicht ihre eigene Fluggesellschaft? Ein geeigneter Name wäre etwa «Black Eagle», oder, wenn diese Wahl wegen des nicht-koscheren Adlers nicht genehm sein sollte, «Black Chicken». [ye/ju]





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