Jeder hütet seinen Schatz
Rücksicht genommen
Von Alexander Alon
Die Fakten sind auf dem Tisch. Das Reglement 51.024d «Organisation der Ausbildungsdienste» stellt fest, dass es dem Angehörigen der Armee (AdA) auf Gesuch erlaubt ist, seine Mahlzeiten aus religiösen Gründen «anderwärts» einzunehmen und, sofern er aus Glaubensgründen den Schabbat heilighalte, die Dienst leistende Truppe bereits am Freitagnachmittag zu verlassen. Auf der Homepage des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), der diese Regelungen in Zusammenarbeit mit der Armee ausgearbeitet hat, ist eine Zusammenstellung der Rechte jüdischer Dienstpflichtiger publiziert.
Wie die analogen Regelungen zu den jüdischen Feiertagen sind diese Rechte der jüdischen AdA nicht absolut. Klauseln wie «soweit dadurch keine erhebliche Störung des Dienstbetriebes entsteht» und «nach Möglichkeit» überlassen die Entscheidungsbefugnis dem Kommandanten. Halten diese Klauseln orthodoxe Juden davon ab, in der Armee Dienst zu leisten? Diese Vermutung lässt sich statistisch nicht belegen. Das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) erfasst seit fünf Jahren die Konfession der AdA nicht mehr, doch auch zum Zeitraum von vor 2003 sind auf Anfrage keine Daten erhältlich. Wie viele Orthodoxe im Militär Dienst leisten, lässt sich also nicht genau sagen; fest steht, dass es viele Beispiele gibt, in denen es Dienstpflichtigen gelang, die Religion und den Alltag im Militär zu vereinen und einige wenige Beispiele, in denen es nicht gelang.
Zum Beispiel Major Wyler
Ariel Wyler, bis zu seiner Entsendung als Wirtschaftsdiplomat in die Vereinigten Staaten Mitglied sowohl der Israelitischen Religionsgesellschaft Zürich und der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich als auch Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Endingen, sieht seine Motivation, in der Schweizer Armee Dienst zu leisten, in seinem Interesse für die Res Publica, die Bürgergesellschaft, begründet – ein Interesse, das ihn auch zur Diplomatie geführt hat. Wyler nennt drei Regeln, die seines Erachtens erfüllt werden müssen, um den Dienstbetrieb mit den Anforderungen der Religion zu vereinbaren: Erstens «rechtzeitige Vorinformation der Armee», zweitens «Entgegenkommen beruht auf Gegenseitigkeit» und drittens «Menschen hat es überall». Selbst unter Beachtung dieser drei Punkte sei es zwar zu bisweilen äusserst herausfordernden Situationen gekommen, oft habe es aber geholfen, sich in die Haut des anderen zu versetzen, zu begreifen, dass Glaubensfreiheit in der Schweiz zwar gewährleistet sei, aber dies nicht alle Bereiche der Religionsausübung umfasse, und dass der Grundauftrag der Armee in der Landesverteidigung, im Raumschutz und in der Unterstützung der zivilen Behörden liege, deswegen also die Förderung der Diversität nicht immer das Zentrum der Aktivitäten bilde. «Nicht umsonst trägt man dort die Uniform», fügt er an. Wyler kam der Armee entgegen, indem er sich anbot, die wegen Schabbat-Urlaub verpassten Diensttage mit frühzeitigem Einrücken am Sonntag zu kompensieren, und «bei dem kleinen Häufchen von Koscherkunden» auch keine koschere Küche erwartete, sondern lediglich etwas Platz im Kühlschrank und heisses Wasser für seine Fertigsuppen. Heute, so fügt er hinzu, finde sich meist auch ein Mikrowellenofen in der Truppenküche.
Wylers Aussagen zur allgemeinen Verträglichkeit von religiöser Vorschrift und Dienstpflicht werden von mehreren Seiten belegt: Die Kaderschule für angehende Küchenchefs der Teilstreitkraft Heer liess auf Anfrage verlauten, dass die künftigen Truppenköche auf das Thema «koschere Ernährung» sensibilisiert würden, während Rolf Halonbrenner, Leiter des Ressorts «Religiöses» im SIG betont, dass die Verweigerung einer Dispens für Ausgang am Schabbat oder an einem Feiertag meist von einem inkorrekten Verhalten des Untergebenen herrühre. Suche ein Wehrmann den SIG in solcher Angelegenheit um Hilfe an, so bemühe sich dieser um ein Gespräch mit dem zuständigen Kommandanten. In den vergangenen Jahren wurde so stets die gewünschte Dispens erteilt. Schliesslich müsse man sich bewusst sein, dass der observante Jude keine Privilegien fordere, sondern lediglich die Möglichkeit, die Pflichten des religiösen Lebens in den militärischen Alltag übernehmen zu können.
Als untauglich eingestuft
Eine Minderheit der Minderheit der orthodoxen Juden stellt das ultraorthodoxe Judentum dar. Vertreter dieser Richtung sind äusserlich die auffallendsten der hiesigen jüdischen Bevölkerung und die einzigen jüdischen Schweizer, die dem Rekrutierungspersonal der Armee sofort als Juden auffallen. Gemäss Andres Kunz, Chefarzt am Rekrutierungszentrum Rüti, einem der sechs Zentren in der Schweiz, in denen jeder Stellungspflichtige («Stpfl» im Armeejargon) auf seine Fähigkeit hin geprüft wird, Militärdienst zu leisten, sind die allermeisten dieser Jugendlichen sowohl für den Militär- wie auch für den Schutzdienst untauglich. Auf den hohen Prozentsatz angesprochen, betont er, dass nicht die Rede davon sein könne, dass sich diese Stellungspflichtigen, deren Anzahl zudem noch prozentual gesehen verschwindend klein sei, vor der Bürgerpflicht drücken wollen. Vielmehr seien sie nur schon aufgrund ihrer Gesinnung und Persönlichkeitsstruktur mit den Anforderungen des Dienstes unkompatibel.
Für die Sittlichkeit
Generell gelte nämlich, dass Gruppen, die stark an ein religiöses Schema gebunden seien, in der unflexiblen Schweizer Armee Schwierigkeiten bekommen könnten. Diese Schwierigkeiten und der potentielle Schaden an der Gesundheit im ganzheitlichen Sinne würden während der Rekrutierung im Voraus abgeschätzt, worauf die davon potentiell betroffenen Stellungspflichtigen von der Dienstpflicht ausgenommen werden könnten. Christoph Lienhard, Chefpsychologe am Platz, pflichtet diesem Befund bei: Im Gespräch mit den Jugendlichen konstatiere er oft eine Angst des Betreffenden, sich einordnen zu müssen. Die ärztlichen Atteste, welche die ultraorthodoxen Stellungspflichtigen an die Rekrutierung mitbrächten, sind für Kunz und Lienhard als Hinweis auf eine Einschränkung in der psychischen Flexibilität und Anpassungsfähigkeit zu verstehen, die letztlich den Ausschlag gibt, diese Jugendlichen für dienstuntauglich zu erklären.
Simon Bollag, ehemaliger Leiter des Ressorts «Religiöses» im SIG und Mitglied der Gemeinde Agudas Achim, sieht die Angst ultraorthodoxer Jugendlicher nicht so sehr darin, sich während des Dienstes nicht koscher ernähren zu können oder auf den Schabbat hin keinen Urlaub zu bekommen. Diesen Anliegen könne man heutzutage Rechnung tragen. Vielmehr sieht er die Segregation der Ultraorthodoxen, die auch im zivilen Leben gegenwärtig sei, als Reaktion auf die Verrohung und Unsittlichkeit der Jugend im Militär an. Die ultraorthodoxen Jugendlichen seien keine Übermenschen, sondern, wie alle Menschen auch, schlechten Einflüssen zugänglich. «Jeder hütet seinen Schatz», so Bollag. Dieser Zweig der Orthodoxie wolle das Risiko nicht eingehen, seinen Schatz, die Sittlichkeit, zu verlieren. Auf Anfrage war leider kein ultraorthodoxer Jugendlicher bereit, zu diesem Thema Stellung zu beziehen.
Der politische Druck, bedingt durch eine steigende Animosität der mehrheitlich säkularen Bevölkerung gegenüber ihren ultraorthodoxen Mitbürgern, die von der Militärpflicht ausgenommen sind, wenn sie an einer Talmudhochschle studieren, hatte 1999 in Israel zur Bildung von Nahal Haredi geführt, einem Truppenverband, in dem ultraorthodoxe Jugendliche Wehrdienst unter Bedingungen leisten können, die es ihnen ermöglichen «ihren besonderen Charakter und die Lebensweise zu bewahren, an die sie gewohnt wurden» (so die Homepage der IDF). Ein besonderes Auswahlkriterium für zukünftige Rekruten bilde, laut Homepage, die Reinheit der Sprache. Aufgrund der geringen Zahl ultraorthodoxer Juden – bloss etwa fünf bis zehn werden aufgrund von Kunz’ Schätzung in Rüti aufgeboten – und der veränderten Bedrohungslage nach dem Ende des Kalten Kriegs sind die Voraussetzungen für die Bildung eines solchen Verbandes in der Schweiz wohl nicht gegeben.
Die vollständige Liste mit Regelungen findet sich übersichtlich zusammengestellt auf einem Merkblatt des SIG auf dessen Homepage www.swissjews.org. Weitere Informationen zum Nahal Haredi auf www.nahalharedi.org.


