Israel ist nicht käuflich
Arkady Gaydamak, der israelisch-russische Milliardär, der gerne Bürgermeister von Jerusalem werden möchte, macht schwere Zeiten durch. Der Prozess gegen ihn in Frankreich rückt näher, Gerüchte von nicht eingehaltenen Verpflichtungen umgeben ihn wie hartnäckige Fliegen, die Meinungsumfragen im Vorfeld der Bürgermeisterwahlen sagen seiner Partei keinen Erfolg voraus, und nun verlassen ihn noch plötzlich starke und einflussreiche Leute, die er angestellt hatte, damit sie sich um seine Geschäfte kümmern.
Wahrscheinlich spürten diese Leute, die es wie schon ihre Vorgänger nur ein paar Monate bei Gaydamak ausgehalten haben, das gleiche, was auch in einer etwas grösseren Distanz von diesem ehrgeizigen Oligarchen zu spüren war: Eine schwere Wolke des Zweifels schwebt über ihm, und er ist nicht imstande, sie zu verjagen.
Trotz einiger deutlich auf Enthüllung ausgerichteter Interviews ist es Gaydamak bisher nicht gelungen, den Ursprung seines Reichtums zu erklären, und vor allem auch nicht die Motive für seinen Ehrgeiz, was er will, und warum er von einer Investition zur anderen, von einer Spende zur nächsten hüpft.Vor allem aber macht es den Anschein, als ob dieser Mann, der als einsamer
Wolf daherkommt, dessen Freund niemand zu sein behauptet und der sich mit dem
italienischen Premierminister Silvio Berlusconi vergleicht, sich zurückgewiesen
und verfolgt fühle und darüber hinaus die israelische Gesellschaft
nicht verstehe.
So hat er beispielsweise die Tatsache noch nicht begriffen, dass sein aggressiver
Umgang mit grossen Geldbeträgen nicht begrüsst wird. Ein Ergebnis
dieser Haltung ist der Beschluss des zweiten staatlichen Rundfunks, von ihm
den Verkauf seines Anteils an der Radiostation 99 FM zu verlangen.
Gaydamak hat auch nicht verstanden, dass sein Beschluss, Englisch zu sprechen
anstatt Hebräisch oder Russisch, zuerst einen charmanten Eindruck gemacht
hat, letztlich aber ebenso die alteingesessenen Israeli von ihm distanziert
hat wie auch die russischen Immigranten, die in ihm einen komischen Kauz sehen
(und die ihm heute misstrauen, da sie glauben, er habe seine Versprechen nicht
eingehalten).
Schliesslich hat Gaydamak auch nicht verstanden, dass seine ungezügelte
Unterwürfigkeit der Ultraorthodoxie gegenüber, die peinliche Leichtigkeit,
mit der er zwei Abgeordnete der Rentnerpartei kaufte, sowie sein massives Eindringen
in die Sportszene und die Tausenden von Bitten um Spenden ihn nicht automatisch
zu einer politischen Macht machen würden.
Israeli haben sich bis jetzt noch nicht gelöst von der aus der Alten Welt
mitgebrachten Tradition des «gvir» (des reichen Mäzens), des
«Onkels aus Amerika», und sie haben den Slogan erfunden «Maxwell
buy me». Sie sind glücklich, zu nehmen und zu bewundern, und dann,
etwas beschämt, zu zürnen und zu misstrauen.
Gaydamak braucht kein Mitleid. Er hat fleissg mitgemischt in diesem unschönen
Prozess. Nun wird es allmählich klar, dass sogar sein Beschluss, seine
entstehende Partei «Soziale Gerechtigkeit» zu nennen – zu
einem Zeitpunkt, da diese Worte ihrer Bedeutung entledigt worden sind –
die Partei und den Mann zum Objekt der Spötter gemacht hat.
Das Problem an sich ist natürlich nicht Gaydamak, sondern vielmehr das
riesige Vakuum, das ihn in den Glauben versetzt hat, die israelische Gesellschaft
sei mühelos käuflich. Es ist schon fast komisch zu beobachten, dass
sein Reichtum dort versagt hat, wo relativ «altes» Geld, in manchen
Fällen nicht weniger «schattiger» Herkunft, glitzernde Erfolge
verbuchen konnte und heute in kompletter Symbiose mit der Regierungsebene verflochten
ist.
Es ist schwer, Gaydamak, den Mann, von seinen Gewohnheiten zu trennen. Noch viel schwieriger ist es, dem System seine Gewohnheiten auszutreiben. Auch wenn man «altes» Geld eher gerne hat und akzeptiert, zerstört das verantwortungslose Überlassen der Macht in ihren Händen Israels Politik und untergräbt die Gesellschaft und schwächt den Staat.


