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18. Juli 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 29 Ausgabe: Nr. 29 » July 18, 2008

Ein Platz für Kunst und Ideen

July 18, 2008
Das neue jüdische Museum in San Francisco besitzt keine eigenen Kunstgegenstände. Aber es bietet Raum für die Umsetzung von Ideen.
<strong>Moderne Formen </strong>Das neue j&uuml;dische Museum in San Francisco

Das Contemporary Jewish Museum, das am 8. Juni seine neuen Räumlichkeiten in San Francisco eröffnen wird, liefert einen eindrücklichen Beweis dafür, was jüdisches Feingefühl an die amerikanische Kulturerfahrung beizutragen im Stande ist. Ebenso ist es das jüngste Beispiel für das jüdische Museum als lebendige Veranstaltung anstatt einer verstaubten Institution. Das ehrgeizige neue Projekt setzt sich gleich in mehreren Punkten von anderen ab.

Zuerst wären da schon nur einige Eckdaten zu nennen: Das 19?000 Quadratmeter umfassende und 47,5 Millionen Dollar teure Gebäude wurde von Daniel Libeskind entworfen, dem berühmten Architekten des Berliner Jüdischen Museums und des Masterplans für das neue World Trade Center in New York. Das Design für das Gelände, welches auch ein aus dem Jahr 1907 stammendes stillgelegtes Kraftwerk beinhaltet, ist vom hebräischen Wort «chai» («Leben») inspiriert. So elitär das Konzept ist, so strahlt das Gebäude doch die für Nordkalifornien typische Wohlfühlatmosphäre aus.

Die licht gebaute Museumslobby soll die Stimmung des Besuchers schon bei seinem Eintritt heben. Libeskind erklärt dazu in seinem Kommentar, dass «kein jüdisches Museum die Düsternis des Holocaust ignorieren» könne, dass aber dieses Gebäude «die Hoffnung verkörpern und manifestieren» und, wie die westliche Kultur Amerikas, für eine «Kultur der Freiheit, Neugier und der Möglichkeiten» stehen solle.Dieses Museum habe nur in Kalifornien so gebaut werden können, meint Mitchell Schwartz, Professor für Kunstgeschichte am California College of Arts. Denn es passe sich nahtlos in eine Gemeinschaft ein, die hochgradig innovativ und weitgehend unabhängig sei und die Erfahrung der Diskriminierung, die die Juden andernorts zu spüren bekamen, nie machen musste. «Dies ist ein Ort des Lebens, der Feier und des Vorwärtsstrebens», sagt er. «Es ist kein Ort der Gedanken an eine Tragödie, weil die jüdische Vergangenheit in Kalifornien keine tragische ist.»

Ein weiteres Charakteristikum des Museums ist, dass es keine ständige Sammlung zeigen wird, sondern wechselnde und zeitlich beschränkte Ausstellungen. Dies ist zum Teil durch seine örtliche Nähe zum Judah L. Magnes Museum in Berkeley bedingt, welches die drittgrösste Judaika-Sammlung des Landes beherbergt. Die beiden Institutionen sind noch immer im Begriff, einen vor einigen Jahren misslungenen, abgebrochenen Fusionsversuch zu verschmerzen und deshalb sehr darauf bedacht, einander nicht auf die Zehen zu treten. So zeigt eine der Eröffnungsausstellungen des Contemporary Jewish Museum Leihgaben des Magnes-Museum, mit der die beiden Häuser zum Ausdruck bringen wollen, was sie unter der vereinbarten engen Zusammenarbeit verstehen. «Was das neue Museum tut, ist etwas absolut Wundervolles und Einzigartiges», äussert sich dazu James Leventhal, Entwicklungsdirektor des Magnes-Museum. «Sie eröffnen neue Perspektiven, und dazu gehört auch die Art, wie sie mit uns zusammenarbeiten.»

Eine Art jüdische Kunstgalerien

Eine dritte spezielle Eigenschaft des Contemporary Jewish Museum ist seine Ausrichtung. Es ist ja nicht das einzige grossflächige jüdische Museum, das in den letzten Jahren entstanden ist. Es gibt schon das sensationelle und seit zehn Jahren erfolgreiche Skirball Cultural Center in Los Angeles, das vor fünf Jahren eröffnete eindrückliche Maltz Museum of Jewish Heritage in Cleveland und das jüngste jüdische Museum des Landes, das letzten Monat in Milwaukee seine Tore öffnete. Ausserdem wird das National Museum of Jewish History in Philadelphia in zwei Jahren seine neuen, über 30?000 Quadratmeter grossen Räumlichkeiten an der Independence Mall beziehen. Wie die meisten jüdischen Museen in Amerika konzentrieren sich diese Häuser darauf, die Geschichte einer spezifischen jüdischen Gemeinde chronologisch zu präsentieren, während eine kleinere Anzahl eher als eine Art jüdische Kunstgalerien funktionieren. Dazu gibt es natürlich noch die Holocaust-Museen, die von kleinen privaten Sammlungen in Gemeindezentren oder Synagogen bis zum U.S. Holocaust Memorial Museum in Washington reichen.

In punkto Ausrichtung, Grösse und Programmierung lässt sich das Museum in San Francisco wohl am ehesten mit dem Jewish Museum in New York vergleichen. Während letzteres aber eine Institution mit eigener Sammlung ist, welche die Geschichte des Weltjudentums abbildet, umschreibt Direktorin Connie Wolf den Zweck ihres Hauses in San Francisco als «zeitgenössischen Blick auf die jüdische Kunst, Kultur und Geschichte». Das neue Museum widme sich «Kunst und Ideen». Dabei stehe die Kunst, welche in ehrgeizigen Ausstellungen präsentiert werde, nicht so sehr im Mittelpunkt als viel mehr die Gespräche, welche sie provoziere, aber auch in der Gemeinschaft, die Wolf und ihr Team durch diese Gespräche ins Leben zu rufen hoffen. «Wenn man von einem jüdischen Museum spricht, denken die meisten Leute an ein Holocaust- oder historisches Museum. Wir sind keines von beidem», sagt Wolf, die dem Museum bereits in seiner bisherigen, viel bescheideneren Ausgabe vorstand und die treibende Kraft hinter dessen über Jahre entstandenem neuem Erscheinungsbild war. «Wir wollen, dass die Leute Fragen stellen, wie zum Beispiel: Was bedeutet zeitgenössisch?»

Es ist ein hochgestecktes Ziel, ein Museum als Basis für den Aufbau einer Gemeinschaft benützen zu wollen. Ab dem 7. Juni, einen Tag vor der offiziellen Eröffnung, wird das Museum die «Morgenröte» beherbergen, eine von der Abend- bis zur Morgendämmerung dauernde Schawuotfeier für junge Juden aus der Region mit Live-Musik, Lesungen, Filmen, Disco und einem von einem Rabbiner geleiteten Workshop. Und Kunst, natürlich. Die Nachtschwärmer werden nicht nur Gelegenheit haben, einen jüdischen Feiertag zu zelebrieren, sondern sie werden auch während der ganzen Veranstaltung durch die Ausstellungsräume spazieren und die Kunstwerke betrachten können. Der Anlass findet allerdings 24 Stunden vor dem eigentlichen Feiertag statt, damit auch praktizierende Juden teilnehmen können.

Kunst und Ideen

Diese Art innovativer Veranstaltungen, welche die junge, weitgehend unorganisierte jüdische Generation ansprechen sollen, ist eigentlich eher, was man von einem jüdischen Gemeindezentrum erwarten dürfte. Was dabei das Museum ausmacht, ist der bewusste Bezug auf die Künste. So beispielsweise die drei Eröffnungsausstellungen: Das «Alef-Bet-Projekt» ist eine Serie von Klangstücken, eine Auftragskomposition von John Zorn, die auf den Buchstaben des hebräischen Alphabets basiert; «Vom New Yorker zum Shrek: Die Kunst von William Steig» zeigt Leihgaben des New York Jewish Museum; und «Am Anfang: Künstler antworten auf die Genesis» ist eine Ausstellung, für die das Museum sieben - auch nicht jüdische - Künstler beauftragte, vom ersten Buch der hebräischen Bibel inspirierte Kunstwerke zu schaffen.

Fünf dieser Künstler nahmen an einem Studienmorgen mit Arnold Eisen in New York teil, dem Rektor des Jüdisch-Theologischen Seminars. Auch damit soll die Fokussierung des Museums auf die Wechselwirkung von Kunst und Ideen demonstriert werden. Dieser Schwerpunkt zeigt sich ebenfalls in der für den Schriftsteller Dan Schifrin aus Berkeley geschaffenen Position des «Museumsschreibers», der gleichzeitig als Leiter der öffentlichen Programmierung wirkt. Viele seiner ersten Angebote liegen denn auch im Bereich der Literatur, und dazu gehören im Oktober die Auftritte von «StoryCorps», einem aus New York stammenden Projekt für erzählte Geschichte, das vom lokalen Literaturliebling Dave Eggers geleitet wird. Dessen jüngstes Buch ist Einwanderungserzählungen gewidmet, und er wird eine Diskussion zur Einwanderung und dem jüdischen Konzept von «tikun olam» leiten.

Schifrin seinerseits will eine Lesegruppe auf die Beine stellen, die sich mit jüdischer Literatur zum Thema jüdische Kunst beschäftigt. «Die Lesegruppe ist eine Innovation, die eine Gemeinschaft schaffen und diese in das Museum einbringen wird», sagt er.

Die Organisatoren des Museums erhoffen sich von diesen aussergewöhnlichen Projekten, aber auch von der physischen Erscheinung des Museums und seiner zentralen Lage den Zustrom möglichst vieler vor allem jüngerer kalifornischer Juden, welche sich bislang innerhalb der jüdischen Gemeinschaft nicht engagiert haben. «Ein Museum ist ein Ort, an dem Interaktion mit dem Judentum leichter fällt als in einer Synagoge – die Mitgliedschaft ist viel billiger und die Verpflichtung nur gering», sagt Mitchell Schwartz. «Aber es versteht sich nicht als Ersatz für die Synagoge, sondern es könnte sogar bei einigen Leuten das Interesse an der Synagoge wecken.»

Sue Fishkoff


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