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16. Juli 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 7 Ausgabe: Nr. 7 » July 16, 2008

Weltreisen zum Ruhm

Katja Behling, July 16, 2008
Die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt war um 1900 das, was heute Madonna ist – ein internationaler Superstar. Für ihren Erfolg und Ruhm als erster weiblicher Weltstar des Theaters waren ausgedehnte Reisen durch ferne Länder wie Japan und Amerika entscheidend.

Von Katja Behling

Ich will sterben, wenn ich nicht die grösste Schauspielerin der Welt werden kann», sagte Sarah Bernhardt. Als sie starb, hatte die Französin ihr Ziel längst erreicht – und weit mehr. Im Laufe ihrer mehr als 60 Jahre währenden Karriere im 19. und frühen 20. Jahrhundert agierte die «göttliche» Sarah nicht nur als Schauspielerin, sondern war auch Managerin, Unternehmerin, Bildhauerin, Malerin, Model – und eine Weltreisende. Ungemein gross war das Spektrum ihrer Rollen. Selbst Inbegriff einer Künstlerin und Diva, gab sie die moderne Frau, die tugendhafte Kurtisane. Sie spielte die Phädra, Jeanne d' Arc, Kleopatra und Lady Macbeth – und Männerparts wie den Hamlet. Als Schauspielerin war die Aktrice eine Projektionsfläche für wildeste Phantasien und stürmische Verehrung unzähliger Anhänger. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud hängte ein Porträt von ihr in seiner Praxis auf. Sardou schrieb «La Tosca» für die Bernhardt, lange bevor Puccini seine gleichnamige Oper komponierte. Der Schriftsteller Oscar Wilde widmete ihr sein Stück «Salomé». Eine Ironie des Schicksals wollte es, dass die Bernhardt ausgerechnet diese Rolle letztlich nie auf der Bühne spielte.

Katholische Jüdin

Die Jahrhundertfigur Henriette Rosine «Sarah» Bernhardt wurde 1844 als Tochter und Nichte glamouröser jüdischer Kokotten geboren. Ihre Mutter war eine holländische Putzmacherin, die in jungen Jahren nach Paris gezogen war. In Bezug auf den Vater hüllte sie sich in Schweigen. Henriette Rosine wurde katholisch erzogen und getauft. Nach ersten Jahren bei Pflegeeltern und in einem Pensionat besuchte die Zwölfjährige auf Empfehlung eines aristokratischen Liebhabers ihrer Mutter die renommierte Klosterschule Grandchamps in Versailles. Nach der Schulzeit wollte sie Nonne werden, aber der Geliebte ihrer Mutter, Duc de Morny, schlug vor, Henriette Rosine solle Schauspielerin werden, und um sie zu überzeugen, lud er Mutter und Tochter in eine Aufführung in der Comédie Française ein.

Das Mädchen war sofort fasziniert. Der Herzog verschaffte ihr die Möglichkeit, vorzusprechen und mit einer Schauspielausbildung zu beginnen. Im August 1862 debütierte Sarah, wie sie sich jetzt nannte, in der Comédie Française mit der Titelrolle des Stücks «Iphigenie» von Racine. Nur zwei Jahre später, 1864, brachte die unverheiratete Zwanzigjährige ihren Sohn Maurice, ihr einziges Kind, zur Welt.

Ihre Bühnenambitionen durchkreuzte das nicht. Den Durchbruch schaffte Sarah Bernhardt 1868 mit «Kean» von Alexandre Dumas dem Älteren im Pariser «Odéon». Ihre unterschiedlichen Rollen machten sie auch auf der Bühne zu der Grenzgängerin, die sie im Leben als katholische Jüdin längst war: Eine Frau, die sich zwischen den religiösen Identitäten bewegte. Eine Künstlerin, die auf der Bühne sowohl christliche als auch jüdische Heldinnen verkörperte und das Bild der jüdischen Aussenseiterin für ihre Darstellungen und Selbstdarstellungen zu nutzen wusste. Die Öffentlichkeit sah in ihr eine aussergewöhnliche Frau, umgeben von einer exotischen Aura. Einerseits wurde die Bernhardt bewundert und angehimmelt. Andererseits griff die Presse sie aber auch immer wieder ihres «typisch jüdischen» Äusseren und Gehabe wegen an. Und in Odessa und Kiew warf der Pöbel einmal sogar mit Steinen auf ihre vorbeifahrende Kutsche und brüllte antisemitische Parolen. Sie galt aber auch als nationales Symbol und stand als französische Patriotin während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 und des Ersten Weltkrieges öffentlich zu ihrem Land.

Weltruhm erlangt

In Frankreich war sie in den 1870er-Jahren bereits ein Star, durch Theatertriumphe, Allüren und den Mut, eine der ersten Heissluftballonfahrten anzutreten, landauf, landab im Gespräch. Zu ihren Freunden zählten George Sand, Victor Hugo, Flaubert und Alexandre Dumas. Neben ihrer Bühnentätigkeit fand sie noch die Zeit, sich in anderen Metiers zu profilieren: Sie schrieb, tat sich als Malerin hervor und als bildende Künstlerin, deren Werke offiziell ausgestellt, obendrein gut verkauft und mit Preisen ausgezeichnet wurden. Sie schaffte es sogar, dass eine von ihr angefertigte Skulptur das neue Casinogebäude von Monte Carlo zieren durfte.

Ab 1879 aber wurde Sarah Bernhardt selbst zu einem erfolgreichen Exportartikel Frankreichs. In jenem Jahr musste die Comédie Française ausnahmsweise wegen Reparaturarbeiten zwei Sommermonate schliessen. Sofort erhielt der Direktor das Angebot, sein Ensemble könne sechs Wochen in London auftreten. Sarah war der Star der Truppe - und am Gewinn beteiligt. Das Engagement markierte eine spektakuläre Wende in ihrem Leben, zumal sich auch noch ein Agent meldete, der sie in die USA vermitteln wollte und von dem «Vermögen» sprach, das sie dort verdienen könne.

Die Ankunft in England geriet zum unvergesslichen Schauspiel. Tausende Menschen standen am Pier, der junge Oscar Wilde war gekommen, legte ihr einen Li-lienstrauss und dann die Stadt zu Füssen. Das Gastspiel wurde zum Siegeszug, in den Logen sass die englische Gesellschaft samt Thronfolger. An einem freien Tag fuhr sie nach Liverpool, wo sie sich, nachdem sie in London bereits drei Hunde, einen Papagei und einen Affen angeschafft hatte, nun noch einen Gepard, einen Wolfshund und sechs Chamäleons zulegte. Später kamen unter anderem noch ein Löwe, ein weisser Luchs und ein junger Tiger dazu, der über den Esstisch laufen durfte. Zurück in Paris, erkundigte sie sich kurz nach dem Fortschritt ihres Hausbaus, und machte sich sogleich auf zu Gastspielen nach Brüssel und Kopenhagen, um die Mittel für das ehrgeizige Projekt zu verdienen. Doch dann lockte Amerika. Aus Lyon, Italien und Russland liess die Bernhardt Seide, Samt und Zobel herbeischaffen für neue Reisegarderobe und Bühnenkostüme. Als die «Amérique» Ende Oktober 1880 nach elf Tagen auf See im Hafen von New York vor Anker ging, erwartete sie ein riesiges Presseaufgebot.

Ihr Amerikadebüt gab sie im Booths Temple of Dramatic Art mit dem Stück «Adrienne Lecouvreur». Die Begeisterung des Publikums kannte keine Grenzen. Hunderte von Bewunderern und Autogrammjägern versammelten sich am Bühneneingang des Theaters und unter dem Balkon des Hotels Albemarle, von wo Sarah Kusshände in die Menge warf. Als sie dann noch in New York erstmals die Titelrolle der Kameliendame aus der Feder von Alexandre Dumas jun. spielte, die romantische Geschichte der kapriziösen Kurtisane Marguérite, die liebt, sich opfert und stirbt, hatte sie die Glanzrolle ihres Lebens gefunden. Nach dem Monat in New York gastierte sie zwei Wochen in Boston, wo sie als international bekannter Star Teil einer Werbekampagne für eine Fischereiflotte wurde, indem sie auf einem Wal posierte.

Dies geschah unfreiwillig, sollte aber nicht der einzige Promotion-Auftritt bleiben: Sarah Bernhardt entdeckte, wiederum als einer der ersten Stars überhaupt, Reklame als lukrative Einnahmequelle und warb für Seife, Zigaretten und sogar Absinth. Weiter ging es im luxuriös ausgestatteten Salonwagen, der ihren Namen trug, nach Montreal. Für die dortigen Französisch-Kanadier war Bernhardts Erscheinen weit mehr als ein Theaterereignis. Es war ein Manifest für Frankreich, Ovation folgte auf Ovation. So ging es weiter. In Massachusetts kaufte Sarah sich eine Pistole, mit der sie sich vor den Gefahren des Wilden Westens schützen wollte. In Chicago wetterte der Erzbischof gegen die Bernhardt: Jede Schauspielerin, vor allem aber eine halbseidene Parisiènne wie die Bernhardt, galt damals als sittlich anrüchiges, dekadentes Geschöpf. Die warnenden Predigten heizten die Neugier nur an, und alle Vorstellungen waren rasch ausverkauft.

Der Agent schrieb dem Geistlichen einen Brief, dankte für die kostenlose Reklame – und legte 200 Dollar für die Armen bei. Insgesamt führte ihre sechsmonatige Tournee sie durch 51 US-Städte wie Philadelphia, Atlanta, Nashville, Memphis, Washington. Sie gastierte in Zirkuszelten und Stadien, und zwischen den Vorstellungen erkundete Sarah Bernhardt das Land, besuchte mit ihrer Entourage die Niagara-Fälle oder kurvte mit dem Automobil durch Colorado. Solche Trips machten die Schauspielerin für Presse und Publikum noch interessanter und waren Teil des Programms. Extravaganzen aller Art, ihre Reisen als Teil der öffentlichen Selbstinszenierung, setzte sie gezielt ein, um zu Berühmtheit, Anerkennung und kommerziellem Erfolg zu kommen.

All das waren Kapricen, die ihren Ruf als Diva von Welt mehrten und damit auch die Faszination des Publikums, von dessen unmittelbarer Bewunderung und Applaus sie als darstellende Bühnenkünstlerin in hohem Masse anhängig war. Ihr Publikum verstand sie bei jeder Reise zu erobern, auch in Europa. Überall wurde ihr zugejubelt. In St. Petersburg entrollten livrierte Diener einen roten Teppich zwischen Bühneneingang und ihrer Kutsche, Autogrammjäger lauerten, Abend für Abend sassen Mitglieder der Zarenfamilie in den Logen. In London applaudierte Königin Victoria. Eine vergleichbare Karriere gelang in ihrer Epoche nur ihrer 14 Jahre jüngeren italienischen Kollegin Eleonora Duse.

Reisen als Selbstinszenierung

In einer Zeit, in der Jetset noch nicht erfunden und vor allem weibliche Globetrotter die Ausnahme waren, als hauptsächlich abenteuerlustige Forscherinnen und eine Handvoll englischer Schriftstellerinnen auf eigene Faust die Welt erkundeten, war ein Leben wie das der Schauspielerin Bernhardt ein Faszinosum. Anfang 1882, als sie gerade wieder eine grosse Tournee vorbereitete, die sie in die französischen Provinzen, nach Italien, Griechenland, Ungarn, Österreich, Schweden, England, Spanien, Portugal, Belgien und Holland führen sollte, lernte die 37-Jährige Jacques Damala kennen.

Der elf Jahre jüngere Grieche, Attaché der griechischen Botschaft in Paris, liess sich von ihrer Begeisterung für die Bühne anstecken – und wurde selbst Schauspieler. Am 4. April 1882 heirateten die beiden in London. Für ihren Ehemann eröffnete Sarah Bernhardt – sie war auch noch Unternehmerin – ein eigenes Theater. Die Leitung übertrug sie ihrem Sohn Maurice. Ihr Mann aber ertrug es nicht, stets im Schatten seiner Frau zu stehen und verliess sie. Weil Spielschulden aus der Theaterkasse beglichen worden waren, stand auch ihr Theater vor dem Bankrott. Um Geld zu verdienen, unternahm sie mit ihrem Ensemble sogleich eine Tournee nach Skandinavien und England. Immer wieder brach sie auf. Im April 1886 schiffte sie sich mit ihrer Entourage in Bordeaux nach Rio de Janeiro ein, wo sie nach drei Wochen auf See ankam. «Welch grossartige Reise, welch bezauberndes Land!», schrieb sie in einem Brief. «Aber das Theater! Überall Ratten und Mäuse!» Besser gefiel ihr der herrliche Urwald in den Bergen, mit den Bananenstauden und Yuccapalmen und dem Wasserfall ganz in der Nähe. In Rio gab sie ein einmonatiges Gastspiel, es folgten Argentinien, Uruguay, Chile, Peru, Kuba und Mexiko. Bei der Passage durch die Magellan-strasse lief das Schiff auf Grund und rammte eine Insel. Die zwei einzigen Bewohner des kleinen Eilands luden die Reisegruppe zum Bleiben ein, zur Pumajagd und zum Schiessen auf Seemöwen. In Ecuador beteiligte sie sich an einer «vergnüglichen Krokodilsjagd» der Eingeborenen, das von ihr erlegte Reptil wollte sie als Souvenir mitbringen.

Dann ging es quer durch die USA nach New York, vierzehn Monate war sie diesmal auf Achse. Die Strapazen, die Hitze, die Gelbfiebergefahr, das Heimweh wurden für Sarah durch frenetischen Jubel, rote Teppiche, Feste und Ehrungen, kostbare Geschenke, eindrucksvolle Begegnungen (etwa mit dem Kaiser von Brasilien) und fürstliche Gagen wieder wettgemacht. Im Sommer des Jahres 1887, nach der Rückkehr von Tourneen durch Amerika und England, war sie, wie sie Freunden stolz verkündete, eine Millionärin. Sie kaufte ein neues Haus, dessen Einrichtung von ihren fernen Abenteuern erzählte. Und ihre Reisen waren wirklich einzigartig, von ihren Freunden war kaum einer über Frankreich hinausgekommen.

Ein kühnes Unternehmen

Von einer Gastspielreise, die sie bis nach Ägypten und in die Türkei führte, kehrte Sarah Anfang März 1889 nach Paris zurück. In Bukarest war die im Exil lebende Königin von Serbien so ergriffen von Sarahs Spiel, dass die Vorstellung unterbrochen werden musste. Im Januar 1891 war in der internationalen Presse zu lesen, dass sich Madame Bernhardt auf eine fast dreijährige Tournee um die Welt begeben werde. Sie liebe das Reisen und könne nicht genug davon bekommen. Selbstverständlich werde sie wieder nach Amerika fahren, am aufregendsten jedoch sei für sie die Fahrt auf die Sandwich-Inseln und das Gastspiel bei der Königin von Honolulu. Sie kam sogar nach Japan, Australien und Neuseeland. Danach nannte sie auch noch ein Opossum, einen Koala und ein Känguru ihr Eigen. Die Sommergastspiele in London waren eine schöne Regelmässigkeit geworden und 1905 startete Sarah wieder eine grosse Amerikatournee. Ein kühnes Unternehmen, machte ihr doch seit geraumer Zeit das rechte Knie zu schaffen, sie konnte nur unter Schmerzen gehen. In Rio stürzte sie bei einer Vorstellung, was das Problem verschärfte. Dennoch reiste sie wie geplant nach New York - und musste die erste Vorstellung absagen.

Es hiess, sie gebe ihren Abschied. Und doch gab sie noch ihren Einstand beim Stummfilm. 1914 die Wende: Deutschland erklärte Frankreich den Krieg, für Sarah war es der Anfang des Endes. In Europa läuteten die Totenglocken und ihr Knie bereitete qualvolle Schmerzen. Ihre Ärzte entschlossen sich schliesslich, das Bein ruhig zu stellen. Doch unter dem Gips starb das Gewebe ab, und 1915 musste der 70-Jährigen das Bein amputiert werden – sie selbst hatte darum gebeten, um den Schmerzen ein Ende zu bereiten. Wohl jede andere Schauspielerin ihres Alters hätte das zum Anlass genommen, sich endgültig von der Bühne zurückzuziehen. Nicht so Sarah Bernhardt. Kurz nach der Amputation spielte die unbeugsame Patriotin während des Ersten Weltkrieges vor den französischen Truppen an der Front. Trotz ihrer Behinderung unternahm sie 1916 sogar noch einmal eine Tournee durch die USA, sprach auf Versammlungen des Roten Kreuzes, auf Wohltätigkeitsveranstaltungen.

Ende 1918 kehrte sie nach Paris zurück und arbeitete weiter, spielte vor Queen Mary und für Marie Curie eine Benefizvorstellung. Und machte Pläne für die Zukunft, drehte in ihrem Haus mit Filmleuten aus Hollywood. Als sie 1923 im Alter von 78 Jahren in Paris starb und ihr Sarg zum Friedhof Père Lachaise getragen wurde, säumte eine Million Menschen die Strassen. Man trug eine der berühmtesten Frauen ihrer Epoche zu Grabe, schon zu Lebzeiten eine Legende, in der ganzen Welt bekannt. Ein Land aber, das praktisch vor ihrer Haustür lag, aber als Erzfeind ihres geliebten Heimatlandes galt, hatte die verwegene Vielgereiste sich zeitlebens verweigert: In Deutschland war sie nie gewesen.





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