Reminiszenzen einer tragischen Symbiose
Von Regula Heusser-Markun
Von Berlin fährt man eine gute Stunde nordostwärts auf einer Landstrasse, die immer wieder passagenweise von stattlichen Pappeln oder Kastanien gesäumt wird, und über das Kopfsteinpflaster von Dörfern und Städtchen, um schliesslich in Bad Freienwalde anzukommen. Alfred Döblin goss dieselbe Fahrt 1929 noch in den Satz: «Auf der Allee schiessen die Eichen vorbei.» Der einst beliebteste Gesundbrunnen der Berliner ist nach wie vor in Betrieb, seit der Wende aufgewertet durch einen neuen Klinikbau für 200 Moorbad-Patienten. Pflegte die gute Gesellschaft bald nach der Entdeckung der Heilquellen im Jahr 1684 per Droschke über noch ungefestigte, mühsam zu befahrende Strassen nach Freienwalde zu kommen, gelangt man seit 1866, seit dem Anschluss des Badeortes an die Bahnstrecke Eberswalde–Wriezen, auch auf der Schiene in das Städtchen im inzwischen weitgehend trocken gelegten Oderbruch, einem der fruchtbarsten Landstriche der Mark Brandenburg. Die Anreise stimmt ein in die Vergangenheit, gehört doch die hier relativ unberührte märkische Landschaft, in Fontanes Wanderungen anschaulich beschrieben, zu den für die Welt wieder zu entdeckenden Regionen der ehemaligen DDR. Am südlichen Stadtrand liegt das Schloss Freienwalde, erbaut 1798/99 im Stil des preussischen Frühklassizismus als Sommerhaus der Königin Friederike Luise, der Witwe Friedrich Wilhelms II., nach Plänen des Hofarchitekten David Gilly, Sohn nach Preussen geflohener Hugenotten. Vor kurzem wurde das Kleinod (nicht zum ersten Mal in seiner langen und bewegten Geschichte) restauriert.
Von der kleinen Anhöhe in dem ursprünglich als romantischer Garten angelegten Park weitet sich der Blick über das Oderbruch, jene flache, von seichten Wassern geprägte Landschaft, die eine Vielzahl von seltenen Vögeln beherbergt, nach Polen, das seit 1945 bis an das Ostufer der Oder, genau genommen bis zur Flussmitte, reicht.Das Schloss ist öffentlich zugänglich, da es bereits von seinem letzten Besitzer, dem kinderlosen Berliner Industriellen, Kulturphilosophen und Politiker Walther Rathenau, in eine Stiftung übergeführt worden war. Von 1909 bis zu seinem frühen Tod 1922 hatte dieser den Landsitz rege für sein kreatives Schaffen genutzt. Die Erben, seine Schwester Edith Andreae und deren Töchter, übereigneten die Liegenschaft dem damaligen Landkreis Oberbarnim, nachdem 1926 auch Rathe-naus Mutter Mathilde verstorben war. Nach den Wirren von NS-Zeit, Krieg und sowjetischer Besetzung – Freienwalde war Garnisonsstadt der Roten Armee, wovon die riesige Kasernenanlage zeugt –, nach dem Ende des DDR-Regimes, wurde 1991 die von den Nationalsozialisten aufgelöste Walther-Rathenau-Stift GmbH neu gegründet. Die Walther-Rathenau-Gesellschaft mit Sitz in Berlin und der Freundeskreis Schloss Freienwalde kümmern sich – zusammen mit dem heutigen Eigentümer, dem Landkreis Märkisch-Oderland, und weiteren Initianten – um die Sanierung auch der Nebengebäude, etwa des Teehauses, und veranstalten Konzerte, Ausstellungen und Lesungen.
Ort der Erinnerung
Warum soll man ausgerechnet in diesen Badekurort fahren, um sich mit der Person des am 24. Juni 1922 ermordeten Walther Rathenau, Aussenminister der Weimarer Republik, auseinander zu setzen? Sein einstiger Sommersitz ist heute der zentrale Ort der Erinnerung an den jüdischen Unternehmer, Zeitkritiker und Diplomaten, ist doch seine Stadtvilla in Berlin Grunewald (Königsallee 65) längst in privaten Händen und beherbergt einen Verlag.
Der 1867 als erster von zwei Söhnen Emil Rathenaus, des Begründers der Deutschen Edison-Gesellschaft, die 1887 in die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) umgewandelt wurde, geborene Walther war als Kind eher musisch begabt. Darin glich er seiner aus grossbürgerlichem sephardischem Haus stammenden Mutter, Mathilde Nachmann. Früh wurde er jedoch in das väterliche Unternehmen eingebunden und studierte neben Philosophie vor allem Physik und Chemie in Berlin und Strassburg, später noch Maschinenbau und Elektrotechnik in München. Mit 32 Jahren wurde er Vorstandsmitglied der AEG und leitete die Abteilung Kraftwerkbau. Die AEG betrieb damals bereits 248 Kraftwerke weltweit, darunter auch Rheinfelden und später Laufenburg. Ab 1902 war Rathenau Aufsichtsratsvorsitzender der Firma und pflegte auch als Geschäftsinhaber der Berliner Handelsgesellschaft umfangreiche internationale Beziehungen. 1904 erfolgte die Wahl in den Aufsichtsrat der AEG und in den Verwaltungsrat der Brown Boveri in Baden. Im selben Jahr wurde Walther Rathenau auch in den Verwaltungsrat der Bank für elektrische Unternehmungen in Zürich gewählt (zunächst Elektrobank genannt, dann umfirmiert in Elektrowatt), einer Gründung unter der Führung der AEG. Er amtierte als Delegierter des Verwaltungsrates dieser Schweizer Gesellschaft in Berlin.
Als überaus luzider, vielgereister Weltbürger und preussischer Patriot verfasste Rathenau Essays und Analysen zu Themen der Zeit und führte eine ausgedehnte Korrespondenz mit zahlreichen wichtigen Zeitgenossen aus Wissenschaft, Politik und Kultur. Er besuchte literarische Zirkel und war Präsident des Automobil-Clubs am Pariser Platz, wo er sich mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Geistesleben traf: Er wirkte auch als Mäzen und fertigte – in seinem Landsitz Freienwalde – selber Pastellbilder und Bleistiftstudien, schliesslich war der Maler Max Liebermann sein Onkel. Der vielseitig Begabte bewegte sich, wie für das deutsche Grossbürgertum üblich, im Kreis von Wirtschaftsführern und Intellektuellen, unter ihnen zahlreiche assimilierte und nicht selten seit mehr als einer Generation konvertierte Juden.
Für ihn selber kam die Taufe als Strategie gegen den Ausschluss aus bestimmten Funktionen der preussischen Gesellschaft nicht in Frage. In seinen Essays zur Frage der Assimilation empfahl er den Juden in Deutschland vielmehr «Selbstdisziplin und Selbsterziehung».
Rathenau als im Grossbürgertum integrierter und erfolgreicher Unternehmer hatte durchaus auch die Grenzen erfahren, die der preussische Staat den Juden setzte: Nachdem er 1890/91 als Freiwilliger Militärdienst geleistet hatte, blieb ihm der Aufstieg in die angestrebte Position des Reserveoffiziers im preussischen Heer verwehrt.
Kritik an der preussischen Standesgesellschaft
Aber auch als Universitätsprofessoren wurde Juden kaum eine Chance im Kaiserreich gegeben. In seiner Betrachtung «Staat und Judentum», die er 20 Jahre später in seinem Refugium in Freienwalde niederschreiben und im Band «Zur Kritik der Zeit» 1912 publizieren sollte, befasst sich Rathenau mit dem verbreiteten Vorwurf, Juden seien schlechte Staatsbürger, und führt dabei auch naturwissenschaftliche Argumente ins Feld: «Die exaltierte Beschuldigung der Brunnenvergiftung und Hostienschändung führt heute nicht mehr Tausende zur Folter und zum Tode. Wir haben die Möglichkeit, Massenbeschuldigungen experimentell zu prüfen. Wo ist nun das Material politischer und kriminaler Statistik, das auch nur den Verdacht schlechter Staatsbürgerschaft bei den Juden rechtfertigt? Können fünfmalhunderttausend leicht erkennbare, statistisch kontrollierte, scharf beobachtete Menschen ein nationales Delikt so heimlich verbergen, dass (...) kein Zeiger ausschlägt? Und hat man das Recht, in einem wissenschaftlichen Zeitalter so unbewiesene, ja negativ widerlegte Massenbehauptungen zur Grundlage einer Politik zu machen?» Und weiter: «(Es) möge der aufstehen, der vor Gott und Gewissen behaupten kann, dass die deutschen Juden ihr Mass an Kulturarbeit nicht ehrlich und reichlich erfüllt haben, dass sie nicht mehr zu Deutschlands Hoheit, Glück und Ehre beigetragen haben als alle berufsmässigen Antisemiten zusammengenommen ...»
Am Vorabend des Ersten Weltkrieges analysiert Rathenau mit grosser Klarsicht die politische und soziale Sackgasse, in der sich das Kaiserreich verirrt hat. «Ich kämpfe gegen das Unrecht, das in Deutschland geschieht, denn ich sehe Schatten aufsteigen, wohin ich mich wende. Ich sehe sie, wenn ich abends durch die gellenden Strassen Berlins gehe; wenn ich die Insolenz unseres wahnsinnig gewordenen Reichtums erblicke; wenn ich die Nichtigkeit kraftstrotzender Worte vernehme oder von pseudogermanischer Exclusivität berichten höre ...»Die lange Agonie des Kaiserreichs
1914, nach der Mobilmachung vom 1. August, wurde Rathenau mit dem Aufbau der Kriegsrohstoffabteilung im preussischen Kriegsministerium beauftragt. Nach dem Krieg entsandte Reichskanzler Joseph Wirth den sprachkundigen Sachverständigen zu heiklen aussenpolitischen Verhandlungen. Er war der erste Deutsche, der nach der Niederlage des Kaiserreiches wieder angehört wurde, so an den Reparationsverhandlungen in Cannes im Januar 1922, wo er die verzweifelte Lage Deutschlands darstellen konnte und beteuerte, sein Land sei bereit, die Forderungen der Alliierten «bis zu den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zu erfüllen und (wolle) darüber hinaus mit den Westmächten und Russland zusammen Ost- und Zentraleuropa wieder aufbauen.» Diese Willenserklärung Rathenaus wurde von seinen politischen Gegnern als gegen Deutschland gerichtet gedeutet, obwohl die Formulierung «bis zur Grenze der Leistungsfähigkeit» auf die Einsicht der Alliierten zielte, exzessive Forderungen seien mit der Zeit zu mässigen.
Seit Ende Januar 1922 Aussenminister, unterzeichnete Rathenau in Rapallo mit der sowjetischen Delegation am 16. April 1922 jenen Vertrag, laut dem gegenseitig auf Ersatz von Kriegskosten und Zivilschäden verzichtet werden sollte, Deutschland und seine Staatsbürger überdies die in Sowjetrussland nationalisierten Vermögenswerte nicht zurück fordern würden. Dafür wurde die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Moskau und Berlin beschlossen und im Handel die Meistbegünstigung eingeräumt.
Während die Reparationszahlungen an den jungen Sowjetstaat also entfielen, wurden sie umso energischer von Frankreich eingefordert. Auf Rathenau fokussierte sich fortan der Hass der deutschnationalen Kreise, die in ihm den «Erfüllungspolitiker» sahen und zudem einen «Rassenfremden» und «Vertreter des Weltjudentums», der Deutschland dem Bolschewismus ausliefern wolle.
Am 24. Juni 1922 wurde er im offenen Wagen, auf dem Weg zum Aussenministerium, vor seiner Haustür in Grunewald von einem rechtsextremen Kommando junger Offiziere ermordet. Der politische Mord sei unter den «sozial wie politisch verwahrlosten jungen Leuten der Rechten, der Frontgeneration, heimisch geworden», schreibt der Historiker Helmut Heiber in seiner Monografie zur Weimarer Republik. Vor ihm waren ja bereits Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Kurt Eisner ermordet worden, mit Rathenau traf es allerdings erstmals einen amtierenden Minister der Republik. Das Land war zutiefst betroffen, die Arbeiter traten in einen Generalstreik, der Kanzler, Joseph Wirth, sprach es in seiner Reichstagsrede deutlich aus: «Der Feind steht rechts.» Und selbst Rathenaus Gegenspieler im noch jungen Parlament, der rechtsnationale Grossindustrielle Hugo Stinnes, sagte zum bayrischen Gesandten in Berlin: «Der Schuss auf Rathenau hat auch die Monarchie getötet. Wir müssen nun mit der Republik regieren.»
Der preussische Patriot
Dass Walther Rathenau bei all seiner Vaterlandsliebe und seinen Verdiensten für die Heimat dennoch als Jude gehasst und schliesslich ermordet wurde, zeugt von der Tragik der deutsch-jüdischen Symbiose, einer Tragik, deren ungeheuerliche Dimension ja erst noch bevorstand. Fritz Stern, der 1926 in Breslau in eine bereits getaufte Familie hinein geborene und in die USA emigrierte Historiker, bezeichnet Rathenau als den bekanntesten Finanzier und politischen Visionär in Deutschland und erinnert daran, dass diesem von der Mutter und seinen Freunden, darunter Albert Einstein, 1922 abgeraten worden war, den Posten des Aussenministers der ersten deutschen Republik anzunehmen. Dennoch habe er ihn angenommen, «getrieben von Ehrgeiz und Patriotismus». «Nie zuvor (oder seither) sollte ein Jude einen so herausragenden Posten im politischen Leben Deutschlands bekleiden», schreibt Stern 2006. Und Rathenaus Engagement für alle sozialen Schichten belegt er mit der von den Eltern überlieferten Erinnerung: «Millionen von Arbeitern beteiligten sich am Trauermarsch für den ermordeten Kapitalisten.»
Zu den Assimilationsbestrebungen der jüdischen Oberschicht hatte immer auch der Wunsch gehört, den Lebensstil des deutschen (Gross)bürgertums zu teilen. Das ziemlich heruntergekommene ehemalige Kleinod des preussischen Klassizismus in Freienwalde hatte der neue Besitzer 1909 denn auch in seiner ursprünglichen Innenausstattung weitgehend wieder erstehen lassen und an der östlichen Schmalseite um einen halbrunden Balkon getragen von dorischen Säulen, erweitert. Gerhart Hauptmann, dem der Band «Zur Kritik der Zeit» gewidmet ist, schrieb 1927 über diese nun öffentlich zugängliche Hinterlassenschaft Rathenaus: «Mit Liebe und Pietät hat mein Freund das verwahrloste Königsschlösschen Freienwalde sozusagen aus dem Staube gehoben und ihm den Glanz königlicher Bürgerlichkeit wiedergegeben. (...) Aus dem zerbröckelnden Denkmal des Königtums wurde in seiner Hand ein königliches Geschenk an das Bürgertum. So wie auch mir in glücklicher Zeit, stehen nun die gastfreien Pforten von Park und Schloss allen offen, ein Segen für viele Generationen, der seinem Donator zum schönen, dauerhaften Denkmal werden möge.» 1909, beim Kauf der Liegenschaft, hatte Walther Rathenau, nachdem die Verkäuferin, die königliche Hofkammer, zunächst die ganze Inneneinrichtung im Depot von Charlottenburg eingelagert hatte, diese zurückfordern müssen unter Berufung auf den Vertrag, der ihm das Eigentum am Schloss samt Inventar überschrieb. Dass der Landsitz fast vier Jahrzehnte später ein weiteres Mal verwüstet und leer geräumt sein würde, nachdem repatriierte Polen durch die Stadt gezogen waren, Einheimische nach Wertgegenständen gesucht und Rotarmisten dort gehaust hatten, konnte Rathenau, dem die Unterzeichnung des Rapallo-Vertrages den Vorwurf des Verrates der Heimat an den Sowjetkommunismus eingebracht hatte, nicht ahnen.
Bereits den Massenansturm, den das Mittel- und Kleinbürgertum in den zwanziger Jahren auf die «Badewanne Berlins» unternahm – die Stadt durfte sich seit 1924 «Bad Freienwalde» nennen und wurde als Kur- und Badeort anerkannt – , erlebte er nicht mehr. Und auch nicht das mit Ganoven durchmischte Proletariat, das Döblin 1929 in seinem Roman «Berlin Alexanderplatz» porträtiert, der die Abschlachtung der Mieze, der Gefährtin Franz Biberkopfs, als «Prostituiertenmord in Bad Freienwalde» über die Bühne gehen lässt.
Gedankenaustausch mit den besten Köpfen Europas
Rathenau war der gebildete Eremit, der durchaus Gäste empfing, aber seine Tage vor allem mit Schreiben, Zeichnen und Malen zubrachte, wovon die Bilder zeugen, die im oberen Stock des Schlosses hängen, wo seine Räume nach und nach wieder so hergerichtet wurden, wie er sie damals zurückgelassen hatte. Ursprünglich wirkt das Haus in seinem Innern mit den feinen, handgemalten Tapeten und den Empiremöbeln und zierlichen Tischen eher feminin, war es doch für eine Königin konzipiert und wurde auch später von Prinzessinnen genutzt. Und es atmet den Geist der Hohenzollern, der in einem gewissen Gegensatz steht zu der Modernität der Schriften, die der prominente Bewohner in seinem Refugium konzipierte und niederschrieb. Er kritisierte die Politik der kaiserlichen Regierung ebenso wie das übersteigerte nationale Sendungsbewusstsein des deutschen Bürgertums. In dem 1916 veröffentlichten Band «Von kommenden Dingen», der in ganz Europa gelesen wurde, mahnte er: «Dieser Krieg ist nicht ein Anfang, sondern ein Ende (...) Die zehnfach übervölkerte Erde verlangt eine neue Ordnung der Wirtschaft und des Lebens zu ihrer Erhaltung (...) Der neue Staat kann kein Klassenstaat mehr sein. Der kommende Volksstaat setzt voraus, dass jede Bevölkerungsgruppe in ihm zur Geltung komme.»
Eine Beschreibung von Rathenaus Berliner Haus, das nach seinem Tod während einiger Jahre als museale Stätte besucht werden konnte, verdanken wir Joseph Roth. Der galizische Schriftsteller, der im Sommer 1920 von Wien nach Berlin gezogen war, um für verschiedene Zeitungen Reportagen und Feuilletons aus der Hauptstadt der ersten deutschen Republik zu verfassen, wurde 1923 Korrespondent der «Frankfurter Zeitung». Roth – genau wie Rathenau – liebte Berlin nicht, das immerhin zu einem thematischen und topografischen Schwerpunkt seines journalistischen Schaffens werden sollte. Er war fasziniert vom rasanten Wandel, von den krassen sozialen Gegensätzen und den politischen Antagonismen der Weimarer Republik. Als Ostjude, der im Westen Karriere machte, spürte er, wie prekär dieser Status gerade in Deutschland war.
Zum zweiten Jahrestag der Ermordung Rathenaus suchte Joseph Roth dessen Stadtvilla auf, die der Unternehmer im selben Jahr 1909 erbaut hatte, in dem er auch Freienwalde erworben hatte und – mit dem nämlichen Architekten – instand stellte. Beide Villen waren nach einem ähnlichen Entwurf in private und repräsentative Räume aufgeteilt. Und die «Liebe zu den kleinen Schönheiten des Alltags, der ornamentalen Kultur der Häuslichkeit», die Joseph Roth in Berlin identifizierte, prägte – und prägt noch heute – auch den Landsitz in Freienwalde.
«Zwei Bücherschränke mit Werken, die man Rathenau mit achtungsvollen, ergebenen, höflichen, warmen Bitten und Widmungen geschickt hat. So lebendig und unermüdlich war sein Kontakt mit den arbeitenden, schöpferischen und schaffenden Gehirnen der Gegenwart, dass zu ihm der reiche Strom geistiger Fruchtbarkeit ins Haus floss wie nach einem geheimnisvollen Naturgesetz.» Roth schliesst seine Beschreibung so: «Ich gehe an der Stelle vorbei, an der er ermordet wurde. Es ist nicht wahr, dass jeder Mord ein Mord ist. Dieser hier war ein tausendfacher, nicht zu vergessender, nicht zu rächender.»
Aufatmen nach den Zerstörungen zweier Diktaturen
Bis 1933 hiess eine Querstrasse zur Kö-nigsallee Rathenauallee, dann wurde jede Spur des unbequemen Denkers vom NS-Regime getilgt, sein Band «Zur Kritik der Zeit» fiel der Bücherverbrennung zum Opfer. Und 1937 figurierte Rathenau in der Münchner Ausstellung «Der ewige Jude» mit andern jüdischen Politikern unter der Rubrik «Verderber Deutschlands». Dass knapp 30 Jahre nach Rathenau ein anderer deutscher Aussenminister, Joachim von Ribbentrop, ebenfalls Gutsbesitzer in Freienwalde werden sollte, entbehrt nicht der Ironie der Geschichte. Hitlers Diplomat, der am 23. August 1939 den «Nichtangriffspakt» mit der Sowjetunion und die geheimen Zusatzprotokolle, die Stalin Teile Polens, das Baltikum, Bessarabien und Finnland überliessen, unterzeichnen sollte, war ab 1936 Herr auf dem im damaligen Freienwalder Stadtforst gelegenen Rittergut Sonnenburg. Dort baute er auch bei Kriegsbeginn einen Bunker für seine Familie. Die Angst vor dem Vorrücken der Roten Armee, nachdem die Wehrmacht die Sowjetunion am 22. Juni 1941 ohne Kriegserklärung überfallen hatte, liess das NS-Regime die Brücken über die Oder sprengen. Der Fluss war kein Hindernis, die Rote Armee kam im Mai 1945 bis nach Berlin. Bis heute, wo die sowjetische Besatzung sich längst aus den «Bruderländern» zurückgezogen hat, die DRR in Deutschland aufgegangen ist und Polen zur EU gehört, behilft man sich an der Oder zwischen Güstebieser Loose und Gozdowice mit einem Fährbetrieb wie in der Zeit vor der Industrialisierung.
Juden war der Besuch Freienwaldes bereits 1934 verboten worden. Zwar ist ihnen heute ein Denkmal gewidmet. Doch was an Grabsteinen noch übrig geblieben war, nachdem in der NS-Diktatur der seit über 300 Jahren bestehende jüdische Friedhof verwüstet worden war, wurde 1949 weggeräumt. Auch die Synagoge wurde im Dritten Reich geschändet, zu DDR-Zeiten dann profaner Nutzung zugeführt und schliesslich in den sechziger Jahren abgerissen. «Gewidmet den jüdischen Bürgern der Kreisstadt Bad Freienwalde/Oder» steht in Goldschrift auf dem schwarzen Gedenkstein, dessen Gestalt an einen kleinen Tempel erinnert. Einer dieser Juden war Hans Keilson, der 1938 in die Niederlande emigrierte und spätere Psychiater und Erforscher sequenzieller Traumata bei kindlichen Überlebenden der Schoah. Für ihn, 1922 noch ein Kind, und seine Familie war der Mord am Aussenminister ein Schock.
Rathenau hatte vergeblich darauf gehofft, «die Zeit zu erleben, wo Deutschland seinen inneren Hader vergisst und als wahrhafte Volksgemeinschaft zusammenhält» (aus: «Die Aufzehrung der Oberschicht», in «Zur Kritik der Zeit», 1912). Genau ein Jahr vor seiner Ermordung schrieb er an einen (christlichen) Freund: «Deutschland ist jung und neu im politischen Leben, in solchen Zeiten ist der einzelne wenig, die Gemeinschaft alles (...) Ich hoffe, dass Männer nach mir kommen, die gleichfalls ihr ganzes Lebenswerk verlassen, um unserem Volk zu dienen, das Dein Volk und mein Volk ist.»
Von den zahlreichen Nachrufen verweist der des Theaterkritikers und Freundes Alfred Kerr am eindrücklichsten auf das Naturell dieses Bürgers und visionären Zeitdiagnostikers von unbegrenzter Schaffenskraft: «Er hat (...) immer bloss von Pflicht geträumt. Er hat vom Leben nichts gehabt. Rathenaus erste wirkliche Erholung war der Tod.»
In den oberen Räumen des Schlosses befindet sich eine Gedenkausstellung, die Walter Rathenaus Lebensweg mit Bild- und Schriftdokumenten nachzeichnet und ihren Bestand zu einem wesentlichen Teil Leihgaben verdankt. Ein Porträt seines Vaters Emil, gemalt von Max Liebermann, findet sich hier ebenso wie eines seiner Mutter Mathilde, das der Sohn selber schuf. Die Skizzen und Pastelle mit Innen- und Aussenansichten des Schlosses, mit Ausblicken auf den Park und das Oderbruch, zeugen von der musischen Begabung des Schlossherren. Dokumentiert in Fotografien und Briefen ist sein Austausch mit prominenten Zeitgenossen. Auf der anderen Seite illustrieren Muster von Hetzpropaganda und politischer Karikatur das politische Klime vor seiner Ermordung.
Reich an historischem Bildmaterial ist auch die Fotothek des Oderlandmuseums in Bad Freienwalde. Sie gewährt Einblick in eine Vielzahl von Fabrik- und Gewerbebetrieben, die hier einst beheimatet waren. Eine wirtschaftliche Blüte, von der das heutige Oderbruch nur träumen kann. Der Besuch im Rathenau-Schloss ist eine wehmütige Rückschau auf eine ökonomische und kulturelle Prosperität, die zusammen mit ihren Protagonisten nachhaltig vernichtet werden sollte.


