logo
16. Juli 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 7 Ausgabe: Nr. 7 » July 16, 2008

Irgendwo im Nirgendwo

Lena Gorelik, July 16, 2008
<p>Stalin hatte den Plan, einen autonomen jüdischen Staat, Birobidschan, in der Nähe der chinesischen Grenze zu erschaffen. Heute leben in dieser vergessenen und verlassenen Region nur noch wenige Juden.

Von Lena Gorelik

Irgendwo ins Nirgendwo, da gehören die Juden hin, wenn nicht noch weiter weg. Am liebsten hätte Lenin die vielen Nationen und Ethnien der Sowjetunion ja fein säuberlich sortiert, sodass man immer wüsste: Hier sind die Tataren, dort die Georgier, die Russen in Leningrad und Moskau. Jede Gruppe hat ihre eigene Kultur und Sprache, jede trägt zum Sozialismus bei. Nur: Was soll man mit den Juden machen?

Die Juden, die wie zu so manch anderer Zeit der Geschichte unter Antisemitismus und Pogromen litten, bekamen 1927 auch ein Stückchen Land angeboten: Irgendwo im Nirgendwo, auch Birobidschan genannt. Irgendwo im Nirgendwo liegt nahe der chinesischen Grenze, im kalten Sibirien, ausser der transsibirischen Eisenbahn führt kein Weg dorthin, die Erde ist landwirtschaftlich nicht bebaubar, von europäischer Zivilisation hat dort niemand was gehört. Dort, sieben Zeitzonen hinter Moskau, fliessen die Flüsse Bira und Bidschan zusammen und sagen sich Fuchs und Hase wohl tatsächlich gute Nacht. Die kleinen Schwierigkeiten wusste die sowjetische Regierung wieder gutzumachen: Wer sich dazu entschloss, ins neue Gelobte Land zu ziehen, bekam 600 Rubel sowie freie Fahrt und Verpflegung dahin. 1930 brachte die Regierung sogar einen Propagandafilm unter dem Titel «Sucher des Glücks» heraus, der eine arme jüdisch-amerikanische Familie zeigte, die den Entschluss wagt, nach Birobidschan zu ziehen und dort – welch Überraschung – Glück, Arbeit und Wohlstand findet.

Tatsächlich kamen auch einige amerikanische, argentinische und sogar palästinensische Juden, um im Gelobten Land ihr Glück zu suchen. Aus der Sowjetunion strömten vor allem seit 1930 viele Juden nach Birobidschan, weil sie wie auch der Rest der Bevölkerung enorm unter Stalins Kollektivierungspolitik litten. Viele waren «nuleviki», «Nullen», denen es auch im Nirgendwo nur besser gehen konnte als zuhause. Manche, die kamen, drehten sofort wieder um und fuhren zurück: Auch das pogrom-geschädigte Zuhause schien beser zu sein als das Gelobte Land.

1934 erklärte Stalin Birobidschan offiziell zur «Autonomen jüdischen Republik» und sah das «jüdische Problem» als gelöst. Die Planungen sahen vor, etwa 150000 Juden dort anzusiedeln, doch zu keiner Zeit waren die Juden die Mehrheit in diesem jüdischen Gebiet, die höchste Zahl erreichte ihr Anzahl nach dem Zweiten Weltkrieg mit rund einem Drittel, als viele vor dem Antisemitismus dorthin flohen. Michail Kalinin, der titularische Staatschef, fasste die stalinistischen Träume für Birobidschan folgendermassen zusammen: «Das jüdische Volk hat nun die grosse Aufgabe vor Augen, seine Nationalität zu bewahren. Für dieses Vorhaben muss sich ein grosser Teil der jüdischen Bevölkerung in eine kompakte Landwirtschaftsbevölkerung verwandeln, wobei es sich um mindestens einige 100?000 Seelen handeln sollte.»

Dieser Traum sollte nicht in Erfüllung gehen. Im Jahr 1959 machte der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Birobidschan weniger als zehn Prozent aus. Der Erste Parteisekretär Nikita Sergejewitsch Chruscht-schow stellte ernüchtert fest: «Es muss zugegeben werden, dass, wenn wir eine Bilanz ziehen wollen, wir zugeben müssen, dass die jüdische Siedlung in Birobidschan ein Fehlschlag war.»

Heute leben kaum noch Juden in Birobidschan, viele sind nach Israel, Deutschland oder in die USA ausgewandert, 80 Prozent der Gebliebenen gaben bei einer Umfrage Russisch als ihre Muttersprache an. Ans Jiddische, das Stalin gerne zur Hauptsprache in Birobidschan gemacht hätte, erinnert höchstens noch der «Birobidschaner Stern», eine Regionalzeitung, die einst auf Jiddisch erschien und heute in einer Ausgabe pro Woche zwei jiddischsprachige Seiten enthält. Und bis heute ist Birobidschan die einzige Zugstation ausserhalb Israels, die ein Schild auf Hebräisch hat.

Wiedererblühen des Judentums?

Eine neue Synagoge steht in Birobidschan, die mit Hilfe von Geldern vom American Jewish Joint Distribution Committee erbaut wurde, und seit einigen Jahren versucht ein aus Israel hinzugezogener Rabbiner die Menschen zu Gottesdiensten zu bringen und vor allem Jugendlichen die Religion wieder nahe zu bringen. Vorher gab es eine kleine Synagoge, in der ein einzelner Mann Menschen zum Beten zu bringen versuchte. Gerüchte besagen, die Synagoge hätten die Juden mit den Subbotniki geteilt, einer kirchlichen Sekte, die sich ebenfalls auf die Gesetze Mose beruft. Der neue Rabbiner schätzt die Zahl der Gemeindemitglieder auf 2000, zu Gottesdiensten kommen höchstens 30. Der neue Rabbiner ist – wie könnte es anders sein – ein Chabbadnik mit ukrainischen Wurzeln. Entschuldigt und erklärt wird die fehlende Religiosität seit Jahrzehnten damit, dass die Region niemals, auch nicht unter Stalin, eine wirklich jüdische Gemeinschaft werden sollte.

Vielmehr wollte man das undankbare Land an der chinesischen Grenze besiedelt wissen und das Augenmerk der westlichen Länder vom vorherrschenden Antisemitismus mit einer solch pro-jüdischen Aktion weglenken. Viele von denen, die nach Birobidschan zogen, erwarteten mehr Stabilität denn religiöse Freiheit. Bereits Ende der vierziger Jahre während einer erneuten Repressionswelle Stalins wurde das jüdische Theater in der Hauptstadt Birobidschan geschlossen, Jiddisch als Sprache vom Lehrplan gestrichen. So wundert es keinen, wenn das jüdische Café nicht weit von der Synagoge auch Schinken-Käse-Sandwichs im Angebot hat.

Es gibt aber auch jüdische Stimmen in Birobidschan, die sagen, das Judentum kehre zurück in diese gottverlassene Gegend. Je mehr Juden auswanderten, desto mehr blieben zurück. Denn die «richtigen» Juden, die bleiben. Als Zeichen hierfür wird beispielsweise die Schule Nummer 2 gesehen, eine ehemals jüdische Schule, die lange Zeit in einen jüdischen und einen russischen Teil gegliedert war, und nun wieder eine jüdische Schule ist. Auch Nicht-Juden schicken ihre Kinder gerne dorthin. Eine fünfzehn Meter hohe Menora wurde mitten in der Stadt aufgestellt sowie eine Statue des jüdischen Schriftstellers Scholem Alejchem. Den soll nun wieder jedes jüdische Kind in Birobidschan kennen. Auch das jüdische Theater wurde wieder eröffnet. Während niemand in Moskau offen seinen Davidstern um den Hals tragen würde, sei dies in Birobidschan kein Problem, sagen die Einwohner stolz. Hier würden sogar Nicht-Juden das Symbol tragen.

Stilles Jubiläum

2004 wurde Birobidschan 70 Jahre alt. Während die Stadt herausgeputzt, geschmückt und renoviert wurde, nahm kaum einer auf der Welt dieses Jubiläum zur Kenntnis. Die Feierlichkeiten vereinten russische und israelische Volkstänze mit als Chassidim verkleideten, tanzenden Kindern. Schön eigentlich, nur dass die Meisten, die «Am Israel Chai» oder «Hava Nagila» sangen, gar nicht jüdisch waren. Interessant ist, dass an diesem Ort im Nirgendwo auch die russische und kaukasische Bevölkerung stolz auf den jüdischen Hintergrund ist, Scholem Alejchem als «ihren» Schriftsteller sieht und beim 70. Jubiläum auch dieses alte Birobidschan-Lied singt:

«Doss Lied fun Birobidschan»

Jogn sich zwaj Tajchn,
Biro un Bidschan.

Zwischn di zwaj Tajchn
a fejlech Land faran.

Holz basorgn Welder,
Tajchn gebn Fisch,

Felder Broit derlangen
zu dem najen Tisch.
Zwischn gedichte Welder
jogt mit Frajd a Bohn,

naje Jidn kumen
noch Birobidschan.

Un oif frische Felder
Stroi oif najen Doch,
Ss`hobn asoi Jidn
kejnmol nischt gelocht!
Hern sich zu di Bajmer,
hert si zu di Erd,

oj, asa Gelechter,
kejnmol nischt gehert!

Sol gesunt oif Erdn sajn
jeder najer Schpon,

Ss`singen di naje Arbeter
ot in Birobidschan.





» zurück zur Auswahl