Eine Menora für Elvis
Von Andreas Mink
Anfang Juni senkt sich die Hitze schon um 9 Uhr früh drückend schwül auf den Elvis Presley Boulevard in Memphis, Tennessee. Hier liegt mit der Hausnummer 3734 Graceland das Anwesen des King of Rock'n'Roll. Gegenüber der mit einer schulterhohen Steinmauer umfriedeten Anlage stehen die ersten Touristen vor dem Besucherzentrum mit seinen Fastfood-Restaurants und Souvenirläden Schlange. Kleinbusse transportieren sie grüppchenweise hinein nach Graceland. Hier ist Elvis am 16. August 1977 im Badezimmer seiner Tablettensucht erlegen. Aber die Graceland-Betreiber von der Entertainment-Firma CKX übertreiben nicht, wenn sie behaupten: «Elvis lebt hier.» Er lebt tatsächlich immer noch hier – ein kleines «r» über dem «Elvis» auf den Graceland-Broschüren zeigt an, dass er eine geschützte Marke geworden ist, die jährlich rund 600000 Besucher nach Memphis lockt. Der Mindestpreis für eine Tour beträgt 28 Dollar. Wenn die Fans die Autos und den Privatjet von Elvis sehen wollen, müssen sie extra zahlen.
CKX kontrolliert unter anderem den TV-Hit «American Idol» und hat im vergangenen Jahr die Mehrheitsanteile der Elvis Presley Enterprises von dessen Witwe und Tochter übernommen. Seither profitiert CKX von Presleys Manager Colonel Tom Parker, der die Marke «Elvis» nach der Entlassung des Sängers aus dem Militärdienst 1960 schuf. Der tiefe, giftgrüne Flokati-Teppich des «Dschungel-Raums» und die blau-goldenen Pfauen in den gläsernen Türen des Klavierzimmers in Graceland gehen Hand in Hand mit den platten, unfreiwillig komischen Elvis-Filmen und seiner Musik, die von 1960 bis zu seinem traurigen Ende wenig vom Talent dieses einzigartigen Musikers spüren liess. Dass Elvis 1954 bis 1957 die in Memphis zusammenströmenden, schwarzen und weissen Idiome aus dem Mississippi-Delta und den Appalachen aufsog und in revolutionäre Rock'n'Roll-Songs verwandelte, ist nur in der engen Trophäenhalle neben dem Hauptgebäude von Graceland greifbar. Dort werden neben seinen im Lauf der Jahre immer opulenteren Bühnenkostümen Fotos und goldene Schallplatten aus der Frühzeit von Elvis ausgestellt.
Eine Visite in Graceland ist instruktiv. Wie nur an wenigen Orten Amerikas wird hier die Transformation authentischer Kulturen in leicht konsumierbare Ware anschaulich. Zudem geben das Gebäude und sein Interieur Auskunft über die Herkunft von Elvis und seine Sehnsucht, die Not und die Armut abzuschütteln, in die er 1935 in Tupelo, Mississippi, hineingeboren wurde. Vier Jahre später liess ein Verleger aus Memphis Graceland bauen. Das im Vergleich zu den heutigen Protz-Villen von Rappern bescheidene Anwesen lag damals am Rand von Memphis, gut zehn Kilometer entfernt von den Blues-Clubs und Bars im legendären Vergnügungsviertel an der Beale Street. Seine Steinfassade und die weissen Säulen vor dem Eingang machen Graceland zu einer Miniaturausgabe der imposanten Herrenhäuser, die am Mississippi entlang bis heute die Macht und den Reichtum der Plantagenbesitzer des amerikanischen Südens demonstrieren. In einem Nebengebäude von Graceland findet sich neben dem Schiessstand des Kings ein Modell der weissgetünchten Bretterhütte in Tupelo, in der Elvis mit seinen Eltern Vernon und Gladys die ersten Lebensjahre verbrachte. Im Süden nennt man das ein «Shotgun House»: Die Gebäude messen in der Regel kaum vier auf acht Meter, sind karg eingerichtet und durch Türen an den Schmalseiten zugänglich. Eine vorne in das Haus geschossene Ladung Schrot würde hinten hinausfliegen, ohne innen ein Hindernis getroffen zu haben – so erzählt es zumindest der Volksmund im Süden, der damit auch die für die Region charakteristische, enge Verbindung zwischen Armut und Gewalt kundtut. Doch der Süden wäre unvollständig ohne die Herzlichkeit seiner Bewohner, die uns auf unserer Reise ständig begegnet.
Hütten, Tempel und Paläste am Mississippi
Auf unserer Reportage, die von Memphis 450 Kilometer hinunter nach Natchez und von dort hinauf nach Tupelo im Nordosten des Bundesstaates Mississippi führt, entdecken wir, dass der in der langen Epoche der Sklaverei geformte Gegensatz zwischen Pflanzer-Palästen und Shotgun-Hütten die Region am grossen Fluss immer noch prägt. In Amerikas Metropolen an Atlantik und Pazifik kaum zu spüren, sind die Geister dieser blutigen Vergangenheit in Mississippi weiterhin evident. So klaffen auch zwischen den Häusern und Herzen der armen Weissen und der Schwarzen tiefe Risse. Dass der gewaltige, immer noch nicht ganz gebändigte Mississippi selbst das Land und die Leute darauf formt, wird während der Reise ebenfalls deutlich: Der Fluss hat südlich von Memphis bis nach Vicksburg hin über Jahrtausende Sedimente abgelagert, die das flache, fast 300 Kilometer lange Mississippi-Delta zur fruchtbarsten Landschaft der Erde machen. Südlich von Vicksburg erheben sich bewaldete, von Wasserläufen durchzogene Lehmhügel, die mit ihren engen Falten und Dellen an zusammengeschobenen Filz erinnern. Eine dieser Anhöhen am Fluss hat nicht nur dem kriegerischen Stamm der Natchez-Indianer Zuflucht vor den Fluten des Mississippi geboten, sondern auch Kolonisten angelockt: Aus dem französischen Fort Rosalie ist nach 1716 die Stadt Natchez hervorgegangen, die zwei Jahre älter als New Orleans ist und vor dem amerikanischen Bürgerkrieg die höchste Zahl an Millionären in den USA aufwies. Im dichten Wald nordöstlich von Natchez liegt indes der «Emerald Mound», die mächtige Erdaufschüttung einer indianischen Kultur, die zwischen 1200 und 1730 blühte. Kleinere «Mounds» – künstliche Hügel – sind auf beiden Seiten des Mississippi überall zu finden.
In dieser vielfältigen, historischen Landschaft am grossen Fluss sind auch die Spuren jüdischen Lebens unübersehbar. In Natchez, Greenville, Port Gibson und vielen anderen Orten haben sich schöne, um 1900 gebaute Synagogen erhalten und vielerorts weisen mehr oder weniger verblichene Ladenschilder mit Namen wie Frishman oder Myer auf jüdische Händler hin. Von New Orleans aus waren es zumeist Einwanderer aus dem Elsass und Süddeutschland, die nach 1840 den Mississippi hinaufzogen und im Anschluss an den amerikanischen Bürgerkrieg erheblich zur Entwicklung der Region beitrugen. Seit einigen Jahren widmet sich das Goldring/Woldenberg Institute of Southern Jewish Life (ISJL) in der Staatshauptstadt Jackson der Erforschung dieser Geschichte. Aber beim Besuch des Institutes erfahren wir auch, dass es an der Revitalisierung der Gemeinden überall im Süden mitwirkt. Mit der für die Region charakteristischen Gastfreundlichkeit hat uns das ISJL wertvolle Kontakte in Natchez und Tupelo vermittelt. Dort lernen wir schliesslich George Copen kennen, der eine zumindest für uns neue Seite von Elvis eröffnet: Copen hat dem «King» die Menora seiner Grossmutter geliehen, die nach Presleys Tod ihren Weg in das Museum neben dem Geburtshaus von Elvis in Tupelo gefunden hat.
Mythen und Museen
Graceland liegt am nördlichen Rand des Mississippi-Deltas. Grün und oval wie ein Smaragd, ist es an der breitesten Stelle etwa 100 Kilometer breit und wird vom Big Muddy und dem Yazoo River begrenzt. Die überaus fruchtbare Flutebene bestand bis in die 1920er-Jahre noch weitgehend aus Sümpfen und undurchdringlichen Wäldern. Dafür sprechen Ortsnamen wie Alligator und Panther Swamp. Hier hat Theodore Roosevelt den Bären erlegt, der zur Vorlage des «Teddybären» wurde. Vor dem Bürgerkrieg waren erste Pflanzer in diese Wildnis gezogen. Ihre Sklaven rodeten den Urwald und bauten gewaltige Deiche am Fluss. Von den enormen Erträgen der Baumwollfelder angelockt, hielten um 1900 ausländische Investoren Einzug. Die grösste Plantage der Region gehörte der 1911 von britischen Textilunternehmern gegründeten Delta and Pine Land Company, die vor wenigen Jahren vom Monsanto-Konzern übernommen wurde. Bis zur grossen Flut von 1927 war das Delta ein boomende, gewalttätige Region, ein Wilder Westen am Mississippi mit florierenden Städten wie Clarksdale und Greenville. In den Kneipen und «Juke Joints» des Deltas unterhielten Charlie Patton, Son House, Robert Johnson und andere Musiker schwarze Tagelöhner, Deicharbeiter und Farmer. Das Delta wurde zur Wiege des Blues und des Rock'n'Roll.
Die gerade aus der Sklaverei befreiten Schwarzen konnten vom Reichtum des Bodens nicht profitieren. Die Fluktuation auf dem Baumwollmarkt zwang sie als kleine Farmer nach und nach zum Verkauf an die grossen Plantagen und in die Leibeigenschaft des «Sharecropper»-Systems. Sie durften die Hälfte der Baumwollernte für sich behalten, hatten jedoch keine Kontrolle über die Preise. Kredite für Saatgut und Werkzeug fesselten sie an die Gutsherren. Hoffnung auf eine bessere Zukunft versprachen die Hauptverkehrsadern des Delta, die Highways 49 und 61. Letzterer verläuft von der kanadischen Grenze über das Mississippi-Delta und Natchez nach New Orleans. Die 61 führt nicht nur nahe an Graceland vorbei, sondern auch durch Duluth, Minnesota, den Geburtsort von Bob Dylan. Für die amerikanische Kultur hat nur die Route 66 zwischen Chicago und Los Angeles eine ähnliche, mythische Bedeutung wie der Highway 61. Dylan hat der Strasse und dem Delta 1965 mit seinem Album «Highway 61 Revisited» seine Referenz erwiesen. Darauf erinnert der Hit «Like a Rolling Stone» an den Blues-Klassiker «Rollin' Stone» von Muddy Waters aus dem Jahr 1950. Der Sänger und Gitarrist ist auf der Stovall Plantation im nördlichen Delta nahe der Stadt Clarksdale aufgewachsen. In Clarks-dale liegt die sagenumwobene Kreuzung, an der die 61 auf den Highway 49 trifft. Der Legende nach hat der Blues-Pionier Robert Johnson (1911-1938) hier eines Nachts seine Seele an den Teufel verkauft, um sein musikalisches Talent zu erwerben. Heute steht an den «Crossroads» ein von stählernen Gitarren gekröntes Denkmal.
Clarksdale liegt keine zwei Stunden südlich von Graceland. Werden bereits die zerfallenen Aussenbezirke von Memphis von einer Armut geprägt, wie sie etwa in den Neuengland-Staaten völlig unbekannt ist, so nimmt diese bei der Fahrt hinein nach Clarksdale bedrückende Ausmasse an. Mississippi ist mit einem durchschnittlichen Haushaltseinkommen von 26000 Dollar der ärmste Staat der USA und im Delta liegen dessen ärmste Landkreise. Leerstehende Backsteinhäuser, ramponierte Shotgun-Hütten, rostende Autowracks, überwucherte Grundstücke bestimmen ein Bild, das an die Dritte Welt erinnert und im krassen Kontrast zu den mit modernsten Maschinen bearbeiteten Baumwollfeldern steht. Deren exakte Reihen ziehen sich beiderseits der 61 bis an ferne Waldungen oder die Deiche am Fluss. Dank der explodierenden Nachfrage für Bio-Diesel macht der Mais neuerdings «King Cotton» seinen Rang streitig. Aber von dem grünen Gold scheint nur wenig in den kleinen Ortschaften des Delta anzukommen. Auf unserer ganzen Reise hören wir immer wieder, dass in den letzten Jahren auch das produzierende Gewerbe aus Mississippi und Louisiana abgewandert ist, nach Mexiko, China oder Vietnam. Gleichwohl begegnen die ärmlich gekleideten, fast durchweg schwarzen Bewohner von Clarks-dale dem Besucher nicht mit Feindseligkeit, sondern mit Verwunderung und Distanz. Wer hierher kommt, sucht die einzige Touristenattraktion des Ortes, das Delta Blues Museum.
Wo der Blues ist
In einem ehemaligen Güterbahnhof gelegen, beherbergt das Museum das Blockhaus aus Zypressenstämmen, in dem Muddy Waters auf der Stovall Plantation gelebt hat. Die Balken zeigen die Spuren der Breitaxt, mit denen sie behauen worden sind und lassen zwischen den Lagen handbreite Lücken frei. Diese wurden im Winter mit Lehm gestopft, im Sommer jedoch freigeschlagen, um eine kühlende Brise einzulassen. Neben Waters würdigt das 1999 gegründete Museum John Lee Hooker, Ike Turner und den Gospel- und Soulsänger Sam Cooke. Alle drei wurden in Clarksdale geboren. Auch Tennessee Williams hat einen Teil seiner Kindheit hier erlebt. Zwischen Schaukästen mit Gitarren, Bühnenkostümen, zeitgenössischen Fotos und Dokumenten steht eine rote, an ein Boot erinnernde Holztruhe auf Rädern. Der erschrockene Besucher entdeckt darin einen dunkelgrauen, mumifizierten Totenschädel mit geschminkten Lippen und Lockenhaar, der sich beim zweiten Blick als Skulptur des Musikers, Folk-Art-Künstlers und Totengräbers James «Son» Thomas entpuppt. Er hat den Kopf aus «Mississippi Mud» geformt, dem Schlamm der Flutebene, der Leben und Reichtum spendet, aber den Schwarzen bis heute wenig Glück gebracht hat.
Das Delta Blues Museum unternimmt nicht nur die lange überfällige Würdigung einer Kultur, sondern auch den Versuch, die Region neu zu beleben. Vom kurzen Frühjahr bis tief in den nicht längeren Herbst hinein veranstaltet das Museum auf einer Bühne nebenan Konzerte. Die Website der Institution gibt zudem Auskunft über die zahlreichen Blues-Festivals, die überall im Delta stattfinden. Allein die Musik macht einen Besuch im Delta zu einem unvergesslichen Erlebnis. Das Museum ist zudem repräsentativ für einen Trend in der ganzen Region. Überall entdecken wir Ausstellungsstätten, die an lokale Geschichte und Geschichten erinnern. Diese Mu-seen halten nur selten strenge wissenschaftliche Standards, aber sie geben dem Besucher tiefe Einblicke in örtliche Milieus. So hat sich in dem 1300-Einwohner-Ort Ferriday, Louisiana, vor wenigen Jahren das Delta Music Museum in einem Postamt aus den 1930er Jahren etabliert. In Ferriday, etwa 30 Kilometer westlich von Natchez auf der anderen Seite des Mississippi, wurde Jerry Lee Lewis geboren. Der hat «sein Piano mit allen Körperteilen gespielt hat – mit allen?...», erzählen Virginia Welch und Theresa Pulloe. Die beiden älteren Damen haben ihr ganzes Leben in Ferriday verbracht und erinnern sich an Jerry Lee aus der Schulzeit: «Da ist er nur gelegentlich aufgetaucht. Er war ein wilder Junge. Aber wir alle waren so arm und sind in Hütten mit Lehmböden und ohne fliessend Wasser aufgewachsen. Wenn sich Jerry Lee an die Regeln gehalten hätte, wäre er nie berühmt geworden.»
Mehr als der von seiner Mutter Gladys dominierte Elvis ist Lewis der paradigmatische «wilde Mann» des Rock'n'Roll – zügellos, gewalttätig und sinnlich, ein Abkömmling der schottisch-irischen Pioniere. Sie fanden sich nach der Sklaven-Befreiung in einem bitteren Konflikt mit den Schwarzen um die dünn gesäten Chancen im Süden, aber beide Gruppen haben sich auch gegenseitig befruchtet. Lewis absolvierte viele seiner frühen Auftritte im Blue Cat Club in Natchez, einer üblen Kaschemme im Rotlichtbezirk «Under the Hill» direkt am Wasser. Hier, unterhalb der Anhöhe, auf der die eigentliche Stadt sitzt, legten die Flussschiffe an und Händler wie Davis Moses unterhielten Läden und Depots. Der Fluss hat die «Unterstadt» von Natchez inzwischen nahezu vollständig weggespült. Heute liegt hier eines den alten Raddampfern nachempfundenen Casino-Schiffe, die überall am Mississippi Spieler anlocken. Die meisten Einheimischen halten die Casinos für ein Übel. Sie bieten schlecht bezahlte Jobs und vor allem ärmere Leuten und Pensionäre verlieren dort ihr Geld.
Jüdisches Leben am grossen Fluss
Auch die jüdische Präsenz in Natchez wird in einer kleinen Ausstellung gewürdigt, die im Keller der prächtigen Synagoge B'nai Israel an der Commerce Street zu finden ist. Nebenan steht das schmucke, ehemalige Haus des Rabbiners und schräg gegenüber ein stolzes Bürgerhaus, das von der Familie Moses erbaut wurde. In der Synagoge treffen wir Teri Tillman, die Historikerin der Gemeinde. Ihr Mann ist ein Nachkomme von Joseph und Ricka Tillman, die 1843 aus dem pfälzischen Bad Dürkheim an den Mississippi gekommen sind. Die Tillmans sind mit die älteste jüdische Familie am Ort und haben eine klassische Geschichte durchlaufen: «Die süddeutschen und elsässischen Juden sind zunächst von New Or-leans aus den Fluss hinaufgekommen und haben den Süden als Hausierer bereist. Allmählich haben sie sich niedergelassen und Läden gegründet», so Tillman.
Diese jüdischen Pioniere waren oft gezwungen, ihre Geschäfte aufzugeben
und andernorts bessere Chancen zu suchen, aber nach dem Bürgerkrieg nahm
auch in Natchez ihre Bedeutung zu, sagt Tillman: «Mit dem Ende der Sklaverei
brach die wirtschaftliche Grundlage der Pflanzer zusammen und häufig waren
es jüdische Händler und Bankiers, die mit ihren Beziehungen speziell
nach New Orleans frisches Kapital für einen Neuanfang beschaffen konnten.»
So rückten jüdische Immigranten wie die Tillmans oder der aus dem
schwäbischen Hechingen eingewanderte Isaac Loewenburg rasch in der sozialen
Hierarchie auf. Cassius Tillman wurde um 1880 zum Sheriff gewählt, Loewenburg
1873 der erste jüdische Bürgermeister von Natchez. Er brachte aus
Hechingen auch die Thora-Rolle für die im gleichen Jahr fertig gestellte
Synagoge. Wie fast überall im Süden hat sich damals in der Gemeinde
das Reformjudentum durchgesetzt. Nach einem Brand hat die in ihrer Blütezeit
rund 500 Mitglieder starke Gemeinde 1905 die bis heute bestehende Synagoge errichtet.
Wie Tillman erklärt, waren die Juden von Natchez – und das gilt für
den ganzen Süden – in das gesellschaftliche Leben der Stadt integriert.
Nach der Zerstörung der ersten Synagoge konnten sie ihre Gottesdienste
in Kirchen am Ort abhalten, und da die Einrichtung eines jüdischen Waisenhauses
nicht notwendig erschien, unterstützten Mitglieder der Gemeinde das christliche.
Der Niedergang der Gemeinde setzte schlagartig im Jahr 1908 ein. Damals zerstörte
der aus Mittelamerika eingewanderte Baumwollkäfer Boll Weevil die ökonomische
Grundlage der Region. Viele jüdische Familien verliessen Natchez. Häufiger
jedoch kamen ihre Söhne und Töchter nach ihrem Studium an den Küsten
oder im industriellen Norden nicht mehr an den Ort zurück. Daher zählt
die Gemeinde Tillman zufolge heute nur noch etwa 20 Angehörige. Gleichwohl
ist die jüdische Präsenz überall in Natchez evident. So betreibt
das Eola Hotel, die erste Adresse am Ort, im ehemaligen Haus von Samuel Ullman
eine Pension, deren Zimmer die Namen jüdischer Bürger tragen. Auch
Ullman (1840–1924) stammt aus Hechingen. Der Geschäftsmann, Dichter
und Philanthrop verfasste «Youth», eine Ode an die Jugend, die später
zum Lieblingsgedicht von General Douglas MacArthur wurde. Der machte «Youth»
nach 1945 als Militärgouverneur in Japan populär.
Der Kriegsheld besuchte Natchez Anfang der 1950er-Jahre, als er seine Chancen auf die US-Präsidentschaft ausloten wollte. MacArthur übernachtete damals in der spektakulären Pflanzer-Residenz Stanton Hall, die bis heute eine der grosse Attraktionen des Ortes darstellt. Natchez ist ohnehin eine Entdeckung und absolut einen Besuch wert. Für die USA aussergewöhnlich, hat sich der von den Spaniern um 1750 nach dem Schachbrettmuster angelegte Stadtkern mit Gebäuden aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sehr gut erhalten. Obwohl Natchez noch auf den Kuss wartet, der die Stadt aus ihrem vom Boll Weevil gebrachten Schlaf erweckt, weisst es neben zahlreichen sehr gepflegten Herrenhäusern – die meist seit Jahrzehnten von den «Garden Clubs» lokaler Damen verwaltet werden – gute Restaurants und eine Vielzahl von Antiquitätenläden auf. Unbedingt empfehlenswert sind neben dem altmodischen Restaurant des Eola Hotels die Lokale «Slough Daddy's River Grill» auf der Westseite des Mississippi in Vidalia, Louisiana, und die «King's Tavern» in Natchez.
«Slough Daddy's» steht direkt am Fluss. Die grosse Wellblech-baracke hat eine offene Terrasse zum Wasser hin und bietet üppige Portionen der lokalen Spezialitäten in erstaunlich guter Qualität. Der massige Barkeeper erklärt uns einen «Slough» als «Sumpf, in dem allerlei Getier wimmelt – hier kommen gute Leute jeder Art her». Am unteren Mississippi dominiert der französische Einfluss das Menü in einer Variante, die selbst im hintersten Elsass nicht mehr zu finden ist: Butter und Sahne dominieren, aber die scharfen Gewürze der Cajun-Küche sorgen für einen willkommenen Kontrast. Auf der Speisekarte fehlen frisches Obst und Gemüse. Es würde der Belebung des Tourismus und der Region generell dienen, wenn neben den Monokulturen von Mais und Baumwolle mehr frische Lebensmittel produziert würden. Diese könnten Arbeitsplätze schaffen und womöglich die enormen Gewichtsprobleme mindern, die so viele Bewohner von Mississippi plagen.
Die Geister von Mississippi
Etwas vornehmer als bei «Slough Daddy's» geht es in der um 1760 aus dem Holz von Fluss-Barken errichteten «King's Tavern» zu, die vorzügliche Steaks und den im Süden allgegenwärtigen Catfish serviert. In der alten Taverne soll auch der Geist eines unglücklichen Mädchens umgehen. Das Thema Gespenster ist in Mississippi ebenso unvermeidlich wie der Catfish und die Baumwolle. «Von Vögeln, Ratten, Fledermäusen und Geistern» im Gebälk eines alten Herrenhauses erzählt Arthur LaSalle. Er verwaltet seit Jahrzehnten die Springfield Plantation ausserhalb von Natchez. Das Anwesen liegt nahe des Natchez Trace, der von der Stadt nach Nashville, Tennessee, führt. 600 Kilometer lang, ist der Trace ein uralter Pfad, auf dem einst Bisonherden zogen und der danach von Indianern und weissen Pionieren bereist wurde. Heute folgt eine Strasse der malerischen Route, an der zahlreiche historische Sehenswürdigkeiten wie der bereits erwähnte Emerald Mound liegen.
Klein, gebeugt, die schwarzen, stechenden Augen eingesunken in seinem blassen, kantigen Gesicht, ist der greise LaSalle selbst eine Sehenswürdigkeit, wenn auch eine ziemlich unheimliche – zumal, wenn man ihm allein in der hohen, stickigen Eingangshalle von Springfield gegenübersteht. LaSalle entstammt einer alten Familie aus New Orleans und ist womöglich mit dem aus normannischem Geblüt hervorgegangenen Forscher Robert de LaSalle (1643–1687) verwandt. LaSalle trägt eine mächtige Brosche mit dem französischen Lilien-Wappen unter seinem spitzen Kinn. Er bezeichnet sich als «absoluten Monarchisten». Monoton, die Lider gesenkt, haspelt er mit dünner Stimme die Geschichte der um 1780 etablierten Plantage herunter: Von einem Pflanzer aus Virginia gegründet, war Springfield die erste Plantage in Mississippi. Im Herrenhaus hat der spätere Präsident Andrew Jackson 1791 seine damals vielleicht noch mit einem anderen Mann verheiratete Frau Rachel geehelicht. Das gut erhaltene Gebäude ist deutlich schlichter und kleiner als die grossen Residenzen in Natchez. Erbaut wurde es von Sklaven, die auch hier Ziegel aus dem Lehm des Flusstales brannten. LaSalle zeigt uns zum Abschied den Weg zum «Friedhof» der Sklaven im Gebüsch hinter dem Herrenhaus. Ein paar hundert Meter weiter steht im Wald eine kleine, weissgetünchte Sklavenhütte, ein architektonischer Vorläufer der «Shotgun Houses». Während Käfer und Mücken in der schwülen Luft tanzen, ergreift uns eine blasse Ahnung der Strapazen und Leiden der Sklaven, auf denen die Pflanzer ihre aristokratische Existenz gegründet haben.
Springfield ist ein Vorläufer der zahlreichen Herrenhäuser in Natchez selbst, die häufig erst unmittelbar vor dem Bürgerkrieg errichtet worden sind. Unter ihnen konfrontieren uns Longwood und Stanton Hall mit der Komplexität der Sklavenhalter-Gesellschaft. Um 1850 hatten explodierende Baumwollpreise enorme Profite an den Mississippi gespült und den Plantagenbesitzern die Mittel für extravagante Bauprojekte verschafft. «Die waren so unermesslich reich wie die Ölscheichs von heute», sagt Allyn DeVries, die uns durch Stanton Hall führt. In dem mächtigen Gebäude zeugen gewaltige, in Frankreich gefertigte Wandspiegel, exquisite Metallleuchter und Möbel vom erlesenen Geschmack der Pflanzer, die sich in Natchez gegenseitig mit ihren Anwesen zu übertrumpfen suchten. «Natchez war die Party-Stadt – der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens», so DeVries, die mit ihrem Mann, einem Orchestermusiker, vor vielen Jahren in den Süden gekommen ist. Sie enttarnt sich fröhlich als «MOT»: «Ich bin jüdisch, ein ‹Stammesmitglied› – a Member of the Tribe». Trotz aller Pracht ist das Gebäude klug konzipiert. Hohe Fenster, Säulengänge aussen und ein ventilierendes Treppenhaus dämpfen die schwüle Hitze ebenso wie die gewaltigen, mit «spanischem Moos» bewachsenen «Live Oak»-Eichen im Garten des Anwesens. «Die hatten raus, wie sie mit dem Klima umgehen mussten», sagt DeVries nicht ohne Anerkennung. Die Plantagenbesitzer liessen die Backsteine, metallene Beschläge sowie Balken aus unverwüstlichem Eichen- oder Zypressenholz von ihren Sklaven herstellen. Wer vor dem Marmor-Kamin im Rauchsalon von Stanton Hall steht, wird mit der Möglichkeit konfrontiert, dass die Sklavenhaltergesellschaft noch lange hätte florieren können, wenn die Südstaaten politisch klüger agiert hätten.
Unternehmerisch fortschrittlich
Tatsächlich waren gerade in Natchez führende Pflanzer gegen die Sezession vom Norden, da sie enge Beziehungen zu den Textilfabrikanten in Neuengland pflegten. Dies gilt für Haller Nutt, dessen 1860 begonnenes Herrenhaus Longwood nur wenige Kilometer ausserhalb von Natchez und unmittelbar neben dem ehemaligen Gut des Südstaaten-Präsidenten Jefferson Davis steht. Nutt hatte Agrarwissenschaften studiert und aus ägyptischen und mexikanischen eine neue, hochwertige Baumwollsorte gekreuzt. Nutt brachte seinem «Leibsklaven» Frederick freundschaftliche Gefühle entgegen und liess ihn für Longwood porträtieren. Das einzigartige Ge-mälde hängt immer noch im Salon des Anwesens. Unternehmerisch fortschrittlich, wollte Nutt auch mit seiner Residenz ein Zeichen setzen. Er hatte das bereits von einer Pflanzerfamilie bewohnte Grundstück für seine geliebte Frau Julia Augusta erworben und den renommierten Architekten Samuel Sloane aus Philadelphia beauftragt, für sie eine Mischung aus Lustschloss und orientalischem Palast zu errichten. Longwood hat einen achteckigen Grundriss und sieben Etagen, aber der Krieg hat die Bauarbeiten unterbrochen. Nachdem Nutt 1864 einer Lungenentzündung erlag, konnte das Gebäude nicht mehr fertig gestellt werden. Im zweiten Obergeschoss ist noch das Werkzeug der aus den Nordstaaten angereisten Handwerker zu sehen. Es ist einem Dachdeckermeister aus Pennsylvania zu verdanken, dass Longwood heute noch steht. Der Mann stahl sich nach Kriegsbeginn durch die Linien, um die Kupferbleche auf dem Dach mit Blei zu verlöten.
Wie Stanton Hall und zahllose andere Herrensitze im Süden wurde Longwood über Jahrzehnte von der mit Steuerschulden beladenen Witwe des Pflanzers bewohnt. Diese verarmten «Confederate Widows», die Überbleibsel des Ancien Regimes, zählen wie die Seelen der Sklaven zu den unglücklichen Geistern von Mississippi. Zu dieser Geschichte gehören jedoch auch die freien Schwarzen oder Mischlinge, die ihrerseits Sklavenhalter waren. Davon zeugt in Natchez das Backsteinhaus von William T. Johnson (1809–1851). Als Sklave geboren, wurde Johnson als Elfjähriger befreit. Er lernte das Barbierhandwerk und war so erfolgreich und unternehmungslustig, dass er in die Pflanzerschicht aufsteigen konnte. Johnson wurde über einen Streit um Wegerechte von einem anderen Grundbesitzer mit schwarzen Vorfahren ermordet. Der «Barbier von Natchez» hat ein historisch einmaliges Tagebuch geführt. Dieses diente vor wenigen Jahren als Grundlage des Bestsellers «The Known World», für das Edward P. Jones im Jahr 2004 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde.
Schalom Y'all!
Auf dem Natchez Trace erreichen wir die Staatshauptstadt Jackson und später Tupelo, den Geburtsort von Elvis Presley. In Jackson sitzt das Goldring/Woldenberg Institute of Southern Jewish Life (ISJL) in einem unscheinbaren, einstöckigen Bürogebäude ausserhalb des Zentrums. Die nach zwei Mäzenen aus New Orleans benannte Organisation ist eine Kombination aus Forschungseinrichtung, Lehranstalt und Rabbinat. Drinnen geht es lebhaft zu. Junge Frauen bereiten sich auf Exkursionen in die kleinen Gemeinden von 13 Bundesstaaten im amerikanischen Süden vor und studieren Unterrichtsmaterial für die jüdische Erziehung. Daneben beschäftigt das ISJL einen Rabbiner, der überall in der Region Gottesdienste abhält. Die Anstellung eines zweiten Geistlichen ist geplant. Stuart Rockoff kümmert sich dagegen um die Vergangenheit. Als historischer Direktor sammelt er Informationen über die Geschichte der Juden im Süden, die auf der Website des Instituts zusammengefasst und auch als Buch erscheinen werden: «Ich schreibe über diese aussterbenden Gemeinden», so Rockoff, aber er sieht seine Arbeit nicht als Abschluss an, sondern eher als eine Bewahrung der Historie für nachfolgende Generationen: Die Gemeinde der Südstaaten-Metropole Atlanta ist in den letzten 20 Jahren von 24000 auf 120000 Mitglieder empor geschnellt, und wenn der Süden insgesamt doch irgendwann aus seinem ökonomischen Dornröschenschlaf erwacht, wird auch das jüdische Leben neu erblühen. Die neun jungen Frauen in den Büros neben Rockoff haben ihr Studium abgeschlossen und kommen aus dem ganzen Land hierher, um für zwei Jahre «heilige Arbeit für das Judentum zu leisten», wie eine von ihnen sagt. Aber die Atmosphäre im ISJL ist bei allem Ernst doch eher beschwingt. Das hat viel mit dem Gründer und Kopf des Ganzen zu tun, Macy Hart.
Charismatisch und voll Elan ist Hart in der Kleinstadt Winona östlich des Delta aufgewachsen. Er war 1969 als junger Mann Gründungsdirektor des von der Reformbewegung getragenen Sommercamps Henry S. Jacobs in Utica, Mississippi, der einzigen Anlaufstelle für jüdische Kinder und Jugendliche im Herzen des alten Südens. Hart konnte wie kaum ein anderer beobachten, wie die Gemeinden schrumpften und als ihn zunehmend Rufe nach einer sicheren Stätte für Kultgegenstände und Dokumente erreichten, rief Hart auf dem Camp-Gelände 1986 das Museum of the Southern Jewish Experience ins Leben. Im Hauptgebäude des Camps zeigt uns die Kuratorin Kate Lubarsky die gewaltige Wandkarte, auf der das Museum jüdische Einrichtungen im Süden festhält. Aus dem Museum erwuchs das ISJL, das Hart seit 1999 leitet. Er strahlt Unternehmungslust aus und hat neben vielen anderen Projekten den schönen Fotoband «Shalom Y'all» initiiert, der das jüdische Leben in der Region dokumentiert. Der Titel ist treffend, denn die alteingesessenen Juden hier sind immer auch Südstaatler. Sie sind herzlich, aufgeschlossen und sprechen im weichen Dialekt der Region, in dem Verkäuferinnen oder Kellnerinnen wildfremde Leute als «Honey», «Sugar» oder «Dah'ling» begrüssen. «Y'all» (You all = Ihr alle) darf in keinem Satz fehlen.
Rockoff, der junge Historiker, stammt aus Houston, Texas, und hat in Neuengland studiert. Er macht verständlich, dass die Juden im Süden nach dem Bürgerkrieg ganz selbstverständlich integriert waren und selbst während der Hochzeit des Ku-Klux-Klan nach dem Ersten Weltkrieg nicht unter Gewalt oder Ausgrenzung litten. Gleichzeitig waren sie sich der brutalen Unterdrückung der Schwarzen bewusst: «Da sie als Ladenbesitzer Schwarze nicht ausgrenzten, fungierten Juden als verbindende Kraft in der von Rassismus zerrissenen Gesellschaft des Südens», so Rockoff. Auf Dialog und allmählichen Wandel eingestellt, fanden sich die Juden im Süden nach 1950 in einer zunehmend schwierigen Lage. Die Bürgerrechtsbewegung mobilisierte nicht nur schwarze Demonstranten, sondern auch zahlreiche junge, weisse Aktivisten. Sie kamen aus dem Norden nach Alabama und Mississippi und wurden wiederholt nicht nur von der brutalen Polizei malträtiert, sondern fielen auch Mordanschlägen zum Opfer. Viele dieser «Freedom Rider» waren jüdisch. Sie zeigten in der Regel kein Verständnis für das vorsichtige Agieren ihrer Glaubensgenossen vor Ort: «Aber sie gingen ja bald wieder zurück in den Norden und mussten nicht tagein, tagaus mit ihren weissen Nachbarn und Geschäftspartnern auskommen», so Rockoff. Er weisst zudem auf den deutsch-jüdischen Emigranten Ernst Borinski hin, der als Soziologie-Professor am Tougaloo College nahe Jackson über Jahrzehnte unermüdlich für den Dialog zwischen Schwarzen und Weissen gearbeitet hat.
Der erste Schwarze im ganzen Staat
Ein weiteres Beispiel für jüdische Pionierarbeit im Rassenkonflikt begegnet uns am folgenden Tag in Tupelo. Unser Kontaktmann George Copen bringt Leonard Shane mit in die kleine Synagoge B'nai Israel an der Marshall Street. Die Gemeinde in Tupelo stand immer wieder vor dem Erlöschen und es sind Neuzugänge wie Shane, die für eine kontinuierliche jüdische Präsenz sorgen. Shane stammt aus Illinois und kam Ende der 1960er-Jahre nach Tupelo, seinerzeit ein Zentrum der amerikanischen Möbelindustrie: «Damals zog das produzierende Gewerbe in den Süden, weil es hier keine Gewerkschaften gab», sagt Shane. Er hat als Manager einer Fabrik «den ersten Schwarzen im ganzen Staat» zum Vorarbeiter gemacht, ein ausserordentlich mutiger Schritt: «Es hat eine Weile gedauert, bis sich die weissen Arbeiter daran gewöhnten», so Shane lächelnd. Man sieht ihm seine 67 Jahren nicht an, aber auch als Pensionär ist er weiter in der Indus-trie tätig, die heute um ihr Überleben ringt: «Schlimmer als die Konkurrenz aus China und Vietnam sind die überteuerten Stahlpreise hier, die bei Sprungfedern zu Buche schlagen.»
Obwohl die Gemeinde in Tupelo kaum 20 Familien umfasst, zeigt jüdischer Unternehmergeist am Ort auch heute Wirkung. Während Joe und Linda Levy mit ihrem Lampengeschäft «Tupelo Lighting Center» der traditionellen jüdischen Rolle im Handel treu bleiben, gehen Bob und Kathleen Schwartz neue Wege in der Gastronomie. Shane und George Copen laden uns zum Lunch in ihr Lokal «Southern Ice» ein. In einem Einkaufszentrum gelegen, bietet das helle, offene Restaurant nicht nur Sandwichs, frische Salate und Teller mit Falafel, Humus und Baba Ghanoush nach israelischem Vorbild an: «Wir sind Pioniere», erklärt der aus dem Verlagsgeschäft kommende Bob Schwartz, «und stellen als Erste in Mississippi Gelato-Eis nach italienischem Vorbild her. Kathleen produziert 80 Sorten und wir können uns vor der Nachfrage gar nicht retten.» Wer die schwere Küche des Südens auch nur eine Woche genossen hat, wird das spontan verstehen.
So gestärkt, begleitet uns George Copen, der sich in ausserordentlich freundlicher Manier um uns kümmert, schliesslich zur letzten Station der Reise, dem Geburtshaus des Kings of Rock'n'Roll am Elvis Presley Drive. Es wird von Garden-Club-Ladies gepflegt, wie die Pflanzer-Paläste. Der Vater von Elvis baute es 1935 mit geliehenen 180 Dollar. Drinnen steht ein Bett, wie es Vernon und Gladys Presley damals besessen haben könnten: «Elvis hat darin drei Jahre lang zwischen seinen Eltern geschlafen», erklärt George, «das war damals so üblich – für ein Kinderbett hatte niemand Geld.» Nebenan steht ein kleines Museum, das Bilder und Gegenstände aus dem Leben Presleys zeigt. Viele davon stammen aus dem Nachlass von Janelle McComb. Die Freundin der Presleys aus Tupelo hat Elvis in seinen späteren Jahren häufig in Graceland besucht. George sagt: «Janelle hat gegenüber dem Haus meiner Grossmutter gelebt und sich im Winter ihren Pelzmantel geliehen, wenn sie zu irgendeiner Feier nach Graceland ging.» Als das Museum nach McCombs Tod im Jahr 2005 weitere Memorabilia aus ihrem Nachlass erhielt, kam für George ein unvergesslicher Moment: «Ich ging durch die Ausstellung und stand plötzlich vor einem grossen Foto aus Graceland, auf dem eine Gitarre, die Schärpe eines Priesters und eine Menora aus Metall zu sehen sind.» George erkannte den Leuchter: «Das war die Menora meiner Grossmutter. Wir haben ihn Janelle vor einer ihrer Fahrten nach Graceland geliehen.»
Das bringt uns zu einem der Gründe für diese Reportage: In der Redaktion wird seit Jahren darüber gestritten, ob Elvis jüdisch war – schliesslich hat er nach dem Tod seiner Mutter einen Davidstern auf ihrem Grab in Graceland anbringen lassen. Die Quellenlage ist problematisch: Elaine Dundy und andere Autoren behaupten, Nancy Burdine Tackett, die Urgrossmutter von Gladys Presley, sei jüdisch gewesen. Aber der Familien-Genealoge Jamie Tackett streitet dies ab. Der Elvis-Forscher und Historiker Roy Turner aus Tupelo weisst uns dagegen auf die mysteriösen Melungeons hin. Diese Minorität ist seit dem 17. Jahrhundert im Süden und den Appalachen belegt und hat Gen-Untersuchungen zufolge mediterranes, schwarzes und indianisches Erbgut. Für Turner stammt Gladys Presley wie Abraham Lincoln oder Ava Gardner auch von den Melungeons ab – doch auch unter diesen finden sich jüdische Spuren. Dass Interesse von Elvis am Judentum wurde indes Ende der 1960er-Jahre von seinem jüdischen Hollywood-Friseur Larry Geller geweckt. Damals empfand der King auf seiner Reise zwischen der Shotgun-Hütte und seinem nachgemachten Pflanzerpalast eine spirituelle Leere, die er bis zu seinem tragischen Lebensende nicht auszufüllen vermochte. Dafür steht die Menora von George Copen.


