Der Klos im Hals
Von Irene Armbruster
Als die Einladungen der Stadt Stuttgart 1983 zum ersten Mal in Tel Aviv, New York oder Buenos Aires eintrafen, stifteten sie in vielen Emigrantenfamilien und jüdischen Gemeinden Unfrieden: Reisen in das Land der Täter? Sich einladen lassen, um den Deutschen eine moralische Erleichterung zu verschaffen? Sich wirklich den schmerzhaften Erinnerungen noch einmal aussetzen? Eine Heimatstadt besuchen, von deren Bürgern man rausgeschmissen, entrechtet, enteignet worden war und die Familie und Freunde ermordet hatten?
Ein Drittel der Eingeladenen verweigerten sich der Reise in die Vergangenheit. Zwei Drittel aber folgten in den folgenden 19 Jahren den Einladungen der Stadt Stuttgart – auch wenn sie ihrem Umfeld manchmal nicht erzählten, wo sie hinflogen. Wieder zurückgekehrt, berichteten viele vom Sinn einer solchen Reise, die fast alle grossen und mittelgrossen Städte in Deutschland ermöglichten. Julius Pick und seine Frau Rosa gehörten der ersten Reisegruppe an, die nach Stuttgart eingeladen wurde. Pick schrieb dem aufbau: «Wir sind froh, diese Reise ins Ungewisse unternommen und ein anderes Deutschland gefunden zu haben. Wir sind froh, dort Menschen begegnet zu sein, die uns durch ihre ehrlichen Bekenntnisse und ihre Reue über die Vergangenheit den Aufenthalt in unserer sonst entfremdeten Exheimat verschönert haben.»
Die Besuche in den deutschen Städten machten eine der erstaunlichsten Reisewellen der achtziger Jahre aus. Ursprünglich von der Stadt München initiiert, die bereits 1961 damit begonnen hatte, «ehemalige jüdische Mitbürger», wie es offiziell hiess, einzuladen, funktionierten diese Reisen wie jede andere auch. Nur dass das «Reisebüro» in dem Fall der aufbau war. Die Mehrheit der Redaktion glaubte daran, dass eine Reise nach Deutschland für die Emigranten ein wichtiger Schritt sei. Es sei notwendig zu sehen – so wurden die beiden Chefredakteure Hans Steinitz und später Henry Marx nicht müde zu schreiben –, dass sich Deutschland verändert habe. «Man wird in der Geschichte vergeblich nach einem zweiten Fall suchen, in dem so systematisch, so ehrlich, so ungeschminkt, wahrheitsgetreu, so aufrichtig und zugleich so warmherzig, unbürokratisch und grossherzig der Brückenbau zwischen einer Stadt und ihren Bewohnern einerseits und den Verjagten von gestern gesucht und vorangetrieben wird», schrieb Steinitz geradezu euphorisch im Mai 1983 nach einem Besuch in Berlin.
Mit gutem Willen
Vor allem in der regelmässig erscheinenden Reisebeilage veröffentlichte der aufbau Listen und kleine Artikel über Städte, die sich der Besuchsinitiative anschlossen hatten. Wenn in Leserbriefen kritisiert wurde, dass man es als «würdelos» empfinde, sich von deutschen Städten einladen zu lassen, fand sich immer auch eine Entgegnung von Reisenden, die gute Erfahrungen gemacht hatten. So schrieb Herbert Litten dem aufbau: «Wir folgten den Einladungen deutscher Städte und kehrten befriedigt in unsere Wohnländer zurück, überzeugt davon, dass die Männer, die uns eingeladen hatten, guten Willens sind.»
Wenn man heute nach 26 Jahren den Brief des Gemeinderates von Stuttgart liest, mit dem die 250?000 D-Mark für die Einladung einstimmig bewilligt wurden, ist dieser gute Wille spürbar. Ab Juli 1982 versandte das Kulturamt der Stadt 600 Einladungen in alle Welt an Adressen, die es mit Hilfe des aufbau, der Organisation der Juden aus Württemberg und früherer Korrespondenz zusammengetragen hatte. Am 12. Juni 1983 wartete der Bus am Rollfeld des Flughafens Stuttgart-Echterdingen auf die ersten 45 Gäste. Was in den nächsten 14 Tagen folgte, beschreibt Thomas Borgmann, der als Redakteur der «Stuttgarter Zeitung» alle Besuche begleitete, als «mehr als Journalismus». In Wellen sei Lokalgeschichte auf die Stuttgarter zugerollt und plötzlich wurde aus Erzählungen deutlich, was man unter grossen Diskussionen in den letzten Jahren versucht hatte, öffentlich zu machen. Aufgrund von Publikationen und Ausstellungen hatte Stuttgart Anfang der achtziger Jahre lernen müssen, dass der viel beschworene liberale schwäbische Geist während des Krieges nicht ausgereicht hatte, um in grösserem Umfang Widerstand zu leisten oder gar den jüdischen Nachbarn beizustehen.
«Es überraschte meine Eltern damals nicht, dass das ganze Reiseprogramm extrem effizient organisiert war, das hatten sie erwartet», schrieb Walter L. Arnstein im Mai dieses Jahres an Thomas Borgmann. «Was sie überraschte war die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wurde.»
Positive Erfahrung
Alle Stuttgarter Medien berichteten ausführlich über die Besucher, und plötzlich meldeten sich alte Schulkameraden, Tanzkränzchenpartner und im Falle von Arnsteins Eltern sogar die SPD in Baden-Württemberg. Der Vater von Walter Arnsteins Mutter Charlotte – Berthold Heymann – war von 1903 bis 1933 Kultus- und Innenminister und Mitglied im Württembergischen Landtag gewesen. Die Arnsteins wurden spontan auf den Landesparteitag nach Balingen eingeladen und erlebten stehende Ovationen für Berthold Heymann, der 1939 im Schweizer Exil gestorben war. Walter L. Arnstein hatte sich vor der Reise seiner Eltern nach Stuttgart Sorgen gemacht und sich dann kurzfristig entschlossen, sie zu begleiten. Und in der Tat wurde es für alle Teilnehmer eine emotional extrem anstrengende Reise. Wut über das, was weggenommen und zerstört wurde, Rührung über die Aufmerksamkeit und Überraschung über neue Begegnungen und Freundschaften beschreiben nur annähernd, was dieser Besuch bei vielen auslöste.
«Wir begrüssten Freunde, nicht Fremde», beschreibt Meinrad M. Tenné die spezielle Aufgabe, die die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg bei diesen Besuchen übernahm. Für viele Juden sei diese Kontinuität wichtig gewesen und die Erkenntnis «Da gibt es immer noch eine jüdische Gemeinde». Es wurden gemeinsam Gottesdienste gefeiert, Friedhöfe besucht und intensive Gespräche geführt. «Die Besucher standen oft am Anfang eines Auseinandersetzungsprozesses, wir waren damit schon am Ende», so Tenné. Begleitet bei dieser Reise wurden die Besucher nicht nur von Georg von Plentz, der über Jahrzehnte das Netzwerk des Kulturamtes der Stadt betreute, sondern auch von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die schon Jahre zuvor für diese Idee geworben hatte.
Jetzt, 25 Jahre nach dem ersten Besuch von Stuttgarter Juden in ihrer alten Heimatstadt, kann Georg von Plentz noch ca. einmal im Jahr eine Tochter oder einen Enkel der ehemaligen Besucher begrüssen. Sie kommen, weil ihre Eltern und Grosseltern die Erfahrung gemacht und als positiv empfunden haben. Walter L. Arnstein schreibt: «Die Reise nach Stuttgart war ein erinnerungsträchtiges und sehr befriedigendes Erlebnis in den letzten Jahren des Lebens meiner Eltern.» Dennoch blieb es bei der Reise. Thomas Borgmann: «Wirklich zurückgekehrt ist niemand.»


