Allahs jüdischer Jünger
Von Katja Behling
Die Geschichte liest sich wie ein modernes Märchen aus Tausendundeiner
Nacht: Der Vater ein Ölmillionär, die schöne Mutter eine radikale
Revolutionärin – von Anbeginn stand das Leben von Essad Bey unter
aussergewöhnlichen Vorzeichen, und es sollte sich fortan stets zwischen
den Extremen bewegen. Und zwischen den Welten. Sein Vater, so erzählte
der junge Autor es 1930 in seinem auto-biografischen Erstling «Öl
und Blut im Orient», sei ein Aristokrat teils persischer, teils türkischer
Herkunft gewesen, der es in der aserbaidschanischen Stadt Baku vor dem Ersten
Weltkrieg, als der Rohstoff Öl in der Gegend förmlich aus der Erde
quoll, zum Millionär gebracht hatte. Seine russische Mutter sei ebenfalls
vornehmer Herkunft gewesen, nichtsdestoweniger leidenschaftliche Sympathisantin
der Bolschewiken. Aus Liebe habe sein Vater sie aus dem Gefängnis freigekauft
und überdies ihretwegen seinem Harem entsagt. In Wahrheit verhielt es sich
ein wenig anders. Weder Vater noch Mutter waren muslimisch-aristokratischer
Abstammung, sondern jüdisch-kaukasischer. Geboren wurde Essad Bey unter
dem
Namen Lev Abramowitsch Nussimbaum. Den neuen Namen – Essad soll die aserbaidschanische
Entsprechung des russischen Lev (Löwe) sein – legte er sich erst
1922 in Berlin zu, nachdem es ihn in den Jahren der Russischen Revolution über
Zentralasien, Persien und die Türkei bis nach Deutschland gezogen hatte,
wo er sich in den wilden zwanziger Jahren – inzwischen zum Islam konvertiert
– einen Namen als bedeutender Schriftsteller und Journalist machte.
Zwischen Abend- und Morgenland
Der von ihm selbst verbreiteten Legende nach kam Lev Nussimbaum während des ersten russischen Eisenbahnstreikes inmitten in der russischen Steppe zwischen Europa und Asien zur Welt – geboren in einem Zug, als seine Mutter von Zürich, wo sie an einem Revoluzzer-Treffen teilgenommen hatte, nach Baku, dem Wohnsitz der Familie, unterwegs war. Ihr Tod, nur wenige Jahre nach seiner Geburt, vermutlich durch Selbstmord, war ein nachhaltiges Trauma für den Sohn, der später vermutete, die Mutter habe durch ihren Schritt die Familie vor Schande und Schaden, weil sie mit Bolschewiken gemeinsame Sache machte, schützen wollen. So sah Lev in dem Revolutionär Stalin die absolute Verkörperung des Bösen, der auch seine Mutter auf dem Gewissen hatte. In Baku, noch unberührt von den Auswirkungen des Weltkrieges, besuchte Lev das Gymnasium und wuchs in kultivierten, grossbürgerlichen Verhältnissen und mit deutscher Gouvernante auf, man feierte 1913 noch muslimisch-jüdische Weihnachten.
Als nach dem Sturz des Zaren und dem Ende des Krieges die Kommunisten ans Ruder kamen, war sein Vater, in den Augen der neuen Machthaber der Inbegriff des Grosskapitalisten, sogleich in Gefahr. Mit seinem Sohn Lev flüchtete Nussimbaum in einem kleinen Fischerboot Richtung Osten über das Kaspische Meer, vier Tage dauerte die Fahrt. Ein Neubeginn in Baku scheiterte. 1921 wieder Flucht – diesmal getrennt und westwärts durch die aserbaidschanische Wüste über Georgien, Konstantinopel und Italien bis nach Paris, der inoffiziellen Hauptstadt der Emigranten. Dort angekommen, war von den Juwelen, dem Gold und Geld, das sich die Flüchtlinge als Valuta eingesteckt hatten, nicht mehr viel übrig. Zunächst über Wasser gehalten von wohlhabenden Verwandten in der französischen Hauptstadt, machte Vater Nussimbaum bald wieder Geschäfte. Diesmal mit Spekulanten, die, auf das rasche Ende des Sowjetsystems setzend, Förderrechte an Ölfeldern in Baku erwarben. Die Verkäufe spülten wieder Geld in die Familienkasse.
Während es dadurch finanziell und überhaupt wieder aufwärts zu gehen schien, fiel Lev der Verlust der Heimat und die Anpassung an die neue Umgebung schwer. Obwohl aufgeschlossen und voller Interesse für die westliche Kultur, fühlte er sich im Herzen Europas fremd und allein, sass oft nur da und starrte Löcher in die Luft. Sein Vater sah die depressive Stimmung des Sechzehnjährigen voller Sorge. Abhilfe sollte 1921 ein Internat an der Nordsee vor den Toren Hamburgs schaffen, wo der einzelgängerische Junge unter junge Leute kommen, sein Deutsch perfektionieren – und die Hemmungen vor unverschleierten Mädchen überwinden sollte. Und aufblühte. Im Jahr darauf bezogen Vater und Sohn eine Wohnung in Berlin, nachdem sie als Staatenlose sogenannte Nansen-Pässe des Völkerbunds und damit eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hatten. Lev besuchte nun das Berliner Russische Gymnasium. Kaum war dadurch ein wenig Beständigkeit in sein Leben zurückgekehrt, brach sich sein Ausnahmetalent für Sprachen, sein grosses Interesse an den Kulturen des Orients und seine Liebe zur kaukasischen Heimat endgültig Bahn. Lev machte Nägel mit Köpfen – er trat zum Islam über und immatrikulierte sich als «Essad Bey Noussimbaoum aus Georgien» 1921 an der Berliner Universität. Dort hörte er Vorlesungen über Orientalistik, studierte Türkisch und Persisch.
Leben und Karriere des jüdischen Orientalisten waren spätestens jetzt
von dem dringenden Wunsch bestimmt, dem Westen den Osten erklärend nahe
zu bringen; dass er dabei unter anderem mitunter ins Schwärmerische verfiel
oder gar ins Satirische, machte ihn zur besonderen Zielscheibe. In den Jahren
der Weimarer Republik verkehrte Bey, der – auch von seinen islamischen
Gefährten – kontrovers diskutierter Orientexperte und Medienstar,
in den renommierten und inspirierenden Kreisen jener Exilanten, zu dem auch
Pasternak und Nabokov gehörten. Er bewegte sich leichtfüssig auf dem
Parkett der Intellektuellen und in der Nähe der Macht – und gab dabei
den Sohn eines muslimischen Feudalherren aus der Steppe. Und dabei war er «doch
stets ein Jude, einsam und behütet aufgewachsen in Baku, in der Villa seines
Vaters, mit den Romanen Kiplings als einzigen Gefährten», zitiert
Biograf Tom Reiss einen Brief von Essad Bey selbst.
Erfolg als Autor
Im Jahre 1926 wurden die ersten Texte des damals 21-jährigen Essad Bey,
so nun der Name des Neu-Muslims, in der von Willy Haas gegründeten Berliner
Wochenzeitschrift «Die Literarische Welt» gedruckt. Rasch gehörte
der kosmopolitische Orientalist zum Stamm der Autoren dort, nicht nur seiner
Kenntnis gleich mehrerer Sprachen der russischen, kaukasischen und morgenländischen
Welt wegen. Essad Bey war auch einer der fleissigsten Schreiber für das
Blatt. Einer der extravagantesten ohnehin. Während viele andere Juden in
Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg alles daran setzten, sich so gut wie irgend
möglich zu assimilieren, tat Lev alles in seiner Macht stehende, um sich
als exotischer Aussenseiter – als der er sich ohnehin fühlte –
darzustellen. Er kleidete sich erlesen wie ein Dandy, mit Fez und wallenden
Roben ausgefallen wie ein Kalif, gab sich als edler Bohemien der Feder, schrieb
mit Vorliebe im Berliner «Café des Westens». Im Herbst 1931
tauchte in der Redaktion die attraktive 20-jährige Erika Loewendahl auf,
Tochter eines Berliner Schuh-Indus-triellen, die morgens vom Chauffeur in
Livree zur Arbeit gefahren wurde.
Mit ihrer modernen Kurzhaarfrisur und ihren Hosenanzügen gab sich die junge Volontärin mit schriftstellerischen Ambitionen so selbstbewusst wie androgyn – und warf ihre Angel nach dem schüchternen Essad Bey aus, der mittlerweile bereits mehrere Bücher veröffentlicht hatte und wohl auch Erika den arabischen Fürsten aus dem Morgenland vorgaukelte. Sie heirateten 1932. 1933, ein Jahr nach der Hochzeit, hatte Hitler die Macht in Deutschland übernommen – und Essad Bey, der mit seiner Frau nach Wien gezogen war, hing der Hoffnung an, die Nazis würden ihn, den staatenlosen Muslim und ausgesprochenen Gegner des Sowjet-Regimes, in Ruhe lassen. 1933 und 1934 reiste das Ehepaar unbehelligt durch Italien, die Schweiz, Spanien und Österreich, zuvor waren sie in New York. Bey bestieg mit Frau und Schwiegereltern ein Schiff nach Amerika, um mehrere Monate in den USA zu verbringen, wo der Millionär Loewendahl, der bis zuletzt in Berlin gute Geschäfte machen konnte, ein dreistöckiges Penthouse an der Fifth Avenue in New York erworben hatte und auf grossem Fuss leben konnte. Bey selbst war nun auf der Höhe seines Erfolges. Mit knapp 30 Jahren hatte er 16 Bücher veröffentlicht, war ein gefeierter Autor von Bestseller-Biografien über den Zaren und über Stalin, ein berühmter Mann in Europa und in den Vereinigten Staaten, eine fesselnde und sogar glamouröse Persönlichkeit, für die sich die Boulevardblätter von der Ost- wie der Westküste interessierten. Als der Ozeandampfer mit Bey an Bord im Hafen anlegte, brachte die «Times» einen Artikel über ihn, die Überschrift lautete: «Der Biograf des Zaren in New York». Zugleich wusste beidseits des Atlantiks niemand wirklich so richtig, wer Bey war, woher er kam und wie man ihn einzuschätzen hatte. Er blieb ein Rätsel.
Ausgeliehenes Pseudonym
Während Erika sich indes ein Leben in der Neuen Welt gut vorstellen und
gleich in USA bleiben wollte, zog es Bey, der sich in der High Society New Yorks
unbehaglich fühlte, 1935 nach Europa zurück. Seine Frau verliess ihn,
verliebte sich ausgerechnet in einen von Essads engsten Freunden, und mit väterlicher
Unterstützung gelang es ihr und ihrem neuen Lebensgefährten, einem
Drehbuchautor, in der Filmbranche in Hollywood Fuss zu fassen. Der verlassene,
verzweifelte Ehemann aber, dessen Schriften nun in Deutschland auf dem Index
standen, setzte sich in Wien an den Schreibtisch – und brachte gleich
zwei Bücher zu Papier: «Allah ist gross», eine Geschichte der
islamischen Völker, deren Wiedererstarken zu einer Weltmacht er voraussah.
Und einen Roman – eine Liebesgeschichte zwischen Ali, einem vornehmen
Muslim, und einer christlichen Prinzessin –, zugleich ein beredtes Zeugnis
nostalgischer Liebe zum Kaukasus seiner Kindheit.
Nun kam ein dritter Name ins Spiel: Als Autor dieses noch heute verlegten Bestseller-Romans
«Ali und Nino» nannte Essad Bey sich Kurban Said. Hinter diesem
Pseudonym stecke, davon gingen Literaturwissenschaftler seit langem und nicht
zu unrecht aus, die österreichische Baronin Elfriede von Ehrenfels. Offenbar
aber, schreibt Biograf Tom Reiss, nicht als die eigentliche Verfasserin, sondern
als Deckidentität: die Adlige stellte Essad Bey das Pseudonym zur Verfügung,
damit der – als Jude geborene – Autor sein Werk in Deutschland seinerzeit
überhaupt veröffentlichen konnte. Sie kassierte seine Tantiemen und
leitete das Geld auch noch während der Kriegsjahre an Essad weiter. Der
schmiedete unterdessen längst neue Pläne, wollte eine Biografie über
Mussolini schreiben und ging nach Italien. Doch es zeigte sich, dass ein von
einem Juden verfasstes Buch über den zum Faschisten gewordenen Duce Mussolini
1938 kein aussichtsreiches verlegerisches Projekt war. Beruflich in der Falle
sitzend, war er auch seiner Bewegungsfreiheit beraubt. Kein Land wollte den
Staatenlosen einreisen lassen. Überdies zeigten sich nun erste Anzeichen
einer Krankheit, die schmerzhaften Wundbrand hervorrief, den Mittdreissiger
so zunehmend zur Untätigkeit verdammte – und ihn seine Existenz umso
mehr als ein Gefängnis erscheinen liess. Im Angesicht seines nahen Todes
auf sein Leben zurückblickend, hatte er ein letztes Manuskript verfasst.
Er überreichte seiner Verlegerin ein Bündel Notizbücher mit seiner
Autobiografie, als sie ihn noch einmal besuchte. Die erste Zeile des Textes,
ungelenk und krakelig geschrieben, lautete: «Schmerz ist stärker
als das Leben, stärker als der Tod, als Liebe, Treue und Pflicht.»
Im August 1942 starb Lev Nussimbaum alias Essad Bey alias Kurban Said im italienischen
Positano. Der geliebte Kaukasus, das mythische Baku seiner Kindheit, wo Christen,
Juden und Muslime in friedlichem Miteinander leben, war für ihn stets der
Ort gewesen, nach dem er sich am meisten sehnte – ein in die Vergangenheit
projiziertes Utopia irgendwo zwischen Okzident und Orient. Es war ihm, dem Grenzgänger
der Kulturen, nicht vergönnt gewesen, diesen Ort noch einmal wiederzusehen.
Über das Leben von Lev Nussimbaum alias Essay Bey ist ein Buch erschienen:
Tom Reiss: «Der Orientalist. Auf den Spuren von Essad Bey»,
Osburg Verlag, Berlin 2008.


