Vernunft wider Ideologie
Tatsachen. Nach den USA erleben die Kreationisten in Europa einen neuen Aufschwung. Ein erstaunliches Comeback einer Ideologie, die die modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse letztlich negiert: Die Darwin’sche Evolutionstheorie wird abgelehnt, ebenso wie etwa die Annahme, dass Mensch und Affe gemeinsame Vorfahren haben und das Sonnensystem 4,6 Milliarden Jahre alt ist. Kreationisten berufen sich auf die Bibel als kulturhistorisches Dokument, das sie wörtlich auslegen. Aus ihrer Sicht ist das 1. Buch Mose (Genesis) ein historischer Tatsachenbericht, mit dessen Hilfe das wissenschaftlich geprägte Weltbild widerlegt wird: Kreationisten glauben, die Welt sei 6000 bis 10 000 Jahre alt und allein durch einen göttlichen Schöpfungsakt in sieben Tagen entstanden. Sie degradieren mit ihrer Sicht der Dinge die Bibel nicht nur zu einem spirituellen Geschichtenbuch, sie erklären sie auch zu einem wissenschaftlichen Geschichtsbuch.
Aktionen. Nicht nur Wissenschaftler sind alarmiert, sie möchten die kreationistische Bewegung aber auch nicht aufwerten und ihr zu viel Bedeutung beimessen. Dennoch wird offensichtlich, dass von den Kreationisten versucht wird, bildungs- und machtpolitisch Einfluss zu gewinnen. Die Infiltration läuft über die Schulen und über Medien. Kreationisten wirken (in der Schweiz vor allem durch den Verein Pro Genesis) aktiv daran, den Menschen ihre Weltanschauung näher zu bringen. So will der Verein erreichen, dass die biblische Schöpfungslehre neben der Evolutionstheorie an Schweizer Schulen gleichberechtigt unterrichtet wird – so wie es in Amerika in einigen Staaten bereits der Fall ist. Im vergangenen Jahr gelangte in der Schweiz bereits ein Atlas in Umlauf, in dem auf rund 800 Seiten die «Evolutions-Lüge» dargelegt wurde. Antworten. Bürgerinnen und Bürger reagieren gelassen bis interessiert, laut Forschungen sollen sich bis zu 20 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer von den fundamentalchristlichen Theorien angesprochen fühlen. Das Attraktive am Kreationismus scheinen die einfachen Antworten zu sein, die zu den grossen Sinnfragen geliefert werden. Das menschliche Bedürfnis nach einer eindeutigen und simplen Erklärung und Deutung der Welt wird befriedigt, das oftmals kompliziert erscheinende Universum und deren Schöpfung erscheinen plötzlich erklärbar und stimmig. Die kreationistische Ideologie gibt den Menschen aber nicht nur vordergründige Antworten, sie entmündigt ihn auch und nimmt ihn aus seiner eigenen Verantwortung. Die fundamentale Deutung der Bibel delegiert die Verantwortung für alles, was in der Welt geschieht, vom Menschen an eine höhere Macht. Reaktionen. Nun fragt sich, wie eine aufgeklärte Gesellschaft einer Ideologie wirksam entgegentreten kann, deren Inhalte unser gesamtes Verständnis von Wissenschaft, Kultur und Religion in Frage stellen. Es macht wenig Sinn, Kreationisten und ihre Anhänger vom Gegenteil zu überzeugen, sondern es geht eher darum, den von ihnen vertretenen Ideologien auf verschiedenen Ebenen zu begegnen und durch Aufklärung vorbeugend aktiv zu werden. Es wäre sinnvoll, Gegenpositionen sowohl auf der theologisch-geistlichen, auf der naturwissenschaftlich-sachlichen als auch auf der wissenschaftstheoretischen Ebene zu formulieren, die zum einen Fakten aufzeigen, aber auch darlegen, dass Evolutionstheorie und Glaube nicht im Widerspruch zueinander stehen müssen. Denn ein erstarkender Einfluss der Kreationisten würde einen Rückschritt der westlich aufgeklärten Errungenschaften auf kultureller, wissenschaftlicher und religiöser Ebene bedeuten.

