Ein wildes Szenario
Stellen Sie sich folgendes wilde Szenario vor: Im November, nachdem Senator Barack Obama zum Präsidenten der USA gewählt worden ist, lanciert der scheidende Präsident George W. Bush eine Militäraktion gegen Iran. Dabei könnte es sich um eine Seeblockade handeln, eine militärische Muskelprotzerei oder um einen umfassenden Luftangriff auf die iranischen Nuklearinstallationen.
In vernünftigen Zeiten würden vernünftige Menschen dieses wilde Szenario für ein Hirngespinst erklären. Die amerikanische Öffentlichkeit ist nicht für die Eröffnung einer zweiten Front im Nahen Osten. Das politische Establishment, das militärische Establishment und das Establishment der Geheimdienste – sie alle machen sich Sorgen. Eine Kampfhandlung oder auch nur eine Pseudo-Kampfhandlung durch einen Präsidenten, der drauf und dran ist, das Weisse Haus zu verlassen, ist ein präzedenzloser Akt ohne Legitimität. Sie würde als letzter, wahnwitziger Trompetenstoss einer irrsinnig religiösen Administration aufgefasst werden.
Die Zeiten sind aber ebenso wenig vernünftig, wie die involvierten Menschen vernünftig sind. Die Logik, welche George W. Bush und Dick Cheney leitet, ist eine, welche die öffentliche Meinung des Westens und deren Gestalter nicht immer nachvollziehen können. Diese Logik könnte den Präsidenten und seinen Vize zur Schlussfolgerung verleiten, dass auch Obama nicht handeln würde, wenn sie es nicht tun. Wenn Obama nicht handelt, wird Iran zur Atommacht werden. Und wenn Iran zur Atommacht wird, wird das Böse die Oberhand gewinnen.
Der Dialog, welchen die derzeitige Administration mit der Geschichte führt, könnte sie daher zu Handlungen veranlassen, die nur Wenige für wirklich machbar halten würden. Die Möglichkeit besteht effektiv, dass Bush seine miserable Präsidentschaft nicht mit einem Seufzer, sondern mit einem Trommelschlag beenden wird. Das Szenario ist ein wildes.
Sollte John McCain gewählt werden, braucht es ein solches Szenario nicht. Obama hat sich verpflichtet, ein Szenario dieser Art zu verhindern, und wenn er gewählt wird, reduzieren sich die Chancen auf sein Zustandekommen. Die Kräftezentren in Washington könnten auch die Neutralisierung des iranischen Atompotenzials blockieren. Bush und Cheney werden letztlich kalte Füsse bekommen, aufgeben und der Vergessenheit anheimfallen.
Die Wahrscheinlichkeit für dieses wilde Szenario ist daher sehr gering. Niedrige Wahrscheinlichkeit ist aber nicht Null-Wahrscheinlichkeit. Wenn es um schicksalhafte Entscheidungen geht, muss man sich sogar mit unwahrscheinlichen Möglichkeiten befassen.
Langfristig ist das wilde Szenario sowohl für Israel als auch für die USA gut. Ein nukleares Iran wird Israel, die Stabilität des Nahen Ostens und die Sicherheit des Westens gefährden. Ein von seiner nuklearen Kapazität befreites Land Iran wird zu einem gemässigteren Nahen Osten beitragen; es wird dem Westen gestatten, seine Werte aufrechtzuerhalten und seine Lebensweise auf lange Zeiten hinaus zu bewahren. Kurzfristig hingegen steckt das wilde Szenario voller Risiken. Es könnte geheimdienstliche oder militärische Pannen geben. Iran unter den Ajatollahs ist in jedem Fall eine hoch entwickelte und starke religiöse Macht. Wird Iran in die Ecke gedrückt, wird auch Iran es vorziehen, sich mit einem lauten Schlag und nicht mit einem Seufzer zu verabschieden. Niemand kann heute Genaues über den Charakter und die Auswirkungen eines solchen Schlages sagen.
Ein sich ernst nehmender Staat muss sich ernsthaft mit jedem Szenario befassen, das seine Zukunft zum Besseren oder Schlechteren beeinflussen kann. Wenn so viel auf dem Spiel steht, muss man auch Szenarien von geringer Wahrscheinlichkeit viele Gedanken widmen. Niemand kann mit Sicherheit abschätzen, ob der kommende Winter ein iranischer Winter werden wird. Israel aber muss diesen Sommer so behandeln, als ob die Wahrscheinlichkeit eines iranischen Winters nicht so weit entfernt läge.
Auf der politischen Ebene ist die Folgerung klar – eine rasche Entscheidung. Israel kann es sich nicht leisten, im Augenblick einer Prüfung von höchster nationaler Priorität an seiner Spitze eine Führungsfigur ohne moralische Autorität zu haben. Auch kann Israel nicht riskieren, mitten in einer Wahlkampagne vor eine solche Prüfung gestellt zu werden. Die Entscheidung muss daher klar und scharf sein: Wahlen jetzt, oder eine andere Regierung jetzt. Wir müssen sicherstellen, dass Israel vor November eine neue, verantwortungsbewusste Führung haben wird, welche das Vertrauen des Publikums geniesst.
Mit einer neuen Führung ist es allerdings nicht getan. Israel braucht auch eine neue Agenda, eine Agenda der Vorbereitung und Stärkung, der Versöhnung und Einheit. Um für das unwahrscheinliche, wilde Szenario gewappnet zu sein, muss Israel an sich arbeiten. Aber auch für weniger wilde, wahrscheinlichere Szenarien muss Israel an sich arbeiten. Der Weg in eine bessere Zukunft ist gepflastert mit schwierigen Prüfungen. Der Weg zum Frieden mag sich als zu blutig erweisen. Der letzte Ton der Ära Ehud Olmert muss daher der Ton eines neuen Anfangs sein.
Nach zwei Jahren leeren Geschwätzes ist die Zeit für Handlungen gekommen. Nach zwei Jahren der Bitterkeit ist es an der Zeit, Herde des Hasses auszulöschen und Wunden zu heilen. Israel ist nicht so hohl und degeneriert, wie Mahmoud Ahmadinejad es glaubt. Um aber Ahmadinejad entgegentreten zu können, muss Israel wieder zur Vernunft gelangen.


