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11. Juli 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 28 Ausgabe: Nr. 28 » July 11, 2008

Ein kleine, stabile Gemeinschaft

July 11, 2008
Trotz der politisch-wirtschaftlichen Krise, die Zimbabwe derzeit erschüttert, hält sich die winzige jüdische Gemeinde des Landes gut, und nur die wenigsten spielen mit dem Gedanken, auszuwandern.
Leben in Zimbabwe Die wirtschaftliche Situation der meisten
Juden ist schlecht, aber sie fühlen sich sicher

Von Moira Scheider

Laut Hylton Solomon, Präsident der Hebräischen Gemeinschaft Bulawayo, haben die rund 320 Juden von Zimbabwe die Gewalt im Zusammenhang mit den umstrittenen Präsidentschaftswahlen unbeschadet überstanden. Die Juden hätten sich, so der 52-jährige Solomon, an die schlimme Situation gewöhnt. «Im Laufe der Jahre wuchs die Enttäuschung bei jedem Menschen. Ein Tag reiht sich an den nächsten, und die Leute nehmen es einfach hin», meinte Solomon. «Ich glaube nicht, dass die Juden sich bedroht fühlen, ganz sicher nicht in Bulawayo.»

Die Juden im ehemaligen Rhodesien mögen von der Gewalt verschont geblieben sein, doch die Wirtschaftskrise hat sie hart getroffen. Das Land leidet vor allem unter Mangel an Elektrizität, Nahrungsmitteln, Wasser und Treibstoff. Nach Aussagen von Mitarbeitern jüdischer Hilfsorganisationen, welche die Gemeinde unterstützen, beabsichtigen aber trotzdem nur wenige Juden, Zimbabwe zu verlassen. Die Anzahl der jüdischen Gemeindemitglieder beträgt heute nur noch 320, verglichen mit 7500 in den 1970er Jahren, als das Land von einer weissen Minderheitsregierung geführt worden war. Heute wohnen die Juden in der Hauptstadt Harare und in Bulawayo, der zweitgrössten Stadt des Landes. Die beiden jüdischen Tagesschulen werden mehrheitlich von nicht jüdischen Kindern frequentiert. Die aschkenasische und die sefardische Synagoge von Harare haben die Gottesdienste zusammengelegt, und David Alima von Bulawayo ist der einzige Rabbiner von Zimbabwe.

Schlechte wirtschaftliche Lage

Bei einem kürzlichen Besuch im Lande stellte Mervyn Smith, Präsident des Afrikanisch-jüdischen Kongresses, eine Atmosphäre der Resignation unter den Juden von Zimbabwe fest. Der Kongress, eine Initiative des südafrikanischen jüdischen Gemeindebunds, kümmert sich um die Bedürfnisse der Juden im Afrika südlich der Sahara. «Angst vor einer physischen Gefahr gibt es nicht», meinte Smith, «doch niemand glaubt mehr so richtig daran, dass sich die wirtschaftliche und die Gesamtlage je wieder richtig verbessern werden.» Das Land leidet unter einer Inflation von schätzungsweise 20 bis 30 Prozent pro Woche. Anfang Juli kostete ein US-Dollar 40 Milliarden Zimbabwe-Dollar.

Viele Juden haben ihre ganzen Ersparnisse verloren. «Die Menschen sind deprimiert», sagte ein Gemeindemitglied unter dem Schutz der Anonymität, «doch was wirklich durchschlägt, ist der Zusammenbruch der Wirtschaft. Unser Geld ist nichts mehr wert.» Die meisten Juden in Zimbabwe sind betagt. Im ganzen Land leben nur noch sechs jüdische Kinder. Von den 110 Juden in Bulawayo leben 26 in der Savyon Lodge, dem einzigen jüdischen Altersheim des Landes. Diese Menschen sind besonders hart betroffen von der Wirtschaftskrise. «Viele waren abhängig von ihren Ersparnissen und Renten», sagte ein anderes Gemeindemitglied. «Sie dachten, bis ans Ende ihrer Tage in Würde und Unabhängigkeit leben zu können. Das gilt nicht mehr. Viele Produkte gibt es entweder nicht mehr, oder sie sind unerschwinglich.»

Keine Auswanderungsgedanken

Rabbi Moshe Silberhaft vom Afrikanisch-jüdischen Kongress befasst sich nach eigenen Angaben während 90 Prozent seiner Zeit mit Angelegenheit der jüdischen Gemeinde von Zimbabwe. «Wir sorgen für alles, angefangen bei Medikamenten, über die Wohnungsmiete bis hin zu Grundnahrungsmitteln», sagte er. «Wir schicken sogar Wasserreinigungstabletten, weil das Wasser dort nicht mehr sicher ist. Effektiv gibt es dort überhaupt nichts mehr, kein Toilettenpapier, keine Baumwolle, keine Medikamente.» Bei seinem letzten Besuch Ende Mai gelangte Rabbi Silberhaft zur Erkenntnis, die Juden von Zimbabwe seien entschlossen, durchzuhalten. Anlässlich einer seiner regelmässigen Verteilaktionen stellte er fest, dass dieses Mal auch Juden, die bisher zu den relativ Wohlhabenden gehört hatten, in der Warteschlange standen und Dinge wie Salz, Toilettenpapier oder Konfitüre bezogen. Unlängst war Silberhaft in London, wo er das Bewusstsein für die Krise weckte und Gelder für den Zimbabwe-Fonds des Afrikanisch-jüdischen Kongresses sammelte. Einen Mitte Juni im «Jewish Chronicle» erschienenen Artikel, der von einem geheimen Evakuierungsplan der Jewish Agency für die Juden von Zimbabwe sprach, stellte er hingegen energisch in Abrede. «Ich kam mit Zeev Bielski, dem Chef der Agency zusammen», sagte er, «und dieser dementierte die Existenz irgendeines Evakuierungsplanes. Wir und die Jewish Agency sagen, dass die Leute nicht auf eine Evakuierung warten müssen, solange noch kommerzielle Fluglinien arbeiten. Gehen Sie jetzt, und wir werden uns um Sie kümmern.»

Ein Gemeindemitglied hält dem entgegen, dass die meisten Juden in Zimbabwe trotz panikartiger Telefonanrufe von Verwandten im Ausland nicht das Gefühl haben, rennen zu müssen. «Unsere Gemeinde funktioniert ohne jegliche Einmischung», sagt die Frau, «und wir begehen alle Feste. Ich habe nicht den Drang, fortgehen zu müssen.» Ein anderes Gemeindemitglied fügt hinzu: «Die Situation ist schlimm, aber nicht unsicher. Keinem meiner Bekannten ist in irgendeiner Weise Leid zugefügt worden. Ich fühle mich hier sicherer als in Johannesburg.» Viele der noch nicht betagten Juden von Zimbabwe reisen regelmässig ins benachbarte Südafrika. «Jüngere Leute wie ich haben Wohnungen in Südafrika», erklärt Synagogenpräsident Solomon. «Ich frage mich oft, warum ich mich nicht energischer um Auswanderungspläne kümmere, doch, ehrlich gesagt, weiss ich nicht, ob Südafrika der richtige Platz ist, um sich niederzulassen. Ich verdiene hier noch immer ein wenig Geld, und mache das Beste aus der Lage.» Solomon geht alle vier bis sechs Wochen nach Kapstadt, wo er zehn Tage bleibt, um Verwandte zu sehen, ins Kino zu gehen und Restaurants zu besuchen. Auf lange Sicht ist er fast ein wenig optimistisch und meint, irgendwie werde es wieder aufwärts gehen, denn die Wirtschaft könne ja nicht auf ewig am Boden bleiben.





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