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4. Juli 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 27 Ausgabe: Nr. 27 » July 4, 2008

«Vertrauen in gewählte Verantwortliche ist wichtig»

July 4, 2008
Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich und Tiferet Israel Zürich verhandeln über eine Kooperation. Im Gespräch befragte tachles Co-Präsident André Bollag und Sigmund Pugatsch zur Kooperation, zur tobenden Gerüchteküche und zum jüdischen Pluralismus.
Kooperation Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich und
Tiferet Israel Zürich möchten in Zukunft gemeinsame Wege gehen

tachles: Vor rund drei Jahren haben Sie die neue jüdische Gemeinde Tiferet Israel Zürich gegründet. Nun verhandeln Sie mit der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) über eine Kooperation. Welchen Status streben Sie für Ihre Gemeinde in Zukunft an?

Sigmund Pugatsch: Wir haben bereits in unserem Leitbild festgehalten, dass wir uns eine enge Kooperation mit einer der bestehenden Gemeinden unserer Stadt wünschen, dies unter uneingeschränkter Beibehaltung unserer modern-orthodoxen Identität. Wir freuen uns, dass sich dies unter der neuen Leitung der ICZ offensichtlich realisieren lässt.

André Bollag: Für mich ist seit Längerem klar, dass Tiferet eigentlich zur ICZ gehört und einem Bedürfnis entspricht, das in der Vergangenheit von der Einheitsgemeinde nicht abgedeckt werden konnte oder wollte.

Bereits zu Beginn Ihrer ICZ-Präsidialzeit formulierten Sie immer wieder visionäre Szenarien für die Zukunft der ICZ und für Einheitsgemeinden generell. Wie würden Sie diese heute beschreiben?

André Bollag: In einer Einheitsgemeinde sollen Mitglieder aller Richtungen innerhalb einer Gemeinde ihre religiösen Bedürfnisse ausleben. Die ICZ ist keine Austritts-, sondern eine klassische Einheitsgemeinde. Für die Zukunft sollen solche gerade auch angesichts globaler Herausforderungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft weltweit inte-grativ wirken. Dabei gilt es sicherlich, Diskrepanzen zwischen Vorständen und Rabbinaten, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven ergeben, zu überwinden. Die gesellschaftlichen Veränderungen und Anliegen müssen auch in die Gemeindepolitik einfliessen.

Sie haben bei Tiferet mit Aaron Adler einen eigenen Rabbiner und pflegen als Gemeinde einen modernen orthodoxen Weg. Wäre es nicht sinnvoll, diese spezifische Ausrichtung innerhalb der ICZ unterzubringen und sozusagen die ICZ als Dachgemeinde zu etablieren?

André Bollag: Von einer Dachgemeinde können wir im Moment nicht sprechen. Langfristig ist das sicherlich ein Ziel.
Sigmund Pugatsch: Es wäre schön und würde sicherlich einen echten Fortschritt darstellen, wenn wir – wie dies seit Anbeginn unsere Absicht war – dazu beitragen könnten, diese Idee zu reali-sieren.

Es scheint, dass mit dem neuen ICZ-Präsidium die einst sehr verhärteten Diskussionen zwischen ICZ und Tiferet aufgebrochen worden sind.

Sigmund Pugatsch: Wie Sie unserem gemeinsamen Communiqué entnehmen konnten, sind unsere Gespräche sehr konstruktiv und von gegenseitiger Wertschätzung geprägt, hierzu gibt es nichts hinzuzufügen.

Mit der Gründung von Tiferet haben Sie eine lange Jahre brach liegende Diskussion über die Ausrichtung der ICZ aufgebrochen, neu lanciert und veraltete Strukturen in Frage gestellt. Wie lautet Ihre Erkenntnis aus dieser Diskussion?

Sigmund Pugatsch: Unser Ziel war es immer, mit der Tiferet Israel Zürich den Frieden zwischen den jüdischen Menschen in unserer Stadt zu festigen; ich möchte hierzu an die Situation der Gemeinden vor drei Jahren erinnern. Wenn es uns im beschriebenen Sinne gelingt, einen Beitrag zu Förderung dieses Ziels zu erreichen, dann haben sich die Anstrengungen gelohnt.

Kritiker werfen Tiferet immer wieder vor, dass sie gar keine Gemeinde sei. Was ist für Sie eine jüdische Gemeinde?

Sigmund Pugatsch: Rabbiner Leo Adler hat in seiner Ansprache zum 100-jährigen Bestehen der Basler Synagoge gesagt: «Eine wahre Gemeinschaft ist nicht nur auf identische, äussere Interessen gegründet, sondern auf die innere Affinität des Gefühls und des Geistes.» Dies gilt für mich auch uneingeschränkt für jede jüdische Gemeinde, sicherlich aber für Tiferet Israel.

Was bedeutet eine mögliche Kooperation für die Mitglieder der ICZ?

André Bollag: Für die Mitglieder der ICZ wird sich jetzt und auch in Zukunft nichts ändern. Wir verhandeln über den Status von Tiferet und letztlich über Modalitäten, die allenfalls ICZ-Mitglieder betreffen, die bei Tiferet Mitglieder sein wollen. Die halachische Autorität für die Mitglieder der ICZ bleibt Rabbiner Ebel, für jene von Tiferet ist Rabbiner Adler rabbinisches Oberhaupt.

Was möchten Sie mit der Kooperation konkret erreichen?

André Bollag: Es wird eine adminis-trative Zusammenarbeit geben. Details dieser Kooperation werden wir in den nächsten Monaten aushandeln und transparent in der Gemeinde vorlegen. Denn am Schluss entscheiden die Gemeindemitglieder.

Sie haben frühzeitig informiert, dass verhandelt wird, um den ohnehin schon laufenden Gerüchten keinen Vorschub zu leisten. Dennoch tobt wieder mal die Gerüchteküche.

André Bollag: Dessen sind wir uns bewusst. Zugleich muss ich abwägen zwischen offener Kommunikation, die der neuen ICZ-Leitung seit Anbeginn am Herzen liegt, und der Notwendigkeit, dass das, was jeweils kommuniziert werden soll, adäquat vorbereitet werden kann. Im Moment benötigt es Geduld und Vertrauen in die ICZ-Leitung, damit die nötige Ruhe für eine konstruktive Lösung gewährt ist. Es hilft wenig den laufenden Prozess durch Spekulationen zu unterwandern oder beeinflussen zu wollen.

In einer Gemeinde ist mitunter der Weg zum Ziel ein wichtiger Teil. Die zu spürende Nervosität hat letztlich auch mit Ängsten zu tun.

André Bollag: Ja, das kann ich gut verstehen, gerade in einer Gemeinde mit einer solchen Vielfalt und Tradition. Zugleich haben die Gemeindemitglieder uns gewählt und letztlich beauftragt, die Gemeinde zu führen und für die ICZ in allen Belangen Lösungen auszuarbeiten. Diesem Auftrag stellen wir uns seit Monaten intensiv und Co-Präsidentin Shella Kertesz und ich sind redlich darum bemüht, diesem Auftrag auch dort gerecht zu werden, wo knifflige Problemstellungen anzutreffen sind. Wir schlagen vor, das Gemeindeplenum entscheidet.

Ihnen liegt viel an einer Einigung mit Tiferet. Weshalb?

André Bollag: Dem ICZ-Präsidium und dem Vorstand geht es vor allem darum, auf dem Platz Zürich ein friedliches heterogenes jüdisches Leben zu ermöglichen, das konstruktive Lösungen und Diskussionen sucht. Die Gründung von Tiferet hat vor drei Jahren eine wichtige Debatte ausgelöst. Unsere Gespräche mit den Vertretern der Tiferet haben gezeigt, dass diese unsere Absichten teilen. Es geht dabei um Fragen, die für die Zukunft und somit auch für die nächste Generation richtungsweisend sind. Uns geht es grundsätzlich um Integration und nicht Separation.

Iinterview: Yves Kugelmann





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