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27. Juni 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 26 Ausgabe: Nr. 26 » June 27, 2008

Eine WM-Chance für Israel?

June 27, 2008
Gespannt verfolgten die Fussballfans in Israel die Euro 08. Nicht, weil ihre Mannschaft um den Titel mitkickte, sondern weil sie ihre beiden härtesten Gegner für die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2010 genau beobachten konnten. Das Fazit: Israel muss sich vor der Schweiz und Griechenland nicht verstecken.
Neue Chancen bei der WW? Die Fussballer der israelischen Nationalmannschaft
könnten bald erneut Grund zur Freude haben

von Joël Wüthrich

Israels Nationalmannschaft hatte in den letzten acht Jahren immer wieder den Fuss in der EM- oder WM-Tür. Es fehlten manchmal nur ein Pünktchen oder die Effizienz in den entscheidenden Spielen, um den grossen Coup zu landen. Sogar eine WM-Qualifikations-Kampagne ohne Niederlage wie 2004/05 reichte nicht für eine Teilnahme aus, weil die Schweiz und Frankreich einen mickrigen Punkt mehr auf ihrem Konto hatten. Viermal hat Israel in den letzten vier WM- oder EM-Qualifikationsphasen denkbar knapp den Einzug in ein grosses Turnier geschafft. Zweimal scheiterte man in den Entscheidungsspielen, zweimal mit nur einem Punkt Rückstand auf den Qualifikations-Rang. Vor zwei Jahren fehlte nur wenig bei Punktgleichheit mit der Schweiz und nur einem Punkt Rückstand zu Frankreich. Israel blieb sogar die gesamten zwölf Gruppenspiele ungeschlagen. Diesmal, bei der Qualifikation zur Euro 08, lag Israel nur einen Punkt unter Russland bei Punktgleichheit mit England.

Nun startet sehr bald, im September, die nächste grosse Mission: Die Qualifikation zur WM 2010 in Südafrika. Und erneut wird die Schweiz der vielleicht härteste Gruppengegner im Kampf um die beiden ersten Gruppenplätze sein. Dazu gesellt sich auch Griechenland, der Europameister 2004, als favorisierter Postulent um die WM-Teilnahme in der Israel-Gruppe. Diese beiden Mannschaften haben an der Euro 08 ihre Visitenkarte abgegeben, und die dort gezeigten Leistungen waren sehr aufschlussreich für Israels Trainerteam.

«Alte Griechen» gegen «junge Israeli»

Wie also stehen die Chancen für Israel gegen diese beiden Gruppengegner? Für eine Analyse muss man zunächst etwas ausholen: Das Spielkonzept der Griechen gleicht demjenigen der «Nivcheret»: Disziplin, Physis und Fehlerminimierung sind typisch sowohl für die Griechen wie auch für Israels Spitzenfussball. Nur noch Yossi Benayoun hat die «Lizenz zur freien Improvisation» und ist der letzte Mohikaner unter den Ballzauberern früherer Tage. Nationaltrainer Isaac Kashdan ist, wie sein Vorgänger Avraham Grant, ein Taktik-Fuchs, schlau und analytisch. Ohne seine Eingriffe im taktischen Bereich hätte Israel nach den Ausmusterungen von Starspielern wie Liad Berkovich oder Tal Banin und dem Rücktritt von Haim Revivo ein ernsthaftes Problem im spielerischen Bereich bekommen. Denn erst die neue Generation Nationalspieler ist wieder so talentiert wie die frühere. Der aktuelle Kader verfügt über junge, willige Spieler, denen aber das Charisma und die Spielkultur der einstigen Helden der Jahrhundertwende um 2000 noch etwas fehlt. Diese neue Generation, das sind vornehmlich Yossi Benayoun, Gai Assulin, Elyaniv Barda, Omer Golan, Ytzhaki Barak und weitere. Sie könnten aber tatsächlich das bewerkstelligen, was man seit der letzten WM-Teilnahme 1970 herbeisehnt: Eine erfolgreiche Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2010 durch eine attraktive und zugleich erfolgreiche Synergie zwischen Kopf- und Herzfussball.

«Kontrollierte Offensive» gegen «kontrollierte Defensive»

Ganz anders die Griechen: Sie setzten an der Euro 08 noch einmal auf die bewährten, erfahrenen Kräfte, aber auch auf das altbewährte System. Und diesmal erlag der abgetretene Titelverteidiger sportlich damit Schiffbruch. Nach dem Turnier sprach man von einem weiteren Zeichen der «Wachablösung» der Systeme. Denn Griechenland verlor seine Spiele gegen Teams, die offensiv und mutig spielten. Das Team schien zudem etwas überaltert. Dennoch wurde der Vertrag mit Otto Rehagel, der das «Konzept kontrollierte Defensive» bisher jahrelang knallhart durchzog und damit sogar Europameister 2004 wurde, bis 2010 verlängert. Zwei Jahre nach dem EM-Titel 2004 war Griechenland nicht an den Weltmeisterschaften dabei, aber wiederum zwei Jahre danach, also 2008, qualifizierten sich die Griechen mit der immer wieder gleichen Taktik souverän für die Euro 08.

Am Euro 08-Turnier erlitt «König Rehakles» jedoch mit seiner griechischen Fussballflotte mit diesem immer gleichen Konzept Schiffbruch. Wie wird er die nächsten zwei Jahre «seine Griechen» spielen lassen? Geht es mehr Richtung «kontrollierte Offensive» (er prägte einst in Bremen diesen Ausdruck) oder doch wieder nach dem Prinzip «kontrollierte Defensive»? Für Israels Taktik-Analytiker wurde anhand der Griechenland-Partien klar: Mit ihren Waffen kann man sie nicht schlagen, aber mit etwas Mut und klugem offensivem Angriffspiel sind sie zu knacken. Aber Vorsicht: Noch verfügt Griechenland über eine sehr starke Defensive und kann sehr effektiv Fehler zu ihren Gunsten nutzen. Die Schweden haben es vorgemacht. Auch sie mussten geduldig spielen, bis sich die Torchancen eröffneten. Ganz anders die flinken Russen und Spanier, die den Griechen davon liefen. Israel hat die Möglichkeit, sowohl «russisch» wie auch «schwedisch» zu spielen. Die Devise heisst demnach: «Kontrollierte Offensive» gegen «kontrollierte Defensive».

Und wieder gegen die Schweiz

Obwohl Israel und die Schweiz sich fussballtechnisch besser kennen (aufgrund der WM-Qualifikationsphase 2004 bis 2006), kann man nicht behaupten, dass es für beide leichter würde, gegeneinander anzutreten. Ganz im Gegenteil. Wenn am Samstag, 6. September, die WM-Qualifikationskampagne für beide mit der ersten Direktbegegnung beginnt, wird ein Abtasten nicht möglich sein. Das Fazit für Israel nach der Schweizer Euro 08-Leistung ist nicht leicht zu ziehen. Denn im Gegensatz zu den berechenbaren Griechen war das Scheitern der Schweizer keinen eindeutigen Mankos zuzuschreiben. Zu viel musste improvisiert werden, zu viel Pech machte den couragierten Schweizern einen Strich durch ihre Rechnung.

Was aber zu sagen ist: Wie Israel hat die Schweiz einige Komplementärspieler, die auch Grosses leisten können, wenn sie gefordert werden. Man kann und muss nach der Euro 08 im Schweizer Team drei Spieler besonders hervorheben: Valon Behrami, Hakan Yakin und Gökhan Inler konnten am meisten überzeugen. Sie waren die «heimlichen Gewinner» im Schweizer Lager an der Europameisterschaft. Über die Aussenbahnen und in der Achse Inler/Yakin wird für Israel die grösste Gefahr lauern. Mit Tranquillo Barnetta und Alex Frei in Form erhöht sich natürlich die Durchschlagskraft im ein Vielfaches. Israels Heil wird nicht in der Verteidigung liegen können. Vielmehr ist die Verunsicherung in der Schweizer Innen- und Aussenverteidigung, speziell bei scharfen Flanken oder im «Eins-gegen-Eins» als Weg zum Erfolg zu empfehlen. Am 6. September wissen wir mehr.





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