Ein charmanter Sadist
in seiner Skrupellosigkeit von Ralph Fiennes verkörpert
Hochgewachsen, ein eleganter Gentleman, der kultivierte Sohn einer bürgerlicher Buchhändler- und Verlegerfamilie aus Wien, interessiert an Literatur und Musik – ein «Traum von einem Mann». Wenn es den Krieg nicht gegeben hätte – dann hätte Göth vielleicht die Druckerei seines Vaters übernommen; eine bürgerliche Existenz. Doch 1940 verliess der smarte Beau Amon Leopold Göth, damals 32 Jahre alt und Parteimitglied, seine Familie. Er brach auf in eine andere Welt, in den «Gangster Gau» des grossspurigen Hans Frank. Eine Welt, in der Abenteuer und Karriere winkten. Göth stieg rasch auf. Der Wiener Bürgersohn erwarb sich durch seine Rücksichtslosigkeit und seinen Fanatismus innerhalb kurzer Zeit den Ruf eines Vorzeigeoffiziers der SS. 1943, nur drei Jahre später, übernahm der ehrgeizige Göth bereits Leitungsfunktionen: Nachdem er in den drei Vernichtungslagern Belzec, Sobobor und Treblinka hatte Erfahrung sammeln können, liquidierte er das Krakauer Ghetto und wurde im Februar 1943 Kommandant des Zwangsarbeitslager Plaszów bei Krakau, ab dem 10. Januar 1944 des KZ Plaszów. Bis Mitte September 1944, rund fünfhundert Tage lang, fungierte Hauptsturmführer Göth, der sich in grossem Stil durch Schwarzmarktgeschäfte und Bestechungen bereicherte, als Herr über Leben und Tod.
Sadistische Lust am Töten
Göth mutierte zum gefürchteten Gebieter über Zehntausende Menschen, die seiner sadistischen Lust am Töten wehrlos ausgesetzt waren. Kaum ein Inhaftierter überlebte länger als vier Wochen unter dem Terrorregime des SS-Mörders. Zum morgendlichen Ritual des Lagerkommandanten gehörte es, auf arbeitende Häftlinge zu schiessen und die Hunde auf sie zu hetzten. Er ordnete bestialische Auspeitschungen an und nahm sich meist auch gleich die Angehörigen seiner Opfer vor – er wollte keine «unzufriedenen Leute» im Lager; so brachte er gleich alle um. Auch von der Terrasse seiner Villa aus, in der er mit seiner ihn anhimmelnden Geliebten Irene lebte, weidete Göth sich am Leid der anderen und seiner eigenen Macht und Willkür. So lange Göth von Julian Scherner, dem SS-Distriktchef Krakaus, gedeckt wurde, was bis zum Frühjahr 1944 der Fall war, hielt das mörderische Treiben an. Wegen seiner Schwarzmarktgeschäfte, die als Unterschlagung von «Reichseigentum» galten, da nach NS-Rechtssprechung das konfiszierte Eigentum der jüdischen KZ-Gefangenen dem Deutschen Reich zuzufallen hatte, wurde Göth angezeigt und von der Gestapo verhaftet. Bevor der Prozess gegen ihn jedoch beginnen konnte, war der Krieg vorbei. Göth wurde von den Amerikanern nach Krakau ausgeliefert, gerichtlich zum Tode verurteilt und im September 1946 in Krakau hingerichtet.
In seinem jetzt erschienenen Buch «Der Tod ist ein Meister aus Wien. Leben und Taten des Amon Leopold Göth» erzählt Johannes Sachslehner die Geschichte des KZ-Kommandanten. Der 1957 geborene Johannes Sachslehner, der unter anderem als Gastlektor an der Universität in Krakau tätig war, hat sich bereits in mehreren Büchern, darunter «Der Infarkt. Österreich-Ungarn am 28. Oktober 1918» publizistisch mit der österreichischen Geschichte befasst. Nun hat der promovierte Germanist und Historiker die erste umfassende Biografie über den Wiener NS-Täter Göth verfasst. Gelungen ist ihm ein so packendes wie beklemmendes Porträt dieses Mannes, der seiner unvorstellbar barbarischen Taten wegen als der «Schlächter von Plaszów» in die Annalen einging. «Als Kommandant verstand Göth es ausgezeichnet, die besondere Situation dieses Lagers, das aus dem Krakauer Ghetto hervorgegangen war, für seine Zwecke auszunützen», sagt Sachslehner. Mit seiner grausamen Tyrannei habe Göth andere Lagerkommandanten noch übertrumpft. «Eine despotische ‹Alleinherrschaft› dieser Art, verbunden mit exzessiver Gewalt – und Morden von seiner Hand – findet sich sonst wohl kaum». 500 Menschen soll Göth eigenhändig ermordet haben.
«Die Juden» als praktisches Feindbild
Wie hatte aus einem kultivierten Wiener aus gutbürgerlicher Familie ein Nationalsozialist und ein solcher Sadist werden können, der nicht nur Spass am Quälen und Töten zu haben, sondern es sogar als integralen Bestandteil seiner Aufgabe und als Pflicht anzusehen schien? «Göth fand bei den jungen Nazis das, was er in der Familie vermisste», meint sein Biograf. «Freiheit, Abenteuer, Kameradschaft, die Lust am Revoluzzertum und ein praktisches Feindbild: die Juden.» Lange Zeit hat es Göth offenbar verstanden, seine Aggressionen und Gewaltphantasien in Schach zu halten. «Zu töten begann er erst 1942, seine ersten Morde liegen allerdings im Dunkeln», sagt Sachslehner.
Spätestens seit Steven Spielbergs Film «Schindlers Liste» von 1993 gilt der KZ-Kommandant Amon L. Göth – im Film dargestellt von Hollywood-Star Ralph Fiennes – in aller Welt als Inbegriff des Nazi-Bösen. Der Regisseur habe dabei ein durchaus realistisches Bild gezeichnet. «Steven Spielbergs Göth-Figur hat in seiner Tendenz unbedingt authentische Züge. Zahlreiche Details sind korrekt wiedergegeben, vieles ist natürlich auch für die Film-Dramaturgie zugespitzt», sagt Sachslehner. So etwa die Dialoge mit Schindler über das Wesen der Macht oder das Verhältnis zu Lena, eine seiner jüdischen Hausangestellten. Und die berühmte Schuss-Szene vom Balkon habe so nicht stattgefunden. «Göth schoss aber, wie zum Beispiel Mietek Pemper bezeugt hat, aus dem Fenster der Kommandantur auf Häftlinge.» Mietek Pemper war ein jüdischer Plaszów-Häftling und als Stenograf für Göth tätig. Immer wieder wird die Behauptung vorgebracht, die Österreicher seinen am Holocaust-Verbrechen überproportional beteiligt gewesen. Gibt es dafür oder dagegen neue Belege, spielt der Titel des Buches darauf an? «Ich wollte mit der Celan-Paraphrase aus ‹Die Todesfuge› (bei Paul Celan heisst es: ‹Der Tod ist ein Meister aus Deutschland›) darauf anspielen, dass die österreichischen NS-Täter eine wichtige Rolle im Holocaust spielten und diese Rolle längst nicht genügend erforscht ist», erklärt Sachslehner. «Zu den Helfershelfern und Kumpanen Göths zählten auch einige andere Österreicher, etwa Franz Grün.» Über eine überproportionale Beteiligung der Österreicher «lässt sich streiten, ich möchte allerdings diesen Punkt nicht in den Vordergrund rücken». Gleichwohl zeigt der detaillierte Blick auf den KZ-Kommandanten Göth und sein Umfeld, wie komplex die Mordmaschinerie der Nazis arbeitete. Und welch grosse Bedeutung dabei die persönliche Initiative spielte. So wie im Fall des Amon Göth, der die «Freiräume», die sich ihm im Spannungsfeld zwischen SS, Gestapo, Wehrmacht und Zivilverwaltung boten, skrupellos ausnutzte.
Katja Behling


