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20. Juni 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 25 Ausgabe: Nr. 25 » June 20, 2008

Weniger Auswanderung nach Israel

June 20, 2008
Der indische Wirtschaftsboom und der anhaltende israelisch-arabische Konflikt haben die Alija aus diesem Subkontinent stark schrumpfen lassen. Immer mehr junge jüdische Inder sehen eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft in ihrem Geburtsland.
Sesshaft in Mumbai Isaac Divekar und seine Frau Sivona Garsulkar
wollen in Indien bleiben

Von Ben Frank

Rund 500 Gratulantinnen und Gratulanten haben sich kürzlich im Garten der Elie-Kadoorie-Schule in der indischen Stadt Mumbai versammelt, um Isaac Divekar und Sivona Garsulkar alles Gute zu wünschen. Kurz zuvor hatte sich das Paar in der 1931 erbauten Synagoge Magen Hassidim in der ehemals als Bombay bekannten Stadt jüdisch trauen lassen.

Hatten junge indische Juden in früheren Jahren das Land auf der Suche nach besseren Chancen und einem aktiveren jüdischen Leben oft verlassen, wird dieses Paar seine gemeinsame Zukunft in Mumbai aufbauen. «Heute gibt es in Indien mehr Arbeitsmöglichkeiten als früher», meinte Divekar, der auf Call Centers hinwies und auf das zunehmende Outsourcing amerikanischer Gesellschaften. Junge Juden würden sich mehr und mehr für ein Verbleiben in ihrer Heimat entscheiden. Divekar und seine Frau sind typisch für das neue Indien und seine zu neuem Leben erweckte jüdische Gemeinde von fast 5000 Mitgliedern, von denen die meisten im Einzugsgebiet der 19-Millionen-Stadt Mumbai leben. Junge indische Juden, die mit einer rosigen Zukunft in ihrem Geburtsland rechnen, bleiben zusehends in Indien, dessen Wirtschaft nach China weltweit am raschesten wächst. Die indische Wachstumsrate von neun Prozent für 2007 war viermal so gross wie die amerikanische und fast doppelt so gross wie die israelische.

Die indische Wirtschaft boomt

Letztes Jahr kamen nur 49 indische Juden nach Israel, verglichen mit 291 im Jahr 2006. Diese letzte Zahl schliesst laut Zeev Schwartzberg, dem Leiter der Äthiopien- und Indien-Abteilung im Alija-Departement der Jewish Agency, auch die 229 Bnei Menashe aus Nordostindien ein, die nach Israel einwanderten. Im Jahr 2004 sind gemäss Schwartzberg 90 indische Juden nach Israel übersiedelt, verglichen mit 143 im Jahr davor. Der indische Wirtschaftsboom und der israelisch-arabische Konflikt würden, so erklärte er, die Alija aus Indien niedrig halten. Die jüdische Bevölkerung in Indien sei mit knapp 4500 Menschen «stabil» gelieben, sagt Elijah Jacob, der für das Jewish Joint Distribution Committee (JDC) in Indien tätig ist. Rund 3700 von ihnen wohnen in Mumbai und im benachbarten Thane, die restlichen wohnen in den Konkan-Dörfern, in Pune, Ahmedabad, Cochin, Delhi und Kalkutta.

Indien ist mit einer Bevölkerung von

1,5 Milliarden zu einem gewichtigen Exporteur in den Bereichen von Hightech, Finanzen und anderen Dienstleistungen geworden. Die meisten jungen Juden im Lande besuchen Schulen, in denen Englisch die Unterrichtssprache ist, was ihnen überdurchschnittliche Kenntnisse in dieser Sprache verleiht, aber werden auch in technologischen Fächern unterrichtet. Für sie ist Indien ein Platz geworden, an dem sich viele Chancen ergreifen lassen – vor allem im Bereich Hightech, wie Antony Korenstein, Landesdirektor des JDC in Indien, betont. «Die Juden reiten mit auf der wirtschaftlichen Welle», sagt er. Während die Generation der Eltern Unternehmer, Anwälte oder Banker waren, ziehen die Jungen es vor, in der Hightechindustrie oder in finanziellen Dienstleistungsbetrieben tätig zu sein. Die Eltern seien, wie Korenstein betont, zwar nicht arm, doch nur wenige seien wirklich wohlhabend.

Rückkehr aus Israel

Juden gehören seit über 2000 Jahren zum indischen Mosaik. Das «Land des Ganges» war den Juden der Antike ebenso bekannt wie jenen des Mittelalters. Im Talmud finden sich mehrere Hinweise auf Indien. Im 12. Jahrhundert schrieben eine Anzahl jüdischer Reisender, wie etwa Benjamin von Tudela, über das jüdische Leben in Indien. 1948 lebten 30?000-40?000 Juden im Lande. Die meisten von ihnen übersiedelten in den folgenden Jahren ins neu gegründete Israel. Trotzdem leben in keinem anderen Land östlich von Iran so viele einheimische Juden wie in Indien. Oftmals aber nehmen sie nicht besonders aktiv am jüdischen Leben teil. Zurzeit offerieren die Call Centers jungen jüdischen Erwachsenen Arbeit während der Nacht – dann ist Tag in den USA –, weshalb Synagogen Schwierigkeiten bekunden, diese Leute für ihre Aktivitäten zu interessieren. Die jungen Menschen schlafen tagsüber und arbeiten nachts. An jüdischen Festtagen aber müssten Juden, wie Divekar erklärte, natürlich nicht arbeiten.

Der Wirtschaftsboom führt nicht nur dazu, dass vermehrt junge Juden in Indien bleiben. Einige Familien sind bereits schon aus Israel zurückgekehrt. So arbeitet der in Israel geborene Anil Abraham heute als Tour Operator in Cochin, wo er Verwandte hat. Der 31-Jährige ist zwar noch nicht sicher, ob er definitiv in Indien bleiben will, meint aber, dass das Leben hier anders sei als in Israel, vor allem bestehe nicht der gleiche Druck in Sicherheitsbelangen und bezüglich der Arbeit. In Mumbai gibt es neuerdings aktive sephardisch-orthodoxe Synagogen, aber nur zwei Rabbiner. Zudem treffen sich regelmässig auch Mitglieder einer Reformgemeinschaft. Das JDC unterstützt Senioren und bedürftige indische Juden mit monatlichen Barzuwendungen, medizinischer Versorgung und Medikamenten. Es sendet auch junge indische Juden zu einer Ausbildung für Führungskräfte ins Ausland.

Anlässlich des letzten Holocaust-Erinnerungstags führte die Reformgemeinde eine grosse Zeremonie durch, während die orthodoxe Gemeinde im Pavillon Magend Hassidim den israelischen Unabhängigkeitstag feierte.





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