Salonfähige Denkmuster
Studie. Während der Euro 08 besuchen mitunter mehr als 100 000 Menschen die Gastgeberstädte in der Schweiz und Österreich. Bislang sind die Feierlichkeiten friedlich verlaufen, nennenswerte fremdenfeindliche Aktionen blieben erfreulicher Weise aus. Allein einige deutsche Hooligans trübten die Stimmung in der Klagenfurter Innenstadt mit rechtsradikalen Parolen. Dieser Tage ist von Leipziger Forschern eine Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Siftung erschienen, die einen «Blick in die Mitte» wirft und ihren Fokus auf den Hintergrund rechtsextremer Tendenzen in Deutschland lenkt.
Vorsicht. Die Ergebnisse lassen aufhorchen, glauben doch mehr 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs mehr als 15 Prozent der Deutschen, dass ein «Führer», der die Deutschen mit starker Hand regieren würde «zum Wohle aller» wäre. Knapp 40 Prozent der Befragten halten Deutschland für «in einem gefährlichen Mass überfremdet». Diese Denkmuster sind offenbar längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und wieder salonfähig. Das Ausgrenzen von Menschen, die als «anders» empfunden werden, wird zur Methode.
Demokratie. Diese Ergebnisse scheinen damit Hand in Hand zu gehen, dass viele Menschen mit dem Begriff «Demokratie» nicht mehr viel anfangen können. So sprechen die Autoren von einer «alarmierenden Geringschätzung des demokratischen Systems». Es wirkt, als würde Demokratie nur so lange wertgeschätzt, wie sie den Menschen individuellen Wohlstand garantiert. Antidemokratische Traditionen kommen anlässlich der Sorge um das eigene Wohlergehen zutage. Die Demokratie als Staatsform wird vielmals als selbstverständlich hingenommen, ihre Errungenschaften und Vorteile werden nicht mehr wahrgenommen.
Bildung. Die Kritik gilt abstrakt der Demokratie und konkret den «Anderen». Schon Winston Churchill sagte: «Das grösste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler.» Leider hilft Humor anhand der aufgezeigten Haltung, die den Nährboden für rechtsextremes Gedankengut bildet, nicht weiter. Bildung und Aufklärung scheinen nötiger denn je. Auch an Schweizer Schulen könnte eine Extra-Lektion in Geschichte offenbar nicht schaden, bedenkt man die Panne, die jungen Redaktoren des Schweizer Fernsehens während der Übertragung des Spiels Deutschland gegen Österreich unterlief: Auf die Teletextseite, auf der der Text der deutschen Nationalhymne nachgelesen werden konnte, blendeten sie den ersten Vers «Deutschland, Deutschland über alles in der Welt» ein – u. a. die Hymne der Nationalsozialisten. Ein absurder Fauxpas des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, der im Gegensatz zu allen Bemühungen steht, rechtsextremes Gedankengut an der Euro 08 in seine Schranken zu weisen. Es spricht für die Fussballfans, dass ihnen dieses Ereignis am Rande der Übertragung eher die Sprache verschlagen hat, als sie zum Mitsingen anzuregen.


