Geteilte Meinungen der Bewohner
km² – nordöstlich des Sees Genezareth und reichen bis zum Berg
Hermon
Von George Szpiro
Alle paar Jahre gelangen Nachrichten über israelische und syrische Friedensfühler an die Öffentlichkeit. Bis jetzt verliefen die diesbezüglichen Versuche jeweils im Sand. Ob sie diesmal mehr Erfolg haben werden, ist äusserst ungewiss. Doch fast alle Israeli wissen, dass eine dereinstige Rückgabe der Golanhöhen als Gegenleistung für ein Friedensabkommen mit dem nordöstlichen Nachbarn unumgänglich sein wird. Nach der Eroberung des Gebietes im Sechstagekrieg 1967 waren die ersten Siedler auf das Plateau gezogen, und heute leben 18?000 Israeli in drei Dutzend Siedlungen und etwa die gleiche Zahl einheimischer Drusen auf den Golanhöhen. Die Siedler sind vor allem in der Landwirtschaft beschäftigt. Für Touristen aus allen Teilen Israels sind die Golanhöhen zu einem beliebten Ausflugsziel geworden, und der 2224 Meter hohe Berg Hermon wird jeden Winter zu einem Skigebiet für israelische Wintersportler.
Unterschiedliche Demarkationslinien
Bei dem umstrittenen Gebiet handelt es sich um ein an den längsten und breitesten Stellen etwa 65 und 25 Kilometer grosses, insgesamt etwa 1200 Quadratkilometer umfassendes Plateau, das nordöstlich des Sees Genezareth liegt und bis zum Mount Hermon reicht. In der Bibel wurde das Gebiet mehrmals erwähnt, und Ausgrabungen brachten eine Synagoge und mehrere rituelle Bäder aus dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung an den Tag. In der Neuzeit siedelten sich im Jahre 1886 zum ersten Mal jüdische Siedler an. Baron Edmund de Rothschild erwarb etwa 7000 Hektar (70 Quadratkilometer) käuflich. Nach dem Zweiten Weltkrieg handelten Franzosen und Engländer die Grenze zwischen den britischen und den französischen Mandatsgebieten aus. Sie verlief östlich des Jordanflusses nach Süden bis zum See Genezareth, dann zehn Meter vom Ufer entfernt bis zu der Stelle, wo sich heute der Kibbuz Gev befindet, und von dort in einem etwa einen Kilometer breiten Streifen bis zum südlichen Ende des Sees. Die Rechtmässigkeit jüdischen Grundbesitzes auf den Golanhöhen wurde 1946 mit dem Ende des französischen Mandats und der Gründung des syrischen Staates für ungültig erklärt. Im Teilungsbeschluss der Uno von 1947 wurde diese Demarkationslinie zur «internationalen Grenze» zwischen Israel und Syrien erklärt.
Doch Syrien erkannte die Demarkationslinie nicht an und brachte während Israels Unabhängigkeitskrieg mehrere, insgesamt etwa 100 Quadratkilometer umfassende Gebiete westlich der internationalen Grenze in seinen Besitz. Nach den Waffenstillstandsverhandlungen zog Syrien aus diesen eroberten Gebieten ab, die sodann zu demilitarisiertem Gebiet erklärt wurden. In den folgenden Jahren besetzten Syriens Truppen erneut grosse Teile der demilitarisierten Zone. Zwischen 1949 und 1967 schossen syrische Artillerie und Scharfschützen fast täglich auf die israelischen Fischer und Landwirte, die auf den tiefer gelegenen Feldern und auf dem See ihrer Arbeit nachgingen. Das war die Situation vom 4. Juni 1967, dem Vorabend des Sechstagekriegs.
Nicht anerkanntes Hoheitsgebiet
Im Sechstagekrieg brachte Israel das strategisch wichtige Plateau nach schweren Kämpfen in seinen Besitz. In den folgenden Jahren liessen sich jüdische Siedler auf den Golanhöhen nieder, machten das Land urbar und bearbeiten seitdem Felder. Bei ihrem Überraschungsangriff 1973 überrannten syrische Truppen in den ersten Tagen des Jom-Kippur-Kriegs Teile der besetzten Golanhöhen, doch wurden sie von Israel in den folgenden Tagen zurückgestossen. Nach den Waffenstillstandsverhandlungen von 1974 retournierte Israel einen Teil des Gebietes, unter anderem die Stadt Kuneitra, an Syrien, und eine neue demilitarisierte Zone wurde geschaffen, in der seitdem die Unotruppe Undof stationiert ist. 1981 erklärte das israelische Parlament die Golanhöhen zu israelischem Hoheitsgebiet, doch die internationale Staatengemeinschaft und die Uno anerkannten die Annektion nicht. Syrien verlangt die Rückgabe der Golanhöhen bis zu den Grenzen vom 4. Juni 1967, das heisst inklusive der seinerzeit angeeigneten Gebiete, während Israel bereit wäre, eine Retournierung bis zur internationalen Grenze zu erwägen – dabei muss auch noch rechtlich abgeklärt werden, was bei dem heute sehr tiefen Wasserstand unter «zehn Meter vom Ufer» zu verstehen ist.
«Frieden für Frieden» statt «Land für Frieden»
In einer kürzlichen Umfrage sprachen sich 70 Prozent der befragten Israeli gegen eine Rückgabe der Golanhöhen an Syrien aus. Doch bei Gesprächen mit Bewohnern kommen völlig unterschiedliche Meinungen zutage. Der ehemalige Brigadegeneral Zvika Vogel will vorläufig nichts von einer Aufgabe des Gebietes wissen. Auch wenn Artillerie und Raketen die Golanhöhen leicht überwinden, sei strategische Tiefe ein Trumpf, den man nicht einfach aus der Hand geben dürfe, auch schon weil ein Drittel der israelischen Wasserversorgung aus dem Golangebiet stammt. Vogel ist überzeugt, dass kommerzielle und gewerbliche Beziehungen über die Grenze hinweg der Schlüssel zum Frieden seien. Erst wenn einmal während einer längeren Zeit auf beiden Seiten der Grenze Zivilisten gelebt hätten und eine wirtschaftliche Partnerschaft bestanden habe, so nach 20 bis 40 Jahren, dürfe eine Aufgabe der Golanhöhen erwogen werden. Der Oberst der Reserve Avner Talmon, heute Unternehmer mit einem gut gehenden, auf Naturprodukten basierenden Kosmetikbetrieb in Katzrin, der inoffiziellen Hauptstadt der Golanhöhen, stimmt seinem Kollegen zu. Der Grund, wieso die Grenze zu Syrien seit 35 Jahren so ruhig ist, sei, dass es von den Golanhöhen bis nach Damaskus bloss ein Katzensprung sei und dass die Syrer das genau wüssten. Vorläufig wäre er bloss bereit, Frieden für Frieden einzutauschen, erst viel später käme ein Tausch von Land für Frieden in Frage.
Eine gegensätzliche Meinung vertritt Gary Black, ein ursprünglich aus England stammender Anhänger der Friedensbewegung «Peace Now», der seit drei Jahrzehnten auf dem Golan lebt. Er ist überzeugt, dass das Endresultat von Verhandlungen sowieso ausgemachte Sache sei und dass es nur noch darum gehe, sich mit den Syrern über das Vorgehen zu einigen. Zwar liebe er sein Heim, doch wenn er wählen müsste, würde er es als Opfer für den Frieden schweren Herzens, aber ohne zu zögern, verlassen. Anders dächten da seine Söhne. Sie wurden nach dem Jom-Kippur-Krieg geboren und kennten nichts anderes als die Golanhöhen unter israelischer Herrschaft. Deshalb käme für sie eine Retournierung des Gebietes an Syrien nicht einer Rückgabe, sondern einer Preisgabe von Territorien gleich. Eine Sprecherin des Komitees der Golansiedler unterstreicht, dass die jüdischen Bewohner des Plateaus keine Extremisten seien, sondern demokratische Patrioten. Von Politikern enttäuscht, wendeten sie sich aber lieber mit volkstümlichen Parolen direkt an die Mitbürger, um für ihre Unterstützung für die Beibehaltung der Golanhöhen zu werben. Aber eigentlich mache sich hier noch niemand ernstlich Sorgen. Die Ouvertüre gegenüber Syrien des mit Korruptionsvorwürfen kämpfenden Ehud Olmert würde zurzeit nicht ernst genommen.
Gespaltene Meinung der Drusen
Im Camp Ziouani in der demilitarisierten Zone erläutert Major Stefan Eder aus Österreich die Aufgaben der Undof-Truppe. Die Blauhelme sorgen dafür, dass sich beide Seiten an die Abmachungen halten, und leisten bei gewissen humanitären Diensten Hilfestellung. Zum Beispiel werden transnationale Hochzeiten, bei der ein Partner auf der einen Seite eine Braut oder einen Bräutigam auf der anderen Seite ehelicht, unter den Auspizien der Blauhelme und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in einem eigens auf der Demarkationslinie erstellten Häuschen zelebriert. Meist ist es ruhig in der demilitarisierten Zone. Zwar käme es immer wieder vor, dass syrische Schafhirten die Demarkationslinie überschritten, und die israelische Armee gestatte keinen Zutritt zu ihren Stützpunkten, doch im Grossen und Ganzen kooperierten beide Seiten mit den Unotruppen.
Das Gespräch mit einem drusischen Scheich, der weder seinen Namen noch sein Dorf genannt haben will, bringt Erstaunliches an den Tag. Während sich die meisten Vertreter der älteren Generation als Syrer betrachteten und auf die Rückkehr in die alte Heimat warteten, wolle ein Grossteil der jungen Generation von einer Repatriierung unter syrische Herrschaft nichts wissen. Öffentlich würde das jedoch kaum einer zugeben, schon aus Angst vor Repressalien, die in Syrien lebende Familienmitglieder treffen könnte. Doch jedes Mal, wenn Gerüchte über Verhandlungen laut werden, begännen sich Drusen aus den Golanhöhen nach Alternativen umzusehen. Im Falle einer Retournierung des Gebietes an Syrien würden viele der Einheimischen in drusische Dörfer nach Galiläa in Israel übersiedeln, sagt der Scheich. Zwar sei in Syrien jedermann gleichberechtigt, während sich Araber in Israel als Bürger zweiter Klasse betrachteten, doch herrsche in Syrien eine Diktatur. Während der Jahre der Besetzung hätten die Jungen zumindest den Vorteil eines demokratischen Systems – zum Beispiel freie Meinungsäusserung, Sozialversicherung, Zugang zu Hochschulen – zu schätzen gelernt.
Gute wie auch schlechte Seiten
Maray Tayseer, Direktor einer Organisation für die Entwicklung arabischer Dörfer, lässt dies nicht gelten. Das syrische Regime habe sowohl gute als auch schlechte Seiten, und nur wenige Drusen wollten unter israelischer Herrschaft bleiben, behauptet er. Zwar bezeichnet er die Beziehungen zu den israelischen Golansiedlern als friedlich, doch vergesse er nie, dass sie die Besetzer seines Landes seien. Der Staat, der die drusische Bevölkerung allenthalben diskriminiere – bei Infrastruktur, Wasserversorgung, Wohnungsbau –, erinnere ihn täglich daran. Tayseer, der drei in Damaskus lebende Brüder seit 1967 nicht mehr gesehen hat, gibt zu, dass vier Jahrzehnte israelischer Kultur die drusische Jugend geprägt habe. Aber trotz der vielen Rechte und sozialen Vorteile, von denen die drusische Bevölkerung profitiere, ziehe er die syrische Herrschaft vor. Als syrischer Bürger werde er dann versuchen, das dortige Regime zu ändern.
Im Kibbuz Ein Gev am Strand des Sees Genezareth treffen wir bei malerischer Dämmerung Zvika, der sich als einfacher Bauer gibt und kein Mann der grossen Worte ist. Über die Jahre hinweg ist er zynisch geworden und glaubt nicht mehr an einen wirklichen Frieden mit Syrien. Sowieso würde eine Evakuierung der israelischen Siedler keine Lösung darstellen, sagt er. Entsprechende Ansätze habe es in der Vergangenheit ja schon öfters gegeben, aber noch nie sei etwas herausgekommen. Auch dieses Mal sei Syrien nicht wirklich an einem Frieden mit Israel interessiert, aber da das Land nichts zu verlieren habe, würden eben Gespräche geführt. Und der israelische Ministerpräsident habe ein Interesse daran, um von den polizeilichen Untersuchungen gegen ihn abzulenken.


