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13. Juni 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 24 Ausgabe: Nr. 24 » June 13, 2008

Ein schwarzes Quadrat und seine Folgen

June 13, 2008
Unter dem Motto «Malewitsch und sein Einfluss» zeigt das Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz bis zum 7. September nebst zahlreichen Hauptwerken dieses Pioniers der abstrakten Kunst auch bedeutende Werke jüdischer Maler aus Osteuropa.
<strong>Klassische Moderne </strong>Die Bilder Popowa und Leporskaja

Von Walter Labhart

Sein legendäres «Schwarzes Quadrat» auf weissem Grund wirkte, als es 1915 in der Ausstellung «0.10» in St. Petersburg erstmals gezeigt wurde, wie ein kunsthistorischer Paukenschlag: Kasimir Malewitsch (1878–1935) erreichte damit den Nullpunkt der gegenständlichen Reduktion. Gleichzeitig schuf er die Grundlage einer abstrakten Formensprache, die sich auf Quadrat, Kreis und Kreuz konzentrierte und die Fläche ins Zentrum des künstlerischen Interesses stellte. Malewitsch sah in der quadratischen schwarzen Fläche «die erste Ausdrucksform der gegenstandslosen Empfindung», die er selber als Suprematismus bezeichnete. Jenes berühmte Bild war für ihn eine «nackte, gerahmte Ikone». In der eingangs erwähnten Ausstellung hing das Gemälde quer über eine Wandecke, wo es exakt die Stellung einer Ikone im sogenannten «schönen Winkel» in den Bauernhäusern orthodoxer Russen einnahm.

Der Maler war sich der spirituellen Bedeutung und metaphysischen Wirkung seines Vorstosses in künstlerisches Neuland bewusst, meinte er doch zum Kollegen Iwan Kljun: «Vielleicht werde ich Patriarch irgendeiner neuen Religion.» Da er seit seiner Jugend von einer schöpferischen Mission träumte, rief er seine Malschüler auf: «Schwebt mir nach, Genossen Aviatoren, ins Unergründliche!»

Aufbruchzeit der sowjetrussischen Kunst

Wie aus der von Friedemann Malsch kuratierten Ausstellung in Vaduz hervorgeht, folgten seinem Ruf zahlreiche Künstlerinnen und Künstler von heute hohem Ansehen. In Polen taten dies Katarzyna Kobro und Wladyslaw Strzeminski, in Ungarn Lajos Kassak und László Moholy-Nagy, in Deutschland die «Sturm»-Künstler Erich Buchholz und Walter Dexel. Nebst Iwan Kljun und Nikolai Suetin, den wichtigsten Mitstreitern von Malewitsch, nimmt in der Ausstellung der Maler und Designer Ilja Tschaschnik (1902–1929) eine herausragende Stellung ein. Der aus Lettland stammende jüdische Künstler studierte an der Kunstschule in Witebsk erst in der Werkstatt von Marc Chagall, danach in der von El Lissitzky übernommenen Werkstatt für Grafik, Druckwesen und Architektur, um schliesslich ein Meisterschüler von Malewitsch zu werden. Kreuzformen bilden das kompositorische Grundgerüst sowohl der diversen Ölbilder mit dem Einheitstitel «Suprematismus» von 1922 bis 1925 als auch eines «Kreuz und Kreis» genannten Architekturmodells aus Gips und sogar eines Porzellantellers.
Der in der Zürcher Galerie Orlando wiederholt mit erstrangigen Gemälden vorgestellte Mitbegründer der Witebsker Künstlervereinigung Unowis figuriert in der Ausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein überdies mit einem bemerkenswerten «Suprematistischen Ornament». Es weist auf die seriellen Verfahren von Richard Paul Lohse und anderer Künstler aus dem Kreis der Zürcher Konkreten voraus und liefert ein besonders schönes Beispiel für die Übertragung suprematistischer Ideen auf angewandte Kunst.

Der Gruppe Unowis gehörte als eine der engsten Mitarbeiterinnen von Malewitsch auch Nina Kogan an, die um 1942 vermutlich in einem stalinistischen Arbeitslager umkam. Sie fehlt jedoch in Vaduz und war auch 1992 in der Frankfurter Monsterschau «Die grosse Utopie. Die russische Avantgarde 1915–1932» nicht anzutreffen. Gezeigt wurden dort aber die folgenden jüdischen Avantgardisten aus jener Aufbruchzeit der sowjetrussischen Kunst: Natan Altman, Alexandra Exter, Naum Gabo, Anton Pevsner, Efim Rojak, David Schterenberg, Solomon Telingater, Josef Tschaikow, Alexander Tyschler, Michail Weksler und der Chagall-Schüler Lew Ziperson.

Lissitzky und Moholy-Nagy

Spezielle Akzente setzen in Vaduz mit El Lissitzky (Lasar Lisizky) und László Moholy-Nagy zwei jüdische Avantgardisten, die wie Marc Chagall und Alexandra Exter zu den Konstanten der Galerie Orlando zählen. Während die künstlerische Vielseitigkeit von El Lissitzky mit Skizzen zu architektonischen Raumgestaltungen, mit den Farblithografien «Sieg über die Sonne» und mit der Fotomontage «Wolkenbügel» in unmittelbarer Nähe zu Malewitsch vor Augen geführt wird, dokumentieren die Werke von Moholy-Nagy den durch Bauhaus-Eindrücke gefilterten Einfluss von Malewitsch nur noch mit dominanten Kreisen.

Mit einem intensiv leuchtenden «Roten Kreuz» in seltsam gebrochener Perspektive sticht der Malewitsch-Schüler Lasar Chidekel aus Witebsk hervor, mit eigenwilligen «Farbkonstruktionen» macht sich Wladimir Stenberg bemerkbar. In der von einem reich bebilderten Katalogbuch (236 Seiten, 59 Franken) begleiteten Ausstellung verdienen nebst den eigenständigen Beiträgen jüdischer Künstler auch die suprematistischen Meisterwerke von Russinnen wie Ljubow Popowa und Olga Rosanowa ihrer Einfallskraft und formalen Klarheit wegen beachtet zu werden.


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