«Im Wasser bin ich frei»
Der Weg in die arabische Kleinstadt Shevaram nahe Haifa führt durch eine trockene Hügellandschaft, ab und zu ziehen Schafhirten mit ihren Herden über die Felder. In Shevaram wollen wir Familie Shalabi besuchen. Vater Yussuf holt uns am Eingang der Kleinstadt ab. Alleine hätten wir den Weg in sein Haus nicht gefunden, Strassenschilder fehlen in diesem Ort, in dem israelische Araber leben; Muslime, Christen, Drusen. Wir kommen wegen Yussufs 20-jährigem Sohn Eyad. Er und sein Zwillingsbruder erwarten uns bereits auf der weitläufigen Terrasse des Hauses, Mutter Ajfa bereitet Kaffee vor. Eyad und sein Bruder Imad kamen taub auf die Welt, stumm auch, oder vielleicht haben sie einfach nie reden gelernt. Sie verständigen sich mit einer eigenen Zeichensprache, die «richtige» Gebärdensprache ist ihnen fremd.
Mit 13 Jahren fiel Eyad vom Dach, auf das der Junge heimlich geklettert war; seither ist er zusätzlich auch noch querschnittgelähmt. Eyads Schicksal ist tragisch, doch es ist eigentlich nicht die Tragödie der Familie Shalabi, die uns zu ihr führt. Die Geschichte hat einen anderen Lauf genommen.
Schwieriger Anfang
Nach einem zweimonatigen Spitalaufenthalt kam Eyad in eine Rehabilitationsklinik. Dort fing er an zu schwimmen. Anfangs nur zu Therapiezwecken, später immer besser und häufiger. Heute, sieben Jahre nach dem Unfall, präsentiert er den Besuchern stolz seine unzähligen Medaillen, die er als Behindertensportler geholt hat – unter anderem bei Meisterschaften des Deutschen Behindertensportverbandes oder bei Wettkämpfen in England und in Israel. Sein grösster bisheriger Erfolg: Er hat die Qualifikation für die Paralympics diesen Sommer in Peking geschafft. Die Paralympics sind die Olympischen Spiele für Sportler mit körperlicher Behinderung und finden jeweils am selben Ort und kurz nach den offiziellen Olympischen Spielen statt.
«Als Behinderter würde hier nichts aus ihm, als Sportler dagegen kann er etwas erreichen, inmitten anderer sportbegeisterter Behinderter fühlt er sich aufgehoben», erzählt sein Vater Yussuf. Und Eyad macht uns mit Zeichen klar, dass er sich «im Wasser hundertmal besser fühlt als in diesem Rollstuhl». «Da bin ich frei», interpretieren wir Eyads Zeichen.
Eyad, der bereits als Kind gerne schwamm, wusste anfangs nicht, wie das gehen sollte, mit den gelähmten Beinen zu schwimmen. Die Kehrtwende kam, als ihn der Vater ins Sport- und Rehabilitationszentrum Ilan bei Haifa nahm, wo Behinderte sowie Kriegs- und Terrorverletzte trainieren. «Sein Trainer Jacov Beninson hat ziemlich schnell sein Potenzial gesehen und angefangen, ihn gezielt zu fördern», erzählt Yussuf Shalabi. Aufgrund von Eyads schwerer Behinderung – nach seinem Sturz vom Dach hatten Nachbarn den Jungen falsch aufgehoben, was die Verletzungen noch verschlimmerte und seine Schultern und Arme beeinträchtigte – sah der Trainer allerdings am Anfang grosse Schwierigkeiten, Eyads Potenzial auch zu nutzen.
«Als Eyad zu mir kam, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich ihn eines Tages so weit bringen würde. Auf einer standardisierten Skala von eins bis zehn wird Eyads Behinderungsgrad mit zwei angegeben – das ist sehr hoch», so Jacov Beninson. «Anfangs dachte ich, der Junge sei verrückt. Er schwamm manchmal vier Stunden am Stück. Ich sah sein Potenzial, aber sah auch die Hürden», so der Trainer. Er erzählt, wie er Eyad zuerst «beibringen» musste, was ein Trainer ist. Auf normalem Weg konnte er es ihm nicht erklären. «Ich musste ihn zuerst erziehen», sagt Beninson lachend. Es ist für den Trainer schwierig, mit Eyad auch nur die einfachsten Dinge zu besprechen. «Er versteht nicht, wenn ich etwas von Statik oder Aufbautraining fasle. Eyad versteht nur, wenn ich den Daumen nach oben halte, um ihm zu sagen, dies sei jetzt gut gewesen, oder wenn ich ihm mit den Fingern anzeige, wie viele Längen er jetzt schwimmen soll. Umso erstaunlicher, dass wir es zusammen so weit gebracht haben», sagt Beninson stolz.
Engstirnige Behörden
Beninson erzählt auch von der wichtigen Rolle, die Eyads Vater in dieser Erfolgsgeschichte spielt. Yussuf hatte nach dem Unfall seines Sohnes seinen Beruf als Lastwagenfahrer für eine Ölraffinerie in Haifa aufgegeben, um sich rund um die Uhr um sein Kind zu kümmern. «Yussuf fährt Eyad täglich hier ins Schwimmbad, hilft ihm beim Umziehen und sitzt die vier Stunden, die der Junge trainiert, am Beckenrand. Das ist sein Leben», sagt Beninson. «Sein Vater verkörpert seine Stimme, seine Beine, seine Ohren. Ohne ihn wäre Eyad heute nicht ein so erfolgreicher Schwimmer.» Umso schlimmer, dass die nationale Versicherungsanstalt dem Vater immer wieder die Leistungen kürzt, da er, so das Argument der Behörden, mehr als das erlaubte eine Mal pro Jahr ins Ausland fährt. Doch Yussufs Auslandreisen sind wohlgemerkt keine Ferien, sondern Reisen an internationale Schwimmwettkämpfe seines Sohnes. «Momentan lebt meine sechsköpfige Familie von Eyads Invalidenversicherung», so Yussuf, der wohl ohne den Schicksalsschlag seines Sohnes nie aus Shevaram herausgekommen wäre.
Vielleicht muss Eyad zuerst Olympiagold holen, bevor die Behörden die Situation richtig einschätzen und Yussuf Shalabi sein ihm rechtmässig zustehendes Geld bezahlen. Wer gesehen hat, wie schnell Eyad seine Längen zieht, der zweifelt nicht daran, dass der junge Mann für Israel eine Medaille nach Hause bringen wird.
Dania Zafran


