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6. Juni 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 23 Ausgabe: Nr. 23 » June 6, 2008

«Ich bin das schlechteste Beispiel eines Patrioten»

June 6, 2008
Frank Reiss, ehemaliger Berater des tschechischen Präsidenten Václav Havel, über den Mörder seines Vaters, Deutschlands Rolle beim Thema Vergangenheitsbewältigung und den Demokratiebegriff.
Frank Reiss «Ich beschäftige mich vorallem mit
dem Konzept der Verantwortung»

tachles: Wie ist Ihr Buch «Der Vater meines besten Freundes schickte meinen Vater ins KZ» entstanden?

Frank Reiss: Erst habe ich vor 20 Jahren unter dem Titel «A Taste of Times» die englischen Unterlagen dazu geschrieben, dann haben wir das Buch in Tschechisch mit dem Titel «Schwierigkeiten mit Helden» verfasst. Ich wollte diesen Titel behalten, aber der Meidenbauer-Verlag war der Meinung, der jetzige Titel sei besser. Es geht ja tatsächlich um mich und meinen Vater und um Roman Mach und seinen Vater, der von Hannah Arendt als «slowakischer Eichmann» bezeichnet wurde und 70 000 Juden in den Tod schickte.

Was aber Eichmann nicht von seiner Schuld entlastet.

Nein, Eichmann und der deutsche Botschafter in der Slowakei, Hanns Ludin, waren die treibende Kraft hinter dem, wozu sie Alexander Mach ermutigten, der als Innenminister der Verantwortliche für die «Umsiedlung» der slowakischen Juden war. Ludins Sohn Malte, ein Regisseur, machte übrigens einen sehr kritischen Dokumentarfilm über seinen Vater, der «2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiss» heisst und für den ihm von seiner Familie Vorwürfe gemacht werden.

Wie kam Ihre Freundschaft mit Roman Mach, dessen Vater eben Ihren Vater ins KZ brachte, zustande?

Wir sind 1947 Freunde geworden – da waren wir zwölf Jahre alt. Nach der Mittelschule wurde Roman nicht zum Studium zugelassen, weil er der Sohn Alexander Machs war, obwohl wir beide die besten Schüler waren. Schon damals unterhielten wir eine sehr enge Freundschaft. Und – paradox: Roman hat mich während dieser Zeit immer vor den Antisemiten beschützt. Roman lernte dann Zahntechniker, ich ging ans Gymnasium und später nach Bratislava, um Jura zu studieren. Bis 1989 sahen wir uns praktisch nicht mehr, weil ich 1968 illegal emigriert war und nicht zurückkonnte. 1989, nach der Revolution, kehrte ich nach Prag zurück, suchte Roman, und wir nahmen unsere Freundschaft an genau der Stelle wieder auf, an der wir so viele Jahre zuvor aufgehört hatten.

Von 1968 bis 1989 haben Sie beide in völlig unterschiedlichen ideologisch geprägten Welten gelebt. Stehen solche Erfahrungen nicht zwischen den Menschen?

Wir hatten eines von Jugend an gemeinsam: Wir hassten beide das totalitäre Regime, das zwischen 1945 und 1947 entstanden war, gleich stark.

Was ist denn von da bis zum Prager Frühling 1968 in den Menschen geschehen, wie konnte sich dies entwickeln?

Es gab seit 1918 starke demokratische Wurzeln in der Tschechoslowakei, und auch zuvor, etwa 1848, gab es revolutionäre Bewegungen. Wir hatten schon 1945 alle Voraussetzungen, die es für eine Demokratie braucht, die Infrastruktur, die Industrie, die Intelligenzia. Die Mehrheit der Nation akzeptierte das ab 1945 eingesetzte «einzig wahre» System nie, und bei der erstbesten Gelegenheit erhob sie sich dagegen. Alexander Dub?cek war 1968 trotz einer nicht untadeligen Vergangenheit die einzige passable Alternative zum Politbüro und wurde von den Intellektuellen, unter ihnen viele Juden, als Galionsfigur portiert.

Die eigentliche Revolution fand dann aber 1989 nicht in der Tschechoslowakei, sondern in Polen statt.

Ja, denn mit den Tschechen können Sie nur von Dienstag bis Donnerstag eine Revolution machen. Ab Freitag sind sie in ihren Wochenendhäusern. Es war Polen, es war der Papst, und schliesslich war es Gorbatschow. Was letztlich einen Eingriff der kommunistischen Streitkräfte und ein Blutvergiessen verhindert hat, war das Telefonat zwischen Willy Brandt und Gorbatschow, auf Grund dessen Gorbatschow die Machthaber in Prag anrief und ihnen sagte, dass sie alleine stehen würden, wenn auch nur ein einziger Schuss fiele, denn die 200 000 Russen auf tschechoslowakischem Boden würden nicht eingreifen. Also musste das Politbüro aufgeben.

Wollten die Leute ab 1989 denn wirklich die Demokratie?

Ja, und sie wollten sie hauptsächlich auch aus ökonomischen Gründen. Das Land war ja ruiniert. Dies kam unter anderem daher, dass der Handel mit allen sozialistischen Ländern auf Warenaustausch beruhte. Vietnam beispielsweise lieferte der Tschechoslowakei für 350 Lastwagen den Gegenwert in Leinenhosen, die trotz der miserablen Lage niemand kaufen wollte. Sogar die wirklich kommunistische Arbeiterklasse hatte genug von dieser Situation!

All Ihren negativen Erfahrungen zum Trotz haben Sie ein unerschütterliches Vertrauen in die Demokratie. Weshalb?

Der Beweis liegt doch in der Sache – es gibt zu Hause in Prag nun seit fast 20 Jahren Demokratie, und es funktioniert.

Antisemitismus und Rassismus sind aber im Osten seit Jahren im Ansteigen. Ist das nicht ein Widerspruch zur Demokratie?

In Tschechien gibt es das viel weniger als in anderen Ländern, und oft sind es deutsche Neonazis, die über die Grenze kommen, weil sie zu Hause ihre Veranstaltungen nicht durchführen können und dafür eingesperrt würden.

Aber im Osten generell gibt es die Tendenz zu Antisemitismus und Rassismus, und die Demokratie stösst an ihre Grenzen.

Man sieht das aber nicht im politischen Leben. Die ultrarechte Slàdek-Partei zum Beispiel ist mittlerweile völlig irrelevant geworden. Das sind Erscheinungen, die kommen und gehen.

Nach der Lektüre Ihres Buches stellt sich die Frage nach Ihrem Verhältnis zur Schuld. Was bedeutet diese für Sie?

Ich beschäftige mich mehr mit dem Konzept der Verantwortung; die Schuldigen gibt es ja praktisch nicht mehr. Deutschland hat sehr viel aus diesen Zeiten gelernt, aber das Land könnte durch seine heutige Stellung in EU und Nato die Initiative ergreifen und Ländern, die noch immer ein Antisemitismus- oder Rassismusproblem haben, seine Erfahrungen zur Verfügung stellen.

Deutschland hat seine Geschichte aufgearbeitet, aber in Österreich hörte man zum Jahrestag des «Anschlusses» einmal mehr, das Land sei das erste Opfer Hitlers gewesen. Da ist nichts passiert. Könnte sich in Österreich wieder in zwei Tagen alles verändern?

Die Österreicher waren immer unter den Vorkämpfern des Antisemitismus und haben überproportional zur Führungsriege der Nazis beigetragen. Hitler selbst, Eichmann, Kaltenbrunner …

Beschränkt sich das auf Österreich, und womit hat es zu tun? Vielleicht mit dem Katholizismus?

Dass Länder wie Polen oder die Slowakei so antisemitisch geworden sind, hat sicher auch damit zu tun, dass die Kinder ab fünf oder sechs Jahren in der Schule von ihren Pfarrern jeden Tag hörten, dass der Jude Jesus Christus umgebracht hat. Was konnte daraus anderes werden als dieser blutige Antisemitismus? Anderseits – und wie das Beispiel der Schweiz zeigt – ist es die Erfahrung der Konfrontation mit der Schuld, die in der Zivilgesellschaft den Prozess des Bewusstwerdens auslöst. Und diese Konfrontation hat in Osteuropa nicht stattgefunden; es war verboten, vom Holocaust zu sprechen, es war zu Zeiten des Kommunismus ein Tabuthema. Deshalb lernt der Osten erst jetzt etwas darüber. Österreich seinerseits hat die Konfrontation durch die eigene Definition als Opfer umgangen. Und deshalb glaube ich, dass der Zeitpunkt für Deutschland, das sich dieser Konfrontation gezwungenermassen voll stellen musste, für ein zweites Kapitel des Aufklärungsprozesses gekommen ist.

Wie könnte sich Deutschland in dieser Hinsicht denn einbringen?

Nehmen wir die Slowakei als Beispiel. Die Basis für die Verfolgung der Juden wurde vom katholischen Priester und Antisemiten Andrej Hlinka gelegt, der an den Deportationen selbst nur keinen Anteil hatte, weil er 1938 starb. Trotzdem wurde ein Gesetz vorgelegt, gemäss dem jeder bestraft worden wäre, der etwas Schlechtes über Hlinka sagte. Man einigte sich dann zwar auf eine andere Form, aber jedenfalls wurde Hlinka praktisch zum Heiligen erklärt. Noch in unseren Tagen, wo die Slowakei zur grossen europäischen Familie gehört, ist er auf der 1000-Kronen-Banknote abgebildet. Da gäbe es viel zu tun für Deutschland.

Zwischen Zivilgesellschaft und Realpolitik besteht doch aber eine Diskrepanz. Wenn es beispielsweise um Wirtschaftsinteressen – siehe Gazprom – geht, beginnen Positionen zu wanken.

Meiner Meinung nach würden sich die Herren Putin und Medwedew nicht bedroht sehen, wenn in Russland so eine Aufklärung stattfinden würde …

Wenn es in der Realpolitik hart auf hart geht, wie beispielsweise in der Debatte zwischen Deutschland und Polen um den Standort des Vertriebenenmuseums, zu der die Zivilgesellschaft eigentlich nichts zu sagen hat, worauf kann sie dann vertrauen?

Von Weizsäcker sagte, dass die Jahre des Nazismus ein Teil der 1000-jährigen Geschichte Deutschlands seien. Die Vertreibung ist ein Kapitel der europäischen Geschichte, und da sollten die Tschechen, die Polen und die Slowaken, die Deutsche vertrieben haben, sich der historischen Wahrheit stellen.

Richtig, aber in der Realpolitik werden ethische oder historische Wahrheiten oft beiseite geschoben.

Und das darf man nicht zulassen. Die Realpolitik hat sehr viel mit Political Correctness zu tun, und die Präzedenz muss mit der wahren Geschichte übereinstimmen.

Sie waren viele Jahre politischer Berater von Präsident Václav Havel, der offenbar eine glückliche Kombination aus Philosoph und Politiker und sehr integer war. Was war sein Rezept?

Havel tat etwas sehr Intelligentes. Er wurde gedrängt, einen Prozess der Verantwortungsübernahme für die kommunistischen Fehlhandlungen einzuleiten, was er – in meinen Augen zu Recht – ablehnte. Wenn man sieht, wie sehr die 60-jährige Auseinandersetzung mit der Nazizeit Europa mental erschöpft hat, würde eine weitere 60-jährige Auseinandersetzung mit dem Kommunismus nirgendwo hinführen. Havel sagte also: Schlussstrich – wir müssen ein neues Kapitel eröffnen. Tschechien hat so lange mit Entbehrungen gelebt, dass wir ab morgen besser damit beginnen, aufzuholen statt die kommunistische Partei zu verbieten.

Sie haben ja auch lange in Amerika gelebt. Aus europäischer Sicht scheinen sich unter Bush grundlegende amerikanische Werte, auch in Bezug auf hegemoniale Weltpolitik, geändert zu haben. Müssen wir uns Sorgen machen?

Zuerst einmal muss Amerika einen Gegenspieler erhalten und von dieser elenden Sicht abkommen, dass es die einzige Supermacht ist. Und es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb das wohlhabende Europa mit seinen 450 Millionen Menschen nicht zu einem solchen Gegenpol werden sollte. Zweitens muss Russland wieder seine zu Recht eingeforderte Position in der Weltordnung einnehmen, statt in die Ecke gedrängt zu werden. Der Blick sollte endlich nicht immer nur auf Amerika gerichtet werden, und wir sollten uns viel mehr damit beschäftigen, was hier und in Russland, Indien und China geschieht. Darauf sollten wir uns konzentrieren, statt uns ständig mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und auch hier könnte Deutschland wiederum sehr viel beitragen. Denn was dort geschehen ist, hat nicht nur für den Antisemitismus Gültigkeit, sondern generell. Die Frage ist: Was können wir tun, um eine bessere Gesellschaft zu haben? Deutschland hat es geschafft, heute eine bessere Gesellschaft zu haben.

Eine Frage zum Schluss: Was bedeutet für Sie, nach all dem, was Sie erlebt haben, Heimat?

Ich habe zwar den braven Soldaten Schwejk nicht ganz gelesen, aber ich glaube, er hat gesagt: Meine Heimat ist, wo es mir gut geht. Und Albert Einstein sagte: Patriotismus ist die letzte Zuflucht, an die sich der Strauchdieb klammert. Ich bin das denkbar schlechteste Beispiel eines Patrioten. Ich habe keine heimatliche Verwurzelung, höchstens eine kulturelle. Amerika war sehr gut zu mir und hat mir seine Staatsbürgerschaft gegeben, und ich würde deshalb das Land gegen jeden verteidigen, der schlecht über es redet. Aber in New York habe ich keinen Barock, keine Renaissance und keine Gotik gefunden. Deshalb bin ich nach Prag
zurückgekehrt, und deshalb geht es mir dort gut.

Interview: Yves Kugelmann





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