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6. Juni 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 23 Ausgabe: Nr. 23 » June 6, 2008

Ein Tag – zwei Gesichter

June 6, 2008
Wie die Schawuot-Zeremonie der «Bikurim», der Erstlingsfrüchte, in den Kibbuzim entstanden ist.
Zeremonie der «Bikurim» Schawuot-Feierlichkeiten
im Kibbuz Yakum 1954

Von Emanuel Cohn

Es gibt wohl keinen Feiertag im jüdischen Kalender, der dermassen gegensätzlich gefeiert wird wie das Schawuotfest in Israel. In religiösen Kreisen wird die ganze Nacht hindurch Thora studiert, während in säkularen Kibbuzim eine Zeremonie der «Bikurim», der Erstlingsfrüchte, stattfindet. Diese Doppelspurigkeit hat tiefe historische Wurzeln.

«Schawuot» heisst «Wochen». Diese Bezeichnung verdankt das Schawuotfest den sieben Wochen, die man vom Pessachfest bis zu ihm zählen soll: «Und ihr sollt für euch vom Tage nach diesem Schabbat an (…) sieben volle Wochen zählen (…) und sollt eben diesen Tag als heilige Berufung ausrufen» (3. B. M. 23:15–21). In der Thora wird Schawuot aber auch als «Fest der Ernte des ersten Ertrags deiner Aussaat auf dem Feld» (2. B. M. 23:16) bezeichnet, an welchem man im Tempel zu Jerusalem Erstlingsgaben in der Form zweier Brote darzubringen hatte, als Start der Weizenernte (3. B. M. 23:15–21). Während diese wichtige Zeremonie von den Priestern im Tempel durchgeführt wurde, gab es eine andere religiös-agrikulturelle Aktion, ja ein gesellschaftliches Phänomen, bei welchem auch das jüdische Volk ausserhalb Jerusalems aktiv involviert war. Die Rede ist von dem Transport der Erstlingsfrüchte nach Jerusalem, den die jüdische Bevölkerung, die ja mehrheitlich aus Bauern bestand, zur Wallfahrt anlässlich des Schawuotfestes durchführte. Es handelt sich hierbei um die Erstlinge der sieben Fruchtarten, durch die sich das Land Israel besonders auszeichnet: Weizen, Gerste, Weintrauben, Feigen, Granatäpfel, Oliven und Datteln (5. B. M. 8:8; Mischna Bikkurim 1:3). Dieser Aufstieg nach Jerusalem, der zu Zeiten des Tempels regelmässig stattfand, wird in der Mischna, der Grundschrift der mündlichen Lehre, auf wunderbare und lebendige Weise beschrieben:

Auf welche Weise brachte man die Erstlinge nach Jerusalem? «Alle Bewohner der Orte (…) lagerten auf den freien Plätzen der Stadt, nicht in die Häuser eintretend. Am Morgen in der Früh redete der Beamte sie mit den Worten an: ‹Auf! Lasst uns nach Zion hinaufziehen, zum Tempel des Ewigen, unseres Gottes.› Die in der Nähe Wohnenden brachten frische Feigen und Weintrauben, die Entfernteren dürre Feigen und Rosinen. Der Ochs ging vor ihnen her, die Hörner mit Gold belegt, einen Ölkranzzweig auf dem Kopfe; die Flöte tönte vor ihnen her, bis sie vor Jerusalem anlangten. Sobald sie dort ankamen, sandten sie Boten voraus und bekränzten ihre Erstlingsfrüchte. Die Stellvertreter der Priester und Leviten und die Schatzmeister kamen ihnen entgegen, und zwar kamen so viele, als die Achtung vor den Ankommenden erheischte; die Handwerker in Jerusalem standen vor ihnen auf und begrüssten sie mit den Worten: ‹Brüder! Männer aus dem und dem Orte! Seid uns willkommen!› Die Flöte tönte fort, bis man an den Tempelberg gelangte. Hier aber nahm ein jeder, selbst König Agrippas, seinen Korb auf die Schulter und zog hinauf, bis er an den Vorhof kam. Sobald man da ankam, stimmten die Leviten den Gesang an (…)» (Mischna Bikkurim 3:2–4).

Religiös-gesellschaftliche Veränderung

Bei der Lektüre dieses detaillierten Berichts kommt die besondere Stimmung, die beim Aufstieg der Wallfahrer nach Jerusalem – mit den Erstlingsfrüchten in den Körben – vorherrschte, nachhaltig zum Ausdruck. In Anbetracht solcher Quellen lässt sich vielleicht ein Quäntchen der Ohnmacht nachvollziehen, in welche die Juden mit der Zerstörung ihres Tempels im Jahre 70 erbarmungslos hineinbugsiert wurden. Das tägliche Leben und insbesondere die Feiertage waren allesamt auf den Tempel bezogen, und nun, von einem Tag auf den anderen, war er zerstört, das Heim Gottes auf Erden war Asche. Man kann sich wohl kaum vorstellen, welch riesigen Schock die Tempelzerstörung für die Juden im Heiligen Land bedeutete. Das Zentrum des religiösen und nationalen Lebens war verschwunden, und mit ihm die Basis vieler Gebote, wie z. B. das Gebot von «bikurim».

Im Lichte dieser dramatischen religiös-gesellschaftlichen Veränderung war man seitens der Weisen versucht, insbesondere bei Festtagen, tempelunabhängige Inhalte zu betonen. So wurde die in der Schrift selbst nicht erwähnte mündliche Überlieferung, wonach Schawuot mit dem Tag der Offenbarung Gottes auf dem Berge Sinai und der Thoraübergabe identifiziert wird, das Hauptmotiv dieses Festes. Schawuot verkörperte nun nach dem Wegfallen der landwirtschaftlichen Komponente ausschliesslich den Tag, an dem die Zehn Gebote vom Berg Sinai verkündet wurden (Babylonischer Talmud, Pessachim 68b). Diese Umfokussierung des Wochenfestes verstärkte sich im Laufe der 2000 Jahre Exil. Schawuot mutierte vom lebendigen Erntefest und freudigen Tag der Erstlingsfrüchte zum seriösen und vergeistigten Tag der Thora-Feier. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich in dieser Linie weitere Bräuche, wie etwa der weit verbreitete Usus, die Nacht des Schawuotfestes dem Thorastudium zu widmen. In vielen Gemeinden wurde und wird denn auch ein gemeinschaftliches, die ganze Nacht hindurch währendes «Lernen» organisiert, das schliesslich im frühen Morgengebet, an welchem bei der Thora-Vorlesung die Zehn Gebote vorgetragen werden, mündet.

Der «Bikurim»-Brauch

Doch dann kam sie, ganz unverhofft, die zionistische Revolution, die darauf aus war, den im Exil «vergeistigten» Juden auf den Boden der neuen Realität – und vor allem: auf den Boden des Gelobten Landes – zu holen. Mit dem Einsetzen des physischen Aufbauwerks gewann auch das mit der Landwirtschaft des Landes Israel verbundene Fest der Erstlingsfrüchte wieder an wesentlicher Bedeutung. Die Kibbuz-Bewegung war die erste, die die Zeremonie der Erstlingsfrüchte wieder einführte – mit nicht unwesentlichen säkularen Veränderungen, versteht sich. So wurden die – meist von Kindern getragenen – Körbe mit dem frischen landwirtschaftlichen Ertrag nicht nach Jerusalem gebracht, sondern im Kibbuz selbst bei feierlichen Umzügen stolz zur Schau gestellt. Auch wurden die Früchte nicht einem unexistenten Tempel geweiht, sondern mit Geld ausgelöst, welches dann dem KKL, dem Jüdischen Nationalfonds, zugute kam. Die erste dokumentierte offizielle «Bikurim»-Zeremonie der Moderne lässt sich im Jahre 1923 im Kibbuz Ein Charod im Jisreel-Tal registrieren. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dieser alt-neue Usus in weitere Kibbuzim wie Tel Josef, Geva, Beth Alpha und in den Moschav Kfar Jecheskel. Besonders Schulen und Jugendbünde waren von der erzieherischen Note dieses Brauchs angetan, und 1930 liess der nationale Lehrerverband erste Richtlinien bezüglich Form und Inhalt der «Bikurim»-Zeremonie verlauten, die verschiedene Tänze und Lieder beinhalteten. An Schawuot 1931 wurden feierliche Erstlingsfrucht-Umzüge auch in den Städten Tel Aviv und Haifa in Anwesenheit der Bürgermeister durchgeführt. In dieser Zeit wurden Dutzende hebräische Lieder zum landwirtschaftlichen Charakter des Schawuotfestes geschrieben und komponiert und von den Beteiligten gesungen. Alte Bilder und Dokumentarfilme aus den dreissiger Jahren bezeugen diese eindrücklichen und zutiefst bewegenden Zeremonien im vorstaatlichen Israel.

Rein geistige Form

Wie stand das orthodox-rabbinische Establishment diesem alten Brauch im neuen Kleid gegenüber? Rabbiner Avraham Itzhak Kook (1865–1935), selbst ein Verfechter des religiösen Zionismus, äusserte in den zwanziger Jahren einerseits seine Bewunderung und Unterstützung für die erneuerte jüdische Landwirtschaft im Lande Israel, protestierte aber andererseits, dass diese grossen Umzüge in den Kibbuzim, die nicht selten Traktoren und dergleichen beinhalteten, die Heiligkeit des Schawuotfeiertags entweihten. Während des Zweiten Weltkriegs kam der neu geborene Brauch etwas ins Stocken, um dann nach Kriegsende und insbesondere nach der Staatsgründung gross aufzublühen. Bis in die späten siebziger Jahre hinein führten Kibbuzim und Moschawim besagte Erstlingsfrucht-Zeremonien durch, in den achtziger und neunziger Jahren jedoch kamen viele Kibbuzim in finanzielle Nöte und mussten die Feierlichkeiten abbauen. Seit den neunziger Jahren wird besagter Brauch verschiedenenorts in Israel für zahlende Gäste und Touristen abgehalten, während das eingenommene Geld nicht mehr dem KKL oder anderen gemeinnützigen Institutionen weitergereicht wird, sondern in der Kasse des jeweiligen Organisationskomitees landet.

Es stimmt wohl etwas traurig, dass dieser an sich wunderschöne Brauch, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts mit einem solch gesunden idealistischen Stolz begann, in einem kleinen kapitalistischen Eckchen sein Ende gefunden zu haben scheint. Ein symptomatisches Abbild der israelischen Gesellschaftsentwicklung vom reinen kollektiven Pioniergeist zum materialistischen Kapitalismus? Auf der anderen Seite wird Schawuot in der streng orthodoxen Gesellschaft in Israel wie zu Diaspora-Zeiten in der rein geistigen Form begangen, während man zum in der Thora formulierten Ursprungsgedanken von Schawuot als Festtag der Ernte und der Erstlingsfrüchte im Heiligen Land keinen praktischen Bezug aufzubauen imstande zu sein scheint.

Es wäre zu wünschen, dass die säkulare Gesellschaft Israels den physischen Aufbau des Landes in nicht zu materialistische Bahnen gleiten lässt und die materielle Dimension mit geistigen und jüdischen Komponenten bereichern kann. Auf der anderen Seite wäre es an der Zeit, dass die streng orthodoxe Gesellschaft nicht nur am geistigen, sondern auch am physischen Aufbau des jüdischen Staates – und nicht nur auf der landwirtschaftlichen Ebene – vermehrt und aktiv teilhat. Und dies gilt nicht nur für Schawuot, sondern für sämtliche 52 «Schawuot» des Jahres.





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