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6. Juni 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 23 Ausgabe: Nr. 23 » June 6, 2008

Die Minjanim laufen der ICZ den Rang ab

June 6, 2008
Der Schabbat-Gottesdienst in der Synagoge der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich zieht verhältnismässig wenig Besucher an. Vor allem die Jugend bleibt den Gottesdiensten fern, während sich die Minjanim grösster Beliebtheit erfreuen.
<strong>Israelitische Cultusgemeinde Z&uuml;rich </strong>Konkurrenz durch starke Minjanim

Als in den letzten Wochen in der Synagoge der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) mit Rabbiner Mordechai Piron und Kantor Moshe Schulhoff zwei besondere Gäste den Schabbat-Gottesdienst bereicherten, war die Synagoge an der Löwenstrasse ausnahmsweise fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Als Kantor Schulhoff im Duett mit Marcel Lang sang, kam bei den Betenden eine feierliche Stimmung auf und die Gemeinde beteiligte sich aktiv am Gebet. Ein ganz anderes Bild präsentiert sich allerdings an den «normalen» Wochenenden, an denen der Gottesdienst in gewohntem Rahmen verläuft. Die Synagoge ist dann jeweils eher spärlich besucht und nur sehr wenige Jugendliche nehmen teil.

In Zürich finden an über einem Duzend Orten Schabbat-Gottesdienste statt, welche im Gegensatz zum Gottesdienst der ICZ einen grossen Zulauf verzeichnen können. Vor allem im Minjan Wollishofen, aber auch im Minjan Brunau oder den Chabad-Minjanim trifft man auf zahlreiche ICZ-Mitglieder.

Zu wenig regelmässige Besucher

Auf diese Situation angesprochen, verweisen die ICZ-Verantwortlichen ebenso wie die Betenden auf den Nachteil des Standortes der Synagoge. So wohnen die meisten Gottesdienst-Besucher in der Nähe eines Minjans und weit entfernt von der Synagoge. Doch das Problem liegt auch in einem Mangel an Solidarität der Synagogenbesucher dem Gebet gegenüber, wie ICZ-Rabbinats-Assistent Arik Speaker gegenüber tachles meint. Viele Besucher der ICZ-Synagoge kommen gerne, wenn aussergewöhnliche Gäste am Gottesdienst teilnehmen oder zu speziellen Anlässen wie Feiertagen und Familienfesten in die Synagoge. Doch um einen gut funktionierenden und regelmässig stattfindenden Gottesdienst zu etablieren, wäre es wichtig, dass diese Leute auch an «normalen» Schabbatot in die Synagoge kämen, wie Speaker erklärt. Dieses Gefühl der Solidarität dem Gottesdienst gegenüber will Rabbiner Speaker – der vor allem für die Jugendarbeit engagiert wurde – in einem stetigen Prozess wieder aufleben lassen. Zu diesem Zweck sei es natürlich wichtig, weitere Anlässe in der Synagoge zu veranstalten. Daneben will man die bereits einmal erfolgreich durchgeführte Jugend-Tefila öfters durchführen. Auf diese Weise sollen Jugendliche angesprochen werden, die zwar regelmässig zum Gebet gehen, aber eben in den besagen Minjanim und nicht in der ICZ-Synagoge. Die Jugend-Tefila findet in lockerer Atmosphäre statt und beinhaltet gemeinsames Singen und Tanzen.

Doch fast noch wichtiger wäre es für die ICZ, Mitglieder anzuziehen, welche bis jetzt selten oder gar nie an einem gewöhnlichen Schabbat zum Gebet erscheinen. Gemäss ICZ-Co-Präsident André Bollag ist es wichtig, dass die Synagoge ihre Funktion als Begegnungsstätte wahrnimmt. Dies kommt zurzeit aber nur während speziellen Anlässen zum Tragen. Auch Speaker will Leute, die selten zum Gottesdienst kommen, vermehrt ansprechen. Ihm schwebt die Idee eines «Gebets-Tutorial» vor. In einem begleiteten Gottesdienst mit Erklärungen zu den Riten, Gebeten und Abläufen würden weniger erfahrene Synagogengänger langsam ins Gebet eingeführt. Auf diese Weise soll auch Freude am Gebet geweckt werden.

Starke Minjanim

In der aktuellen Situation tut die ICZ gut daran, neue Besucher anzusprechen. Denn der Erfolg der Minjanim, welche im Gegensatz zur Gemeinde ihren Gottesdienst vor allem aufs Gebet ausrichten, scheint in näherer Zukunft nicht abzunehmen. Der Erfolg scheint aber längst nicht nur vom geografischen Vorteil herzurühren. So sieht Jonny Kremer, Präsident des Minjan Brunau, die Beliebtheit seines Minjan auch als Folge der «heimischen» Atmosphäre. Das Gebet würde «gelebt» und nicht «abgedawenet», und ausserdem ist das Minjan Brunau äusserst familienfreundlich. Auch der Präsident des Minjan Wollishofen, Fredi Bloch, sieht ähnliche Vorteile bei seinem Minjan, in welchem fast 90 Prozent der Betenden Mitglieder in der ICZ sind. Er weist auf das ausgeprägte Zusammengehörigkeitsgefühl in Wollishofen hin. Durch dieses steigt auch die Solidarität und das Verantwortungsbewusstsein der Mitglieder und vor allem der Jugend. Diese spielt in Wollishofen mit ihrem grossen Einsatz für das Minjan und ihrer regen Beteiligung am täglichen Betrieb eine tragende Rolle.

Doch warum wollen Jugendliche und junge Erwachsene nicht in der ICZ-Synagoge beten? Nebst dem bequemeren Standort der Minjanim nennen die Jugendlichen diverse weitere Gründe. So ist vielen das Gebet in der ICZ schlicht zu lang. Und auch der Stil des Gebets sagt vielen Jugendlichen nicht zu. Diese Argumente nennt auch Dan Rosenblatt, der im Minjan Wollishofen betet und in der ICZ Mitglied ist. «Ausserdem besucht hier ein Grossteil meines Freundeskreises den Gottesdienst», meint Rosenblatt. Es ist wohl auch diese Gruppendynamik, die Jugendliche und Erwachsene stark an ihre Minjanim bindet. Daher dürfte es für die ICZ auch praktisch unmöglich sein, den Minjanim Leute abzuwerben. Dazu kommt eben, dass sich die Minjan-Besucher oft wenig für den Gebetsstil der ICZ begeistern können. Die wöchentliche Predigt und der Chor schrecken viele ab. Und auch wenn Kantor Marcel Lang es besser denn je schafft, das Gebet so zu gestalten, dass es zum Mitmachen anregt, fehlt vielen doch eine gewisse Wärme. Dies nicht zuletzt, weil die Betenden sich meist nur sehr beschränkt zum Mitmachen animieren lassen.

Veränderungen ins Auge fassen

Am Gebet selbst sieht Rabbiner Speaker keinen Veränderungsbedarf. Die aktuelle Form entspreche dem Publikum. Und damit hat er wohl Recht. Denn wie die meisten Minjan-Besucher angeben, würden sie auch bei einer attraktiveren Tefila nur sporadisch in die ICZ-Synagoge gehen. «Der geografische Vorteil wiegt eben trotz allem schwer», sagt Beni Witztum, Familienvater und regelmässiger Minjan-Gänger. Die geschichtliche Entwicklung und die erwähnten Argumente haben dazu geführt, dass man sich an sein jeweiliges Minjan gewöhnt hat.

Um seine Attraktivität zu steigern, wäre es aber trotz allem eine Überlegung wert, den ICZ-Gottesdienst an einen günstigeren Standort zu verlegen. «Diese Möglichkeit muss sicher auch in Erwägung gezogen werden» meint Bollag dazu. Doch tut die ICZ wohl vor allem gut daran, jene Gruppe von Leuten, die bisher selten in die Synagoge kommen, ins Visier zu nehmen. Mit den von Präsident Bollag und Rabbiner Speaker angesprochenen Ideen und Anlässen wird es sicher möglich sein, diese Gruppe anzuziehen. Es sollte erreicht werden, dass diese Leute auch an den «normalen» Schabbatot anwesend sind – sei es aus Freude oder vielleicht vorerst nur aus Solidarität der Gemeinde und dem Gottesdienst gegenüber. Wenn der Gottesdienst in der ICZ-Synagoge längerfristig Jugendliche und junge Erwachsene anziehen soll, so muss sich die ICZ eventuell doch überlegen, an der Gestaltung des Gottesdienstes etwas zu ändern. Denn das Image des etwas altmodischen und langfädigen Gebetes, das dem ICZ-Gottesdienst aktuell bei den Jugendlichen anhängt, würde wohl auch allfällige neue Besucher bald wieder abschrecken.

Uri Rothschild


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