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6. Juni 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 23 Ausgabe: Nr. 23 » June 6, 2008

Bikerboom im Bibelland

June 6, 2008
Immer mehr Menschen im jüdischen Staat treten in die Pedale. Was vor zehn noch Jahren undenkbar war, entwickelt sich heute zum Trend.
Ein neuer Trend Die Bevölkerung und der Tourismus in
Israel entdecken den Radsport neu

Spötter in Israel behaupten, im jüdischen Staat Rad zu fahren sei lebensgefährlich. Nicht wegen der Terroranschläge, sondern wegen der rücksichtslosen Autofahrer. Wer das Land im Sattel erkundet, macht ganz andere Erfahrungen. Israel ist speziell im Frühjahr ein Dorado für Biker. Dennoch: Von den meisten Israeli werden Männer wie Eitan Hevrony nur milde belächelt. Der 38-jährige Mitarbeiter des staatlichen israelischen Statistikamts schwingt sich trotzdem in fast jeder freien Minute auf den Drahtesel. Zusammen mit seinen Freunden vom Samson Riders Bike Club startet der braungebrannte Mann beim Mountainbikerennen in den jüdäischen Bergen. Zudem veranstalten die Männer in kurzen Hosen Strassenrennen. Während der heissen Sommermonate treffen sie sich zu Mitternachtstouren bei Mondschein in der Wüste.

Wachsende Zahl an Radfahrern

Das Provinzstädtchen Beit Shemesh, etwa 40 Kilometer südwestlich von Jerusalem, das weltliche Israeli allenfalls wegen der religiösen Bewohner kennen, wollen die Radfahrer zum «Hauptort des Radfahrens in Israel» machen, erzählt Hevrony, kurz nachdem er die Ziellinie des Mountainbikerennens im Britain Park nahe zur Hadassa erreicht hat. Der zweifache Familienvater betreibt nebenberuflich ein Internetportal und will, wenn alles nach Plan läuft, eines Tages nur noch vom und fürs Radfahren leben. Die Zahl der begeisterten Radfahrer in Israel wächst stetig. Im Jahr 2001 wurden Räder im Wert von etwa zwölf Millionen US-Dollar importiert, 2007 hat sich die Summe bereits verdoppelt. Jährlich werden in das Land im Nahen Osten, in dem etwa sieben Millionen Menschen leben, gut 300 000 Räder importiert. In der quirligen Mittelmeerstadt Tel Aviv eröffnen immer mehr Fahrradläden. Vielerorts kann man Räder ausleihen, auch in kleineren Städtchen. Manche Händler nehmen ein gekauftes Rad nach zwei, drei Wochen zu einem garantierten Festpreis zurück. Der populäre Reiseführer «Lonely Planet» schreibt, das Fahrrad biete in Israel grossartige Möglichkeiten, herumzukommen.

Das Land vollzieht zurzeit ganz offenkundig einen Wandel. Immer mehr Männer, Frauen und Jugendliche setzen aufs Fahrrad. Das war vor zehn Jahren noch undenkbar. Nicht nur in Tel Aviv entstehen Radwege, sondern auch parallel zu den Fernstrassen, etwa im Norden zwischen Haifa und der libanesischen Grenze. Viele Arbeitnehmer in Tel Aviv machen es wie Shlomo Levi. Der Kameramann des israelischen Fernsehens ist im Ballungsraum Tel Aviv, wo mehr als drei Millionen Menschen leben, fast ausschließlich mit dem Rad unterwegs. Die Strassen sind nämlich fast rund um die Uhr total verstopft. Auf der kilometerlangen Strandpromenade geht es mehr um das Sehen und Gesehenwerden – nun auch für die Radler. Auf diesem eigentlich für Fussgänger konzipierten Boulevard stellen sich die Zweiradpiloten zur Schau, viele in knallbunten Kostümen. Sie sitzen im Sattel voll gefederter, geländetauglicher Räder, die man in Tel Aviv so ganz sicher nicht braucht.

Israel bietet alles

Die Tourismusbranche hat den Trend entdeckt. Viele Geschäftsleute wollen einen Teil jener Reisenden aus aller Welt nach Israel lotsen, die mit ihren Trecking- oder ihren Rennrädern schon ungezählte Länder durchquert haben. Israel, sagen sie, biete alles – und das auf engstem Raum. Israelische wie deutsche Veranstalter haben geführte Radreisen mit Gepäcktransport im Programm, zum Beispiel die Organisation Biblische Reisen aus Stuttgart. Bei Autovermietern kann man Wagen mit Fahrradträger bekommen. Einige Besitzer von Pensionen verleihen Räder oder führen ihre Gäste im Sattel zu den schönsten Flecken, so auch Menchem Schreiber im Wüstenstädtchen Mizpe Ramon.

Nach dem Vorbild des Wanderwegs Isarel-Trail soll bis 2010 ein Trans-Israel-Radweg fertig sein, der von den Golanhöhen entlang der Mittelmeerküste bis in den Süden nach Eilat führen wird. Die etwa 1000 Kilometer sollen die Radfahrer, je nach Kondition, in zehn bis 30 Tagen schaffen können. Wer die sportliche Herausforderung sucht, der kann sich bereits heute, auch ohne Radweg, im Norden über die Golanhöhen quälen. Die allermeisten Strassen in diesem Gebiet nahe der syrischen Grenze sind bestens ausgebaut, und einige sind nachts sogar hell beleuchtet. Autofahrer und Zweiradfahrer kommen sich kaum ins Gehege, das Verkehrsaufkommen ist gering, jedenfalls unter der Woche. Man kann lange Zeit in die Pedale treten, ohne auch nur einem einzigen Fahrzeug zu begegnen.

Vom Radsport leben

Die etwa 50 Kilometer von den Golanhöhen in Richtung Süden bis zum See Genezareth fahren sich fast wie von allein, es geht meist bergab, mitunter richtig steil. Das Radeln am Ufer des Sees ist weit weniger schweisstreibend als auf den Golanhöhen, die Strassen sind eben. Der See liegt etwa 200 Meter unter dem Meeresspiegel, es kann schon Anfang März sehr warm sein. Wasser sollte jeder Radler in Israel immer ausreichend im Gepäck haben. Wer keine Lust mehr aufs Radfahren hat, der kann ganz bequem auch in kleineren Orten in den Bus umsteigen. Es ist kein Problem, die Räder im Gepäckabteil der Busse mitzunehmen.

Für Eitan Hevrony und die Samson Riders ist Radfahren in Israel weit mehr als ein sportliches Hobby. Der Club veranstaltet Wohltätigkeitswettbewerbe und Orientierungsfahrten mit Karte und Kompass. Zudem hat der Verein jüngst ein sogenanntes Koexistenzprojekt gestartet. Zehn jüdisch-israelische und zehn muslimische Jugendliche treffen sich zu gemeinsamen Ausfahrten. Zunächst hätten sich die Teilnehmer ziemlich misstrauisch beäugt, erzählt Hverony. «Aber durch das gemeinsame Radfahren ist das Eis schnell gebrochen». Mindestens einen dieser Jugendlichen wollen die Samson Riders zu einem echten Radrennfahrer machen. Ausserdem werden die Männer von Fahrradmechanikern angeleitet, und die Besten könnten damit rechnen, später einmal ihr Hobby zum Beruf zu machen und vom Radsport zu leben. So, wie es auch Eitan Hevrony im Sinn hat.

Martin Tschepe

Weitere Informationen unter www.bikeisrael.com und www.s-riders.org.il.





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