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5. Juni 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 6 Ausgabe: Nr. 6 » June 5, 2008

Namen sind Botschaften

Monica Strauss, June 5, 2008
Das kulturelle Leben in den USA hängt traditionell von der Grosszügigkeit privater Spender ab. Dabei mussten jüdische Philanthropen zunächst auch in New York damit rechnen, dass ihr Geld gerne angenommen, ihnen aber öffentliche Anerkennung verweigert wurde. Heute kann davon keine Rede mehr sein.

Von Monica Strauss

Als die «New York Times» im Jahr 1912 die Verdienste der Persönlichkeiten rühmte, die sich als Mäzene um das kulturelle Leben der Stadt besonders verdient gemacht hatten, schrieb das Blatt: «Es ist gar nicht vorstellbar, wie es ohne diese Männer um die sogenannten öffentlichen Aktivitäten in New York stehen würde.» Die «Times» nannte unter anderem die prominenten Bankiers Isaac Newton Seligmann, Felix Warburg und Jacob Schiff. Sie alle waren deutsch-jüdischer Abstammung. Schiff (1847–1920) war vermutlich der bedeutendste Philanthrop seiner Ära überhaupt. Er hat jüdische ebenso wie säkulare Zwecke gefördert.

Schiff selbst war jedoch ganz und gar nicht glücklich über die Aufmerksamkeit der Zeitung. Er war fest von dem talmudischen Leitsatz überzeugt, dass derjenige, der im Stillen gibt, doppelt gesegnet ist. So war sein Name nicht auf den Gebäuden zu finden, die seine Spenden ermöglicht hatten. Schiff hat so bedeutende Institutionen wie das Jewish Theological Seminary oder den YMHA unterstützt, den Verein junger hebräischer Männer, der 1854 in Baltimore gegründet wurde und heute unter anderem das populäre Gemeindezentrum «92nd Street Y» in Manhattan betreibt. Zudem war er Förderer des Semitic Museum an der Harvard University und des Israel Institute of Technology in Haifa. Schiff war sich indes nicht der Konsequenzen bewusst, die Anonymität haben kann, und er konnte auch nicht ahnen, dass der Name eines Philanthropen auf einem Gebäude auch anderen Zwecken dient als der Glorifizierung des Spenders.

Diskriminierung der Spender

Ein gutes Beispiel für die Probleme, mit denen jüdische Mäzene zunächst in den USA konfrontiert waren, ist in der Geschichte des Barnard College in Manhattan zu finden. Die renommierte, der Columbia University angegliederte Lehranstalt wurde 1889 gegründet. Schiff fungierte dort als erster Schatzmeister. Dass die bis heute allein Frauen vorbehaltene Universität überhaupt entstehen konnte, ist Anne Nathan Meyer (1867–1951) zu verdanken. Die sephardische New Yorkerin war mit einem erfolgreichen Arzt verheiratet. Es gelang ihr, jüdische und christliche Förderer zu gewinnen, aber der Vorstand der Columbia University lehnte ihr Vorhaben, eine Frauen-Universität im Verband mit der Columbia University zu gründen, zunächst ab. Erst als Meyer vorschlug, das neue College nach dem eben verstorbenen Präsidenten der Columbia University, Frederick A. P. Barnard, zu benennen, liessen sich ihre Gegner von der Idee überzeugen.

Anne Nathan Meyer blieb dem Barnard College ihr Leben lang verpflichtet. Viele Jahre später wurden das College und seine Freunde erneut mit der Frage konfrontiert, wie ein grosszügiger Spender angemessen gewürdigt werden sollte. Im Jahr 1915 wandte sich das Barnard College an Jacob Schiff und bat ihn um Unterstützung für ein dringend benötigtes Studentenzentrum. Im Andenken an das 25-jährige Bestehen der Lehranstalt und an das 50. Jubiläum seiner Einwanderung in die USA machte Schiff ein Geschenk von 500?000 Dollar. Der Bankier war als 18-Jähriger mittellos aus Frankfurt nach New York gekommen, hatte jedoch als Spross einer alten Rabbinerfamilie über gute persönliche Beziehungen verfügt, die seinen Start in der neuen Welt erleichtert hatten. Die Barnard-Verwaltung nahm die für damalige Verhältnisse beträchtliche Summe dankend an, hielt sich jedoch mit der öffentlichen Anerkennung zurück. So erinnert nur eine kleine Plakette im Boden der Eingangshalle an Schiff und seine Spende.

Als der Bankier im September 1920 starb, wurde das Gebäude «Students Hall» genannt, einen offiziellen Namen hatte es nicht. Dabei war im Gesims eine Stelle für einen Namen vorgesehen, doch diese blieb leer. Anne Nathan Meyer war sich der Signalwirkung bewusst, die ein jüdischer Name an einer solch prominenten Stelle auf Generationen von Mädchen haben würde. So warb sie dafür, Schiff posthum zu würdigen. Doch die Begeisterung des Columbia-Vorstandes hielt sich erneut deutlich in Grenzen – das Barnard College war ohnehin besonders bei jüdischen Mädchen sehr beliebt und das behagte vielen nicht. So machte der Vorstand der unangenehmen Diskussion ein Ende, indem er das Gebäude mit der schwachen Begründung, dies diene der Orientierung der Besucher, schlicht «Barnard Hall» nannte.

Obwohl er sehr darauf hielt, den Umfang seiner bedeutenden Spenden verborgen zu halten, stiess sich Schiff doch daran, wenn er spürte, dass die Empfänger sich dafür nicht erkenntlich zeigten, weil er jüdisch war. Er musste damit zurechtkommen, dass Juden zwar als Mäzene willkommen waren, aber durchweg von der Mitsprache über die Verwendung ihrer Spenden ausgeschlossen blieben. So bemühte sich Schiff wiederholt, in den Columbia-Vorstand aufgenommen zu werden, doch ungeachtet seiner bedeutenden Zuwendungen wurde er ein ums andere Mal negativ beschieden. Diese Diskriminierung gegen Juden seitens kultureller Institutionen wog schwerer für ihn als die damals noch übliche, allgemeinere Ausschliessung der Juden vom gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben in Amerika: «Wenn das Vorurteil der Quelle entspringt, dann muss es zwangsläufig Wirkung zeigen, wo auch immer der Strom hinfliesst. Und der Ausfluss dieser Quelle ist der Geist, der den Hebräer in stillschweigender Übereinkunft von den Vorstandszimmern des Columbia College, der öffentlichen Museen und Büchereien und vieler ähnlicher Institutionen fernhält, die Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein nehmen», so Schiff.

Unterschiedliche Biografien

Bis heute ist es unter jüdischen Unternehmern und Geschäftsleuten Brauch, ihren wirtschaftlichen Erfolg zum Anlass dafür zu nehmen, ihr Geld wieder wegzugeben. Jüdische Philanthropen zählen zu den aktivsten Mitgliedern der Vorstände kultureller Einrichtungen. Nach der grossen Depression und dem Zweiten Weltkrieg löste sich die Vorherrschaft der protestantischen Eliten in den Universitäten, Bibliotheken und anderen Institutionen auf. Heute könnte man sogar sagen, dass sich die soziale Hierarchie New Yorks nicht mehr nach Herkunft und Familie richtet, sondern danach, welchen Vorständen man angehört. Die Mitglieder der Fördervereine der diversen Institutionen tun sich nicht nur mit ihren Spenden hervor, sondern sie (und ihre Gattinnen) wirken an den Veranstaltungen mit, auf denen Geld für einen guten Zweck gesammelt wird. Diese Bälle, Cocktailpartys und Gala-Dinners bringen nicht nur beträchtliche Summen ein, sondern auch die Aufmerksamkeit der Medien und signalisieren damit den sozialen Status der Beteiligten.

Exemplarisch für jüdische Philanthropie ist die New York Public Library an der 42. Strasse. Der grosse Lesesaal der öffentlichen Bücherei mit seinen über 600 Plätzen war lange in einem schlechten Zustand, ehe die Familie Rose die Mittel für eine Restauration bereitgestellt hat. Seither trägt der Saal den offiziellen Namen Deborah, Jonathan, F. P. Samuel Priest and Adam Raphael Rose Main Reading Room. Damit werden die Kinder von Sarah Priest Rose und Frederick Phineas Rose geehrt. Im gleichen Gebäude wurde das Dorothy and Lewis Cullman Center for Scholars and Writers eingerichtet, das Mittel für 15 glückliche Stipendiaten verleiht, die jeweils ein Jahr lang ein eigenes Büro in der Bibliothek beziehen und dort Zugang zu den Beständen finden. In den kommenden Jahren wird die gesamte Institution in Schwarzman Public Library umbenannt werden, da der Finanzier Stephen A. Schwarzman der Bibliothek 100 Millionen Dollar gestiftet hat – eine der bedeutendsten Spenden an eine kulturelle Institution in der Stadtgeschichte. Vor diesem Hintergrund ist es nur naheliegend, dass die Bücherei auch «Werbefläche für Philanthropen» genannt wird.

Dabei sind die Biografien der mit der Bücherei verbundenen jüdischen Philanthropen so unterschiedlich wie deren wirtschaftliche Aktivitäten. Nicht wenige unter ihnen sind als Erste in ihrer Familie zu Reichtum gekommen. Der Investmentbanker und Gründer der Blackstone Group Stephen Schwarzman stammt aus einer Mittelklasse-Familie im Umland von Philadelphia. Sein Vater betrieb einen Laden für Handtücher und Bettzeug. Schwarzman sitzt nicht nur im Vorstand der Public Library, er ist auch im New York City Ballet aktiv und Vorstandvorsitzender beim John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington. Dort teilt er sich gelegentlich eine Loge mit Präsident George W. Bush.

Namentlich verewigt

Lewis Cullman ist der jüngste Sohn einer Familie, die ihr Vermögen im Tabakgeschäft verdient hat. Cullman wollte sein Glück jedoch auf eigene Faust machen und wurde zu einem Pionier der «fremdfinanzierten Übernahme» von Unternehmen (leveraged buyout). Sein grösster Coup war der Erwerb eines Kalender-Verlages für wenige Millionen Dollar, den er einige Jahre später für 550 Millionen Dollar wieder verkaufen konnte. Der Presse gegenüber zitiert Cullman gerne seine Mutter: Die habe ihm die Augen dafür geöffnet, dass ein Philanthrop das grösste Vergnügen darin finden kann, sein Geld schon zu Lebzeiten zu stiften. So sitzt Cullman heute unter anderem in den Gremien des Metropolitan Museum of Art, des Museum of Modern Art und des Botanischen Gartens von New York.

Die Rose-Familie ist seit den zwanziger Jahren im Immobiliengeschäft tätig und kontrolliert heute seit ihren Anfängen in der Bronx 31?000 Wohnungen sowie Liegenschaften in bester Lage überall im Grossraum New York. Der 1999 gestorbene Frederick Phineas Rose aus der zweiten Generation der Dynastie hat etwa 100 Millionen Dollar für gute Zwecke gestiftet. Seine Nachfahren führen diese Tradition fort.

Obwohl etwa die Public Library sich ohne Scheu mit den Namen prominenter Spender schmückt, kann diese Praxis auch heute noch für Probleme sorgen – wenn auch ganz anderer Natur als zu den Zeiten von Jacob Schiff. So kann es durchaus vorkommen, dass ein Philanthrop eine Spende davon abhängig macht, ob und wie prominent sein Name zur Schau gestellt wird. So hat der Immobilienunternehmer Samuel LeFrak dem Guggenheim Museum vor einigen Jahren zehn Millionen Dollar versprochen, wenn sein Name auf dem berühmten Rundbau erscheinen würde. Aber die New Yorker Denkmalschutz-Kommission hat dies mit dem Verweis auf die mögliche Beeinträchtigung der Architektur dieses Wahrzeichens der Stadt abgelehnt. LeFrak hat seine Offerte daraufhin zurückgezogen. Ganz anders die New York Public Library: Die dankbare Institution will Schwarzmans Namen an fünf Stellen auf dem Gebäude anbringen lassen. Der Entscheid war erst stark umstritten, wurde aber letztlich von der Denkmal-Kommission abgesegnet. Diese hat jedoch Erkundigungen darüber eingeholt, ob Schwarzman selber die ostentative Würdigung verlangt hat. Der Finanzier fühlte sich zu der öffentlichen Erklärung genötigt, er habe dies nicht gewünscht, sondern einem Vorschlag des Bibliotheks-Präsidenten Paul Le Clerc zugestimmt.

Lewis Cullman hat keinerlei Bedenken, seinen Namen überall in der Stadt zu sehen, etwa auf dem Lewis B. and Dorothy Cullman Education and Research Building des Museum of Modern Art und der Dorothy and Lewis B. Cullman Hall of the Universe im Museum of Natural History. In seinem Buch über das Philanthropentum «Can't Take it With You: The Art of Making and Giving Money» schreibt Cullman: «Ich bin über die Jahre zu der Überzeugung gekommen, dass ein grosses Engagement durchaus nach einer kleinen Anerkennung verlangt.» So ist in den Schenkungsvereinbarungen Cullmans mit verschiedenen Institutionen festgeschrieben, dass die Namen nicht entfernt werden: «Allzu viele Institutionen haben die Angewohnheit, Gebäude für neue Generationen von Spendern umzubenennen. Wenn eine Einrichtung nach unserem Ableben die Namen von mir und meiner Frau Dorothy von ihrer Fassade reissen will, dann sollten sie einen verdammt guten Anwalt für diesen Treuebruch bereit haben», so Cullman pointiert.

Jacob Schiff hätte sich über ein geringes Mass der heute gebräuchlichen Anerkennung gefreut. Dieser Tage lernen und wohnen Barnard-Studenten in Gebäuden mit Namen wie Lehman, Altschul und Sulzberger. Als die Verfasserin dieser Zeilen das College in den frühen sechziger Jahren besuchte, war die Erinnerung an den Stifter der Barnard Hall auf einen Ausdruck geschrumpft, den Studentinnen zu benutzen pflegten, wenn sie sich im Eingang des Gebäudes verabreden wollten. Wir sagten: «Lasst uns auf Jake treffen», aber ich hatte in meinen vier Jahren am Barnard College nicht die geringste Ahnung, dass damit die kleine, im Fussboden eingelassene Tafel mit dem Namen von Jacob Schiff gemeint war.





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