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5. Juni 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 6 Ausgabe: Nr. 6 » June 5, 2008

Kultur des Gebens

June 5, 2008

In Bronze gegossen, in Glas geätzt, in Stein geschlagen: Namen, die in langen Listen verewigt werden, sind in den USA in jeder kulturellen Institution und jeder Gemeindeeinrichtung zu finden. Bürger und Unternehmen demonstrieren ihren Gemeinsinn im Lande durch Spenden an öffentliche Büchereien und Krankenhäuser, und New York wäre niemals zu einer globalen Kulturmetropole geworden, wenn die gesellschaftlichen Eliten sich nicht für Museen, Opernhäuser und Theater engagieren würden. Heute ist eine Millionen-Donation so etwas wie ein Eintrittsticket in die High Society. Zumindest öffentlich nimmt niemand Anstoss daran, wenn ein besonders grosszügiger Sponsor seinen Check davon abhängig macht, ob sein Name in riesigen Lettern an einer Aussenfassade angebracht wird und nicht auf der dezenten Tafel im Eingangsbereich.

Wie unsere New Yorker Kollegin Monica Strauss berichtet, war dies nicht immer so. Obwohl die Presse um 1900 bereits den ausserordentlichen Beitrag rühmte, den jüdische Unternehmer und Bankiers wie Jacob Schiff etwa zum Bau von Hochschulen leisteten, verweigerte der Vorstand der Columbia University dem erfolgreichen Immigranten aus Deutschland nicht nur ein Mitspracherecht bei der Verwendung der Mittel, sondern auch eine namentliche Würdigung. Die Komplexität des Themas Philanthropie, das wir in dieser Ausgabe unter jüdischem Vorzeichen betrachten, wird daran deutlich, dass Schiff eigentlich überhaupt nicht wollte, dass seine Spenden an die grosse Glocke gehängt werden. Er steht damit in einer jüdischen Tradition, die bis heute ungebrochen ist und auch bei den Recherchen zu dieser Ausgabe evident wurde: Es ist nicht leicht, bedeutende Mäzene zu einem Gespräch über ihre Aktivitäten zu gewinnen. Sie wollen im Stillen wirken, die Sache in den Mittelpunkt rücken und nicht sich selbst. Aber es hat Jacob Schiff tief gekränkt, dass es die angelsächsischen Spitzen der New Yorker Gesellschaft offensichtlich als peinlich empfanden, jüdisches Geld anzunehmen.

Dass Geld auch in der Philanthropie nicht alles ist, zeigt eine Begegnung mit Ruth Westheimer, die als Sex-Expertin «Dr. Ruth» längst in die amerikanische Popkultur eingegangen ist. Die in Frankfurt geborene Therapeutin begeht in diesen Tagen ihren 80. Geburtstag und fördert ihre Anliegen durch persönliches Engagement in Vereinen und Auftritte auf Spenden-Galas. Sie kann sich darüber freuen, «in ganz Manhattan, vom Norden bis zum Süden», philanthropische Spuren hinterlassen zu haben, und gleicht damit der Familie Jesselson, die seit den fünfziger Jahren in paradigmatischer Weise als jüdische Mäzene aktiv ist. Nördlich von Manhattan zeugt die bedeutende modern-orthodoxe Tagesschule SAR Academy von der Überzeugung dieser Familie, dass die Zukunft des Judentums von robusten kulturellen und sozialen Institutionen abhängt, während die Insel selbst von der Yeshiva University über die Metropolitan Opera bis zum Center for Jewish History zahlreiche Einrichtungen aufweist, zu denen sie beigetragen haben. Wie Schiff legen die Jesselsons keinen Wert auf Publicity. Sie wollen andere zum Mitmachen gewinnen und betrachten ihr Mäzenatentum nicht als «Angelegenheit für den Feiertag», sondern als integralen und selbstverständlichen Teil ihres Alltags.

Diese Motive sind auch bei der Schauspielerin Natalie Portman (Bild) zu finden, deren Philanthropie der «New York Times»-Autor James Traub beschreibt. Im Gegensatz zu vielen anderen Stars, die Mäzenatentum vor TV-Kameras als Teil ihres «Brandings» betrachten, engagiert sich Portman geduldig und bei jeder Gelegenheit für die Stiftung Finca, die sich der wenig glamourösen Vergabe von Mikrokrediten an Frauen in der Dritten Welt widmet.

Philanthropie ist bereits in den jüdischen Quellen veranlagt, aus der sozusagen die Kultur des Gebens entstand, wie Valerie Doepgen in ihrem Text aufzeigt. Sie beschreibt, wie etwa in Europa und explizit Deutschland das Mäzenatentum letztlich das Eintrittsticket in die Gesellschaft unter anderen Vorzeichen wurde.





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