Investition in Leute mit Ideen
Von Jacob Berkman
In der Philanthropie macht sich ein neuer Trend bemerkbar, dem sich jüngst eine der bedeutendsten jüdischen Stiftungen der USA angeschlossen hat. Die Avi Chai Foundation verwaltet ein Stiftungskapital von 700 Millionen Dollar und hat dieser Tage erstmals sogenannte Avi Chai Fellowships in der Höhe von insgesamt 1,15 Millionen an sechs junge jüdische Persönlichkeiten ausgeschüttet, weil die New Yorker Institution von ihren innovativen Ideen überzeugt ist. Üblicherweise sind Stiftungen sehr darauf bedacht, den Einsatz ihrer Donationen zu kontrollieren. Aber vier einzelne Aktivisten und ein Duo erschienen Avi Chai vertrauenswürdig genug, um ihnen auf drei Jahre 75?000 Dollar per anno anzuvertrauen, ohne ein bestimmtes Ergebnis zu erwarten. Obwohl die Empfänger jeweils genau umrissene Projekte eingereicht haben, überlässt die Stiftung die Verwendung der Mittel fast vollständig ihnen.
Avi-Chai-Geschäftsführer Yossi Prager erklärt: «Wir suchen Leute mit eigenen Ideen, die unternehmungslustig sind und Dinge bewegen können – Persönlichkeiten, die den Bruch mit Konventionen nicht scheuen.» So investiert Avi Chai nicht in Institutionen, sondern in Menschen, die Projekte erfinden und anschieben. «Die Empfänger unserer Zuwendungen arbeiten allesamt an laufenden Unterfangen, aber darin sind wir nicht in erster Linie interessiert. Wir betrachten diese Projekte nur als Indizien dafür, dass in unseren Preisträgern noch sehr viel mehr steckt. Wir investieren in sie, damit sie grosse Träume entwickeln und diese auch umsetzen können», so Prager weiter.
Die Preisträger sind: Ariel Beery und Aharon Horwitz aus New York und Jerusalem teilen sich eine Beihilfe, um ihr PresenTense Institute of Creative Zionism voranzubringen. Das Projekt will jüdische Kreativität fördern, indem es weltweit in Städten mit bedeutenden jüdischen Gemeinden Orte schafft, an denen Juden leben, arbeiten und miteinander kooperieren können. Betsy Dolgin Katz aus Chicago, die Nordamerika-Direktorin der Florence Melton Adult Mini-School, soll ein Handbuch für die jüdische Erwachsenenbildung schreiben. Der New Yorker Rabbiner Elie Kaunfer, Mitgründer und Geschäftsführer von Mechon Hadar, einem Netzwerk egalitärer und traditioneller Minjanim, ist ein weiterer Preisträger. Das Netzwerk will eine Vollzeit-Jeschiwa für Erwachsene gründen. Rabbiner Dov Linzer, Direktor des progressiv-orthodoxen Seminars Yeshivat Chovevei Torah in New York, arbeitet an einem Curriculum für die Ausbildung von Religionsgelehrten, die Erzieher werden und nicht in den Gemeindedienst gehen wollen. Rabbi Menachem Schmidt, Leiter des Chabad-Hauses an der University of Pennsylvania, entwickelt Schabbat-Programme für eine Galerie in der Innenstadt von Philadelphia.
1984 von dem legendären Investmentbanker Sanford C. Bernstein (1926–1999) gegründet, fördert Avi Chai Bildung und Zusammenhalt des jüdischen Volkes. Von vulkanischem Temperament und ausserordentlicher Risikobereitschaft gesegnet, hat Bernstein 1967 nach einer erfolgreichen Karriere bei Oppenheimer Companies seine eigene Firma gegründet. Nicht zuletzt dank einem damals neuartigen Fokus auf Recherche und Analyse hat Sanford C. Bernstein & Company beim Hinscheiden des Gründers 80 Milliarden Dollar verwaltet. Der Finanzier wandte sich auf der Höhe seines Erfolges der Orthodoxie zu und änderte seine Vornamen in Zalman Chaim ab. Seine Stiftung unterstützt traditionell Schulen, Sommercamps oder sonstige Erziehungseinrichtungen. Wie ihr Präsident Arthur Fried in seinem Hauptquartier an der Upper East Side Manhattans erläutert, sollen die Avi Chai Fellowships den Grundstein für eine neue Generation jüdischer Führungspersönlichkeiten bilden. Die Stiftung will ihr Vermögen bis im Jahr 2020 ausgeben. Fried will mit den neuen Fellowships ein «Signal für andere Stiftungen und andere Philanthropen setzen».
Versuche wagen
Ohne auf Avi Chai zu warten, haben etliche jüdische Stiftungen in New York bereits ähnliche Wege eingeschlagen. So hat die Harold Grinspoon Foundation jüngst 200?000 Dollar an Rabbi Ethan Tucker vergeben. Dieser ist Kaunfers Partner bei Hadar und will Angehörige der verschiedenen Strömungen des Judentums zusammenbringen. Die Grinspoon Foundation hat Tucker keinerlei Auflagen für die Verwendung der Mittel auferlegt. Joanna Ballantine, die Geschäftsführerin der Stiftung, sagt dazu: «Ethan kann sich jetzt völlig auf sein Denken und seine Arbeit als Autor und Erzieher konzentrieren. Er muss jetzt nicht mehr auf die Suche nach Spendern gehen oder Vorträge halten, um seine Miete zu bezahlen.» Ähnlich gingen die Andrea and Charles Bronfman Family Philanthropies und die Brandeis University vor, als sie Yehuda Kurtzner eine zweijährige Gastprofessur an der Lehranstalt in Massachusetts stifteten. Neben einem stattlichen Gehalt umschliesst die Zuwendung einen Buchvertrag: Kurtzner will ein Buch schreiben, das das Selbstverständnis des Judentums transformiert.
Doch bislang bildet Avi Chai die Vorhut dieses neuen Trends. Die Stiftung will in naher Zukunft weitere drei Millionen Dollar an vielversprechende Persönlichkeiten vergeben und an dieser Praxis bis zum Jahr 2020 festhalten. Avi-Chai-Geschäftsführer Prager erwartet nicht, dass sämtliche Zuwendungen Früchte tragen werden. Aber er bezeichnet diese als notwendige Investitionen: «Bei uns hat man erkannt, dass die Entscheidungsträger in der jüdischen Welt häufig seit Jahrzehnten auf ihrem jeweiligen Gebiet im Gemeindeleben aktiv sind. Aber unsere Zukunft hängt von jungen Leuten ab, die zwar unsere Werte und Überzeugungen teilen, aber Lust auf Experimente verspüren. Sie werden manchmal scheitern, manchmal werden sie erfolgreich sein. Wir wollen ihnen dazu verhelfen, es überhaupt erst einmal zu versuchen. Diese jungen Leute sind unsere Partner – und unsere Zukunft.»


