Institutionen für die Kehila bauen
Von Andreas Mink und Monica Strauss
Wer mit dem Nahverkehrszug von Manhattan aus am Hudson River hinauffährt, kann nach einer halben Stunde am Steilufer einen grossen Gebäudekomplex erkennen. Dessen Zentrum bildet eine moderne Betonstruktur mit grossen Fenstern, deren Etagen terrassenförmig am Hang übereinanderliegen. Im Inneren ist es hell, offen und es geht lebhaft zu: Rund 1100 Mädchen und Jungs machen die SAR Academy im gediegenen Riverdale zu einem vitalen Zentrum des jüdischen Lebens im Grossraum New York. Die Academy ist Teil einer modern-orthodoxen Lehranstalt, die seit 2003 neben einem Kindergarten auch eine High School umfasst, also eine komplette Schulausbildung anbietet. Für die Schüler mag die blühende Institution wirken, als ob sie immer schon bestanden hätte. Aber bei einem Gespräch vor einiger Zeit hat der langjährige SAR-Geschäftsführer Michael Schreck dem aufbau deutlich gemacht, dass diese Institution ihre Existenz einer kleinen Zahl von Familien zu verdanken hat: «Diese Leute zeichnen sich durch eine Entscheidungskraft aus, die den meisten von uns fehlt», so der inzwischen verstorbene Schreck. Unter diesen Familien finden sich Namen wie Bendheim, Bravman und Jesselson – Namen, die in der jüdischen Welt, aber auch ausserhalb einen guten Klang haben. Die Wurzeln dieser Familien gehen zurück nach Mitteleuropa, nach Deutschland und Österreich. Sie wurden von den Nazis vertrieben und haben daraus die Konsequenz gezogen, ihr Überleben als Auftrag zu verstehen, Institutionen für den Fortbestand und die Entwicklung des Judentums in Amerika zu bauen.
Unter diesen Familien, die durch harte Arbeit, Risikobereitschaft und Entschlusskraft wirtschaftlich erfolgreich geworden sind, sticht der Name Jesselson hervor. So führt uns der Weg von Riverdale hinunter an die Park Avenue, wo Michael Jesselson im Büro seiner Investmentfirma Zeit für ein Gespräch mit dem aufbau findet. Auch der Konferenzraum in Midtown Manhattan ist lichtdurchflutet, als Jesselson seinen 1993 verstorbenen Vater Ludwig zitiert und uns das Stichwort für diese Reportage gibt: «Kehila» – das traditionelle Wort der mittel- und osteuropäischen Juden für ihre Gemeinden: «Die Holocaust-Generation hat dieses Verständnis von Gemeinschaft mitgebracht. Für das Selbstverständnis meines Vaters war Kehila ein ganz zentraler Begriff. Als er 1936 aus Deutschland nach New York kam, wurde er Mitglied der Gemeinde in Washington Heights – obwohl er gar nicht dort gewohnt hat. Er wusste, dass sie sich um ihn kümmern würde, sollte ihm etwas zustossen.» Ludwig Jesselson stammte aus Neckarbischofsheim im Kraichgau, der süddeutschen Landschaft zwischen Heilbronn und Heidelberg. Michaels Mutter, Erica Pappenheim Jesselson, gehörte einer bekannten Wiener Familie an, die sich bereits in Europa durch ihr Wirken für das Judentum hervortat. Von Freunden und Angestellten liebevoll «Miss J» genannt, ist Erica Jesselson im vergangenen März verstorben. Wir hatten vorher die Gelegenheit, sie in ihrem Haus in Riverdale für ein Gespräch über die Philanthropie der Familie zu besuchen.
Von Anfang an erfolgreich
Das Haus der Jesselsons liegt nur wenige Minuten entfernt von der SAR Academy. Es wirkt beinahe bescheiden in der stillen Nachbarschaft mit ihren Villen und gepflegten Gärten. Gemeinsam mit ihrem Mann Ludwig hat Erica Jesselson von hier aus über Jahrzehnte und in grosszügigster Manier jüdische Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und kulturelle Einrichtungen gefördert. Bei unserem langen Gespräch stand das Telefon nie still und immer wieder kam die Sekretärin von «Miss J» mit einer Frage oder einer Nachricht. Die Atmosphäre war betriebsam, aber doch geprägt von einem freundlichen, familiären Ton. Die älteren Jesselsons verstanden ihre Philanthropie nicht nur als Mission zur Stärkung des Judentums, sondern genossen ihr Engagement auch freudig. Wie sich später bei dem Treffen mit Michael Jesselson zeigen sollte, gilt dies auch für die Nachkommen. Die Mäzenin Erica Jesselson wurde 1922 in Wien geboren. Die Feministin Bertha Pappenheim war eine ihrer Tanten: «Wir waren orthodox», so Erica Jesselson, «aber modern-orthodox. In Amerika würde man uns selbst das nicht zugestehen, da unsere Männer keine Bärte trugen. Wir Mädchen genossen eine gute Erziehung und wir gingen in die Oper. Stellen Sie sich vor: Wenn uns mein Onkel Isidor Pappenheim, der Präsident der orthodoxen Gemeinde in Pressburg, besuchte, ging er jeweils mit mir und meiner Schwester Lucy zur Oper und sang unterwegs Arien.» Obwohl ihre Familie den Wiener Antisemitismus am eigenen Leib erfahren musste, konnte sich Erica Jesselson nie von ihrer Liebe zu der Stadt lösen.
Ihre Familie residierte am Prater Stern in einem zweistöckigen Haus mit einem grossen Garten. «Mrs. J» erzählte uns von den mächtigen Kastanienbäumen darin und der Musik aus der Cavaliera Rusticana, die aus dem Prater herüberklang. Sie wuchs in einem kosmopolitischen Milieu auf, zu dem Verwandte aus Ungarn und Italien ebenso zählten wie ihr Grossvater, der lange in Frankreich gelebt hatte. Gegenüber dem Haus stand das Denkmal des österreichischen Kriegshelden Tegethoff. Nach der Reichspogromnacht zwangen die Nachbarn Ericas Mutter, die Statue zu schrubben. Kurz darauf beschlagnahmte die Gestapo das Anwesen und vertrieb die Familie. Erica und Lucy entkamen auf einem Kindertransport nach England, ihr 13-jähriger Bruder floh nach Palästina, während ihre Eltern erst 1940 in die USA ausreisen konnten. Kurz darauf schlossen sich die Töchter an, aber die waren inzwischen erwachsen geworden: «Wir waren damals 15 und 16 Jahre alt und fühlten uns sehr selbstständig. Wir rauchten Zigaretten und lackierten unsere Fingernägel.» Der Neuanfang in Crown Heights im Stadtteil Brooklyn war schwer. Die Pappenheims waren mittellos angekommen, und so waren die Schwestern froh über Jobs in einer Büstenhalter-Fabrik, wo sie elf Dollar die Woche verdienten. Lucy verlobte sich 1948 mit Edmond Lang und beeindruckte dessen besten Freund Ludwig Jesselson so sehr, dass dieser die klassische Frage stellte: «Hast du eine Schwester?» Ein Jahr später wurden Erica und Ludwig Jesselson ein Paar. «Unsere Ehe war wundervoll, mehr als wundervoll», erinnerte sich «Mrs. J» mit einem Seufzer.Ihr Gatte war zwölf Jahre älter als sie und war 1910 in Neckarbischofsheim geboren worden. Noch als halber Junge trat er eine Lehre bei der legendären Rohstoffhandlung Aron Hirsch & Sohn in Halberstadt an. Eine Stelle dort war so begehrt, dass die global aktive Firma nur junge Männer aus ärmsten Verhältnissen oder solche mit familiären Beziehungen annahm: «Mein Mann war gerade noch Mischpoche», so Erica Jesselson, «ein Cousin seines Vaters war der Schwager von Baron Hirsch.» Ludwig Jesselson erwies sich als gute Wahl. Mit 18 leitete er bereits das Berliner Büro der Firma – eine für damalige Verhältnisse einzigartige Auszeichnung. Er sollte sich sein langes, erfolgreiches Leben lang durch eine aussergewöhnliche Gabe auszeichnen, Zusammenhänge zu erkennen und treffsichere Entscheidungen zu fällen. So hielt ihn seine steile Karriere nicht davon ab, Deutschland frühzeitig zu verlassen: Als er Nazi-Banden 1933 singen hörte «Wenn Judenblut vom Messer spritzt», zog Jesselson umgehend die Konsequenzen. Er ging zunächst nach Holland und dann in die USA, wo er für die Philipp Brothers weiter im Rohstoffhandel arbeitete. Unter Jesselsons Führung wurde «Phibro» bis in die siebziger Jahre zu einer weltweit dominierenden Firma. Michael Jesselson fügt hinzu, sein Vater habe frühzeitig einen weiten Horizont entwickelt: «Er ist zwar in einem Dorf aufgewachsen, aber seine Zeit in Berlin hat seine Neugierde und Unternehmungslust beflügelt.» Dennoch blieb Jesselson Neckarbischofsheim bis an sein Lebensende verbunden: «Die Familie hat sich dort sehr wohl gefühlt und hatte ein sehr gutes Verhältnis zu den christlichen Nachbarn», so Michael. Nach dem Krieg hat sein Vater auch geschäftliche Beziehungen in die Region geknüpft. Daraus entwickelten sich auch bleibende Freundschaften.
Grosszügige Unterstützung
Sein wirtschaftlicher Erfolg hat es Ludwig Jesselson von den fünfziger Jahren an erlaubt, «Dinge zu verbessern», wie es Erica Jesselson formulierte. Das Paar «hatte absolut kein Interesse an einem aufwendigen Lebensstil – eine Jacht oder ein Haus in den Hamptons wäre uns nie in den Sinn gekommen. Unser grösstes Vergnügen war, möglichst viel Geld wegzugeben.» Die Firma unterstützte zunächst den Wohlfahrtsverband United Jewish Appeal, danach auch die jüdische Manhattan Day School. Erica Jesselson erinnerte sich an die Herablassung etablierter jüdischer Familien, die sie und ihren Mann als «arme Flüchtlinge» betrachtet hätten. Aber das Paar liess sich davon nicht einschüchtern. Umso beeindruckender liest sich die Liste der Institutionen in den USA und Israel, die von den Jesselsons unterstützt wurden und werden. Dazu gehören die Jewish National Library der Hebrew University in Jerusalem, die Israel Museum Bezalel School of Art oder das Technion und das Shaare Zedek Hospital in Israel. In New York haben sie die Yeshiva University gefördert und die Gründung des Yeshiva University Museums ermöglicht. Dass sie instrumental für den Bau der SAR Academy waren, obwohl keines ihrer Kinder die Lehranstalt besuchte, demonstriert, dass es der Familie stets darum geht, jüdische Institutionen insgesamt zu stärken. Dass die Zukunft der Juden auf robusten sozialen, akademischen und kulturellen Einrichtungen beruht, ist die Lehre, die Ludwig und Erica Jesselson aus dem Holocaust gezogen haben.
Das Paar hat seine Entscheidungen gemeinsam getroffen: «Nach dem Abendessen haben sich Ludwig und ich in die Bibliothek zurückgezogen. Er hat sich seine Zigarre angesteckt und gesagt: ‹So und so viel steht uns zur Verfügung – was wollen wir damit tun?› Wir haben gemeinsam viel erreicht. Wir haben das Israel Philharmonic Orchestra unterstützt und ich die Metropolitan Opera hier.» An Publicity lag dem Paar nicht und auch Michael Jesselson hat lange gezögert, sich mit dem aufbau zu treffen. Ludwig Jesselson hat erst im Jahr vor seinem Tod den Wunsch geäussert, dass zwei Institutionen nach ihm benannt werden: die Cardio-Abteilung von Shaare Zedek in Jerusalem und die Ausgrabungsstätte Tzipori in den Hügeln von Galiläa. Die Archäologie war eine Leidenschaft Ludwig Jesselsons: «Er hat erst Grabungen in der Türkei gefördert, etwa in Sardis, dann haben wir das Projekt in Tzipori unterstützt. Dort wurden meilenlange Strassen mit Mosaiken gefunden. An dieser Stelle wollte mein Mann seinen Namen auf einer kleinen Plakette verewigt sehen. Er sagte mir: ‹Wenn in 2000 Jahren neue Archäologen kommen, sehen sie, dass ich dort gewesen bin.›»
Michael Jesselson versteht seine Eltern als Mitglieder der Emigranten-Generation, aber er betrachtet ihr Engagement für die jüdische Gemeinschaft auch als Ausdruck einer viel älteren Tradition. Er führt diese mit der gleichen Freude fort, die seine Eltern empfunden haben, und leidet auch nicht an dem Gefühl von Unzulänglichkeit, das viele Söhne starker Väter belastet: «Meine Eltern waren Führungspersönlichkeiten, das ist angeboren. Mein Vater empfand ein grosses Verantwortungsgefühl für die Kehila. Meine Mutter war kreativ und einfallsreich – sie waren praktisch orientiert und zupackend. Das habe ich hoffentlich von ihnen gelernt. Wenn man bei einem guten Zweck mittut, sollte man nach Lösungen suchen und keine halben Sachen machen.» Der ältere Jesselson hat seine drei Söhne frühzeitig nicht nur in seine Firma einbezogen, sondern auch in seine philanthropischen Aktivitäten. Michael Jesselson leitet die Stiftung der Familie im Sinne seines Vaters: «Philanthropie ist ein ganz integraler Bestandteil unseres alltäglichen Lebens.» Wie sein Vater vor ihm begnügt sich Jesselson nicht damit, Checks auszustellen. Er widmet einem Anliegen nicht nur Geld, sondern auch seinen Verstand und seine persönlichen Beziehungen – und versteht sich im Sinne seiner Eltern auf die rare Kunst, andere zum Mittun aufzufordern und einzubinden. Auch Ludwig Jesselson hatte die gemeinsame Aufgabe im Blick und nicht seinen eigenen Ruhm. Wie im Wirtschaftsleben liegt das Geheimnis erfolgreicher Philanthropie in der Motivation von Partnern und Mitarbeitern.
Michael Jesselson erklärt: «Für meinen Vater waren seine Motive bei der Philanthropie ganz schlicht: Er konnte sich ein Leben ohne Engagement für die Kehila einfach nicht vorstellen. Das gehörte zu seinem Alltag. Andere Leute betreiben das wie ein Hobby, nach Feierabend. Wer Philanthropie, Leben und Beruf jedoch als Einheit sieht, der muss sich nicht selbst in den Vordergrund drängen. Als mein Vater gestorben ist, haben so viele Institutionen wie nie zuvor Kondolenzanzeigen in der ‹New York Times› geschaltet. Die Leute konnten nicht fassen, dass er in so vielen Dingen engagiert war.» Jesselson setzt hinzu, sein Vater habe seine Wohltätigkeit nicht für die Zeit nach seinem Tod aufgespart: «Das mag komisch klingen: Aber wenn man von einer Sache überzeugt ist, sollte man sie zu Lebzeiten anpacken.»
Unterschiedliche Projekte unterstützen
Gleichwohl hat Michael Jesselson auf die Veränderungen reagiert, die sich seit dem Tod seines Vaters auf dem Feld der Philanthropie ergeben haben. Während er den United Jewish Appeal als Rückgrat des jüdischen Gemeindelebens in den USA weiterhin unterstützt, kümmert er sich persönlich zunehmend um spezifische Projekte kleinerer Verbände. Dazu zählt die Partnership for Excellence in Jewish Education (PEJE), die sich der Entwicklung der jüdischen Erziehung in den USA widmet: «Mein Vater dachte schon in den sechziger Jahren daran, die jüdischen Schulen hier durch eine übergreifende Stiftung zu fördern. Er war seiner Zeit voraus, aber ich habe mich vor ein paar Jahren mit Michael Steinhardt, den Bronfmans und ein paar anderen Leuten zusammengetan und das Thema erneut aufgegriffen.» PEJE definiert sich als «gemeinsame Initiative bedeutender philanthropischer Partner, die sich der Verbesserung der Qualität jüdischer Schulen verschrieben haben, indem sie Stiftungen, Expertise und gesellschaftliche Unterstützung mobilisieren.» PEJE hat bislang 150 Schulen unterstützt und zur Gründung von 60 weiteren beigetragen.
Ein perfektes Beispiel für den charakteristischen philanthropischen Stil der Jesselsons ist das Center of Jewish History (CJH) an der 16. Street in Manhattan. Seit dem Jahr 2000 versammelt das von Grund auf modernisierte Gebäude fünf traditionsreiche jüdische Institutionen unter einem Dach, zwischen denen immense kulturelle und persönliche Differenzen herrschten. Michael Jesselson sass seinerzeit im Vorstand des deutsch-jüdischen Leo Baeck Institute, hatte aber auch ein Amt bei der American Jewish Historical Society inne. Gleichzeitig waren er und seine Mutter stark beim Yeshiva University Museum involviert, einem Herzensanliegen von Erica Jesselson. Sie war überdies im Vorstand des YIVO Institute for Jewish Research. So waren die Jesselsons gleichzeitig in den Institutionen vertreten und standen über ihnen. Dadurch waren sie in einzigartiger Weise prädestiniert, dem Gründer des Center of Jewish History (CJH), Bruce Slovin, bei der Verwirklichung seines Traumes zu helfen. Das repräsentiert den weiten Gemeinschaftsbegriff der Jesselsons. Das Zentrum bewahrt neben den eben genannten auch die sephardischen Traditionen des Judentums für zukünftige Generationen. All diese Institutionen teilen indes die Tradition der Kehila, die einst in Wien und Neckarbischofsheim lebendig war und heute an Orten Früchte trägt, die unterschiedlicher nicht sein könnten – im gediegenen Riverdale, im Trubel von Midtown Manhattan oder auf einem kargen Hügel in Galiläa.


