Wir sind alle eingebürgert
Am 7. Juni beginnt die Euro 08. Auch wer mit Fussball nichts am Hut hat, weiss, dass die halbe Schweizer Nationalmannschaft aus Secondos besteht, ehemaligen Fremdarbeiterkindern, deren Eltern Schweizer geworden sind. Kein Ausländergegner hat etwas gegen die Eingebürgerten von Behrami bis Senderos, von Barnetta bis Yakin. Denn sie sind gut für die Schweiz, sie schiessen im Rampenlicht Tore.
Am 1. Juni steht das Resultat der Abstimmung über die Einbürgerungsinitiative fest. Die SVP will damit das Rad der Zeit zurückdrehen und den Gemeinden wieder erlauben, auf jede gewünschte Weise Ausländer einzubürgern, notfalls nur anhand eines Lebenslaufs im Abstimmungsbüchlein an der Urne. Und sie will gestatten, dass ein ablehnender Bescheid nicht begründet werden muss. Viele Bürgerinnen und Bürger sehen die Ausgangslage verkürzt in zwei Worten: weniger Ausländer. Denn bei der Mehrheit der Einbürgerungskandidatinnen und -kandidaten handelt es sich nicht um Stars. Sie sind auch gut für die Schweiz, aber sie verrichten ihre Arbeit fernab des Rampenlichts.
Die Gegnerschaft der Vorlage argumentiert gut. Die FDP mit Sujets, die den Stolz auf die eingebürgterten Nationalfussballer thematisieren. Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus ist dagegen. Strafrechtler, Staats- und Völkerrechtler warnen, dass sich sogar bei einer Annahme überhaupt nichts ändern würde, weil die angestrebten Neuerungen nicht umgesetzt werden könnten.
Hier geht es aber nicht um den Kopf, sondern um den Bauch. Gegen Emotionen ist schwer anzukämpfen. Dabei gibt es so gute Widerreden: Wer kürzlich auf einem europäischen Flughafen bei «Alle Pässe» Schlange stehen musste, während die Passagiere mit EU-Pässen zügig einreisten, fragt sich ernsthaft, warum sich so viele Leute unbedingt einen roten Schweizer Pass krallen wollen, wie die vielfarbigen Hände auf den SVP-Plakaten.
Die Ausländer in der Schweiz leisten Arbeit, willkommene Beiträge zur AHV und ans Steueraufkommen. Warum sollen sie nicht mitbestimmen dürfen, wofür diese Steuern ausgegeben werden? Nicht wenige von ihnen würden vielleicht sogar SVP wählen. Ein Ja zur Einbürgerungsinitiative würde weder die Jugendkriminalität noch die Gewallttätigkeit etwa bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus der Welt schaffen. Ein Ja zementiert nur die Ansicht, dass viele Schweizerinnen und Schweizer generell alles Fremde ablehnen.
Der Dachverband der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz plädiert mit dem Rat der Religionen für ein Nein. Jedes einzelne Mitglied der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz, das den roten Pass besitzt, in der ersten, zweiten oder fünften Generation, müsste sich nach ein wenig Erinnerungsarbeit eingestehen, dass ausnahmslos alle eingebürgert sind.
Jeder jüdische Mensch ist eingewandert. Die Aufnahme ins schweizerische Bürgerrecht war nicht einfach, nicht leicht und nicht billig. Nicht alle Juden kamen bereits wohlhabend und der Sprache mächtig ins Land, sondern oft als Handwerker und Hausierer. Was Willkür ist, erfuhren manche am eigenen Leib. Wer sich an die eigene Geschichte erinnert, kann der Einbürgerungsinitiative nicht zustimmen.


