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30. Mai 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 22 Ausgabe: Nr. 22 » May 30, 2008

Wachsende Sorgen

May 30, 2008
Trotz unablässigem Druck auf den Gazastreifen gelinge es Israel nicht, den militärischen Aufbau der Hamas zu verhindern – zu dieser Schlussfolgerung gelangt das Geheimdienst- und Terrorismus-Informationszentrum in seinem Bericht «Anti-Israelischer Terrorismus 2007 und die Trends für 2008».
Raketenangriffe im Mehrjahresvergleich

Von Jacques Ungar

Der schleppende Gang der mit ägyptischer Vermittlung geführten Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas, der «De-facto-Herrscherin» im Gazastreifen, über eine Waffenruhe, kommt nicht von ungefähr. Die Hamas ist an einer solchen Ruhe nur aus einem einzigen Grund interessiert: Sie würde ihr gestatten, ihre zielstrebig betriebene Aufrüstung noch systematischer und ungestörter voranzutreiben. Das geht aus dem Bericht «Anti-Israelischer Terrorismus 2007 und die Trends für 2008» des Geheimdienst- und Terrorismus-Informationszentrums (ITIC) hervor. Auch Yuval Diskin, Leiter des Shabak-Geheimdienstes, schlug in die gleiche Kerbe. Während die Hamas ihre Raketen-Kapazität im Gazastreifen wesentlich ausbaue, warnte Diskin vor dem Kabinett, würde jede Verzögerung einer massiven israelischen Aktion gegen die Organisation die Fähigkeit der Hamas verbessern, Terrorakte zu verüben. Zu einer Zeit, da Israel handeln müsse, laufe diese Entwicklung effektiv auf mehr israelische Opfer hinaus. Für Diskin steht Israel vor zwei möglichen Szenarien im Gazastreifen: Eine Eskalation der Gewalt oder eine Periode der Ruhe mit «wenig Chancen auf Stabilität». Eine bedrohliche Situation

Der Bericht des ITIC zeichnet ein ambivalentes Bild von der Situation im Gazastreifen. Einerseits nahm die Zahl der Raketenangriffe auf israelisches Territorium in den letzten Jahren sprunghaft zu. Mussten 2005, dem Jahr der Entflechtung, «nur» 179 Raketeneinschläge registriert werden, waren es 2006 bereits 946 und ein Jahr später mit 896 nur unwesentlich weniger. Bedenklich sieht es im laufenden Jahr aus, wurden doch bis Ende April bereits 839 palästinensische Raketen abgeschossen. Nicht nur quantitativ, sondern auch in qualitativer Hinsicht bereitet die Hamas, zusammen mit anderen Gruppen wie etwa dem Islamischen Jihad, Israel wachsende Sorgen. So konnte die Reichweite verschiedener Raketentypen sukzessive von zwölf auf vorerst 20 Kilometer erhöht werden. Das Sortiment im Besitz der Hamas wächst laufend, wobei der Schmuggel von Raketen iranischer Provenienz in den Gazastreifen blüht. Das zeigt sich auch daran, dass noch im Jahr 2006 erst eine einzige Rakete vom Typ Grad in Israel landete, 2007 waren es bereits vier, doch bis Ende April diesen Jahres mussten bereits 30 Angriffe mit diesem Geschosstypen registriert werden. Die Waffenschmuggler zeigen sich sehr erfinderisch bei ihrer Arbeit, gelingt es ihnen laut ITIC doch mehr und mehr, die israelischen Abfangbemühungen zu umgehen, indem sie ihre Ware von Ostsyrien aus via Jordanien und Saudi-Arabien auf die ägyptische Sinai-Halbinsel transportieren, von wo aus der Weg in den Gaza-streifen nur wenig mehr als ein Kinderspiel ist. Abgerundet wird dieser Aspekt durch ein extensives Tunnelsystem, das der Hamas sowohl erlaubt, allfälligen israelischen Angriffen länger standzuhalten, als auch Entführungsabsichten von IDF-Soldaten eher in die Tat umzusetzen.

Ein für Israel ähnlich bedenkliches Bild vermittelt die Statistik der Granatangriffe. 2005 griffen die palästinensischen Extremisten israelisches Territorium 238 Mal mit Mörsergranaten an, ein Jahr später herrschte mit «nur» 22 Attacken eine trügerische Ruhe, und 2007 stieg die Zahl der Granatangriffe mit 740 im wahrsten Sinne des Wortes explosionsartig an. Im laufenden Jahr steht aber bereits ein neuer Rekord an, wurden bis Ende April doch schon 840 Granateinschläge registriert. Auch in diesem Bereich ruht sich die Hamas nicht auf ihren Lorbeeren aus, sondern ist erfolgreich um eine stetige Verbesserung bemüht. So konnte die Reichweite der Granaten von sechs auf bis jetzt zehn Kilometer erhöht werden.

Gespräche über Austausch von Gefangenen

Schliesslich verfolgt Israels Militär auch mit wachsendem Unbehagen und gleichzeitig aus politischen Gründen mehr oder minder gebundenen Händen, wie die Kämpfer der Hamas – 15 000 bis 20 000 Mann – sich immer besser formieren und heute straff in Brigaden, Battaillonen und Kompanien organisiert sind. Das Vorbild der libanesischen Hizbollah-Miliz ist unverkennbar. Und wenn wir schon von der Hizbollah sprechen sei erwähnt, dass diese Schiitenmiliz dank der tatkräftigen Hilfe Irans und Syriens ihr Raketenarsenal inzwischen wieder auf mindestens 20?000 Geschosse aufstocken konnte, womit der Stand der Dinge von vor dem zweiten Libanon-Krieg wieder hergestellt wäre. Am Montag deutete Hizbollah-Chef Scheich Hassan Nasrallah in einer Rede zum achten Jahrestag des Abzugs Israels aus Libanon einmal mehr die Möglichkeit eines Gefangenenaustausches mit dem «zionistischen Feind» an. In Israel wurden Forschritte in den mit deutscher Vermittlung geführten Verhandlungen zwar bestätigt, doch die zurückhaltenden, freudlosen Reaktionen bestärkten das Gefühl, dass die beiden vor fast zwei Jahren entführten IDF-Soldaten Eldad Regev und Ehud Goldwasser möglicherweise nicht mehr am Leben sind. Israel ist nun bereit, fünf Leute der Hizbollah freizulassen, unter ihnen Samir Kuntar, der 1979 einen blutigen Anschlag in Nahariya verübte, dem ein Polizist sowie ein Vater mit seinen zwei kleinen Töchtern zum Opfer fielen. Ebenfalls sollen die Leichen von zehn Hizbollah-Kämpfern zurückgegeben werden, die im zweiten Libanon-Krieg umgekommen sind. Kuntar hätte ursprünglich nur gegen konkrete Informationen über den Zustand der beiden IDF-Soldaten freigelassen werden sollen. Die Hizbollah ihrerseits hat offenbar die Forderung nach Freilassung palästinensischer Gefangener fallengelassen.

Mehr vereitelte Selbstmordattentate

Kehren wir zurück zum ITIC-Bericht. Den einzigen relativen Lichtblick stellt die Statistik bezüglich der palästinensischen Selbstmordattentate und die Zahl der israelischen Opfer dar. In den Konfliktjahren 2000 bis 2007 forderten total 140 derartige Anschläge 542 Opfer. Seit dem Jahr 2002 aber, als total 55 Selbstmordattentate mit 220 Toten verzeichnet werden mussten, ist der Trend klar rückläufig, und letztes Jahr waren die Palästinenser nur gerade einmal erfolgreich, als ein Anschlag in Eilat drei Tote forderte. Die Verfasser des Berichts betonen aber, dass die an sich positive Entwicklung einzig und alleine auf die Wachsamkeit der israelischen Sicherheitsorgane zurückzuführen ist und nicht etwa auf einen Wandel in der Weltanschauung der Terroristen. Bestätigt wird diese Schlussfolgerung durch die Tatsache, dass die Zahl der vereitelten Selbstmordattentate von Jahr zu Jahr wächst.

Dass Israel in seiner Konfrontation mit dem Gazastreifen vor einer eher düsteren Zukunft stehen könnte, deutet der Bericht mit seiner Bilanz an, wonach die Aktivitäten der IDF-Truppen gegen den Gazastreifen den Terrororganisationen das Ausführen von Attacken wohl erschweren würden, die militärische Aufrüstung der Hamas und die Verbesserung ihrer Einsatzbereitschaft offensichtlich aber nicht verhindern können. An einer Pressekonferenz in Jerusalem wichen die Verfasser des Berichtes der Frage von tachles aus, ob ein massiver Schlag der israelischen Armee gegen den Gazastreifen unausweichlich sei, und ob jeder Tag, den Israel verstreichen lasse, seine Position schwäche.





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