Synagogenchor trifft auf Bestsellerautor
Cultusgemeinde Zürich singt anlässlich der Ausstellung «Kabbala-Art»
Von Muriel Spitzer
An der Wand hängen Bilder, in denen Fishel Rabinowicz seine Vergangenheit im KZ zu verarbeiten versucht. Der ICZ-Synagogenchor füllt mit Liturgien für Jom Kippur den ganzen Raum aus. Dann tritt er auf, will aus seinen Texten lesen: der populäre Schriftsteller und ehemalige Reporter Arthur «Turi» Honegger. Doch zuerst müsse er noch etwas loswerden, sagt er. Und seine Stimme bebt, als er die kurze Episode wiedergibt. Im Zürcher Oberland sei es gewesen, erst kürzlich. Da hätten Exponenten jener Partei, deren Namen er lieber gar nicht erst in den Mund nehme, in einem Restaurant beisammengesessen. Zuerst seien sie über die Ausländer hergezogen und dann seien die Juden dran gewesen – die Hasstiraden gipfelten in der Aussage, es sei schade, dass Hitler sein Werk nicht habe vollenden können.
Zum ersten Mal mit KZ-Überlebenden konfrontiert
Es sind Vorfälle dieser Art, bei denen dem Autor immer wieder die Galle hochkommt. «Dreimal habe ich eine solche Stimmung in der Schweiz bereits erlebt; zuerst in den dreissiger Jahren, dann in den Sechzigern und jetzt ist es offenbar wieder so weit», meint der engagierte 83-Jährige, der sich zeitlebens für die Schwächeren stark gemacht hat. Die Institution Amcha, die sich um die psychologische Betreuung von Schoah-Opfern kümmert, hat den gemeinsamen Auftritt von Honegger und dem ICZ-Synagogenchor in der Zürcher Wasserkirche organisiert. Weshalb diese Kombination? Was verbindet Arthur Honegger, den einstigen Verdingbub, der später zum «Blick»-Reporter und Bestsellerautor wurde, mit dem Judentum, mit den Überlebenden der Schoah? Mehr als es auf den ersten Blick scheint. Auf die Frage, woher seine Affinität zum Judentum und dem Staat Israel komme, schaut Honegger die Fragende verdutzt an, als ob es bei einer solchen
elbstverständlichkeit gar keiner Erklärung bedürfe. Er habe halt viel darüber gelesen, meint er schulterzuckend. Doch das ist masslos untertrieben – sein Interesse an den Juden und dem Nahen Osten macht ihn bald selbst zum Experten. 1962 reiste Honegger als angehender Journalist zum ersten Mal nach Israel. «Diese Reise hat meinem Leben einen neuen Sinn gegeben», sagt er. 1965 nahm er als Berichterstatter am Auschwitz-Prozess teil und las die 1500-seitige Anklageschrift. 1967 war er während des Sechstagekriegs als «Blick»-Reporter in Israel.
Dass ihn mehr als nur die Arbeit mit diesem Land und dem Schicksal der Juden verbindet, ist auch in den Texten, die Honegger in der Wasserkirche vorlas, deutlich spürbar. «Die plötzliche Einsamkeit der Paula Blaukopf» erzählt die Geschichte einer Holocaust-Überlebenden, die sich in den sechziger Jahren das Leben nimmt, weil sie als Jüdin bei der Arbeit gemobbt wird. Sie schreibt dem «Blick»-Reporter einen Abschiedsbrief, der jedoch tragischerweise zu spät ankommt. Dann trägt Honegger seinen Text «Jerusalem, du Goldene» vor, in dem er unter anderem beschreibt, wie sehr ihn die Stadt Jerusalem gefesselt habe: «Jeruschalajm shel sahaw – Jerusalem, du Goldene – ging mir nie mehr aus dem Sinn ...»
Eindrücklicher Abend
Honegger liest an diesem Abend aber auch neue, unveröffentlichte Texte, wie etwa «Die lange Nacht von Lahavot Habashan». Darin erzählt er, wie er 1962 auf seiner Reise nach Israel zum ersten Mal mit KZ-Überlebenden konfrontiert wird. Er trifft einen Mann, der ihm während einer ganzen Nacht seine Lebens- und Leidensgeschichte erzählt: Wie er als kleiner Junge nach Auschwitz kam, sich dort mit Arbeit durchschlagen, auf dem Todesmarsch fliehen und so überleben konnte. «Ich sass am Boden, konnte kaum aufstehen», liest Honegger. «Ich hörte ihm noch eine Nacht zu. Danach fuhr ich nach Jerusalem, streifte durch die geteilte Stadt, ging zwei Tage nach Yad Vashem.» Wieder zu Hause, arbeitet sich Honegger durch die gesamte Anklageschrift zum grossen Auschwitzprozess. «Ich fuhr nach Frankfurt zum Prozess im ‹Römer›. 22 Angeklagte. Sie begrüssten sich wie bei einer Klassenzusammenkunft, die Mörder umarmten sich, lachten, schlugen sich auf die Schultern! Ich spürte eine grenzenlose Hilflosigkeit angesichts dieses gespenstischen Horrors ...»
Es ist wohl die Kombination, die beim Zuhören so unter die Haut geht: die feierliche Ambiance in der Wasserkirche, die warmen Klänge des Synagogenchors und die eindrückliche Lesung von Arthur Honegger. In seinem Schlusswort kommt der Schriftsteller noch einmal auf jene Episode zu sprechen, die er eingangs beschrieben hat. «Seien Sie sich bewusst», sagt er und blickt das Publikum eindringlich mit seinen wachen, lebendigen Augen an, «es gibt auch heute immer noch Menschen, die Ihnen zur Seite stehen. Und ich werde immer dazu gehören.» Dafür erntet Honegger einen Applaus, wie er in einem Gotteshaus nur äusserst selten zu hören ist.


