logo
30. Mai 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 22 Ausgabe: Nr. 22 » May 30, 2008

Rückkehr in die Heimat

May 30, 2008
Für immer mehr Juden in Russland ist Israel nicht mehr ein Zufluchtshafen in der Not, sondern eher eine Zweitheimat. Zehntausende russische Olim sind wieder in ihre ehemalige Heimat zurückgekehrt, um vom dortigen Wirtschaftswunder zu profitieren.
<strong>Juden in Moskau </strong>Ungebrochene Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Israel, aber der Auswanderungswille ist nicht mehr gross

Von Grant Slater

Die 25-jährige Innenarchitektin Nadezhda Gerzhoy gehörte zu den ersten Teilnehmerinnen russischer Hillel-Programme und reiste Anfang Jahr im Rahmen des Birthright-Programms zum ersten Mal nach Israel. An Samstagen besucht sie manchmal den Gottesdienst in dem von der chassidischen Chabad-Bewegung betriebenen Gemeindezentrum in Moskau.

Nadezhda gehört zu den vielen jüdischen jungen Leuten in Russland, welche heute die sehr lebendige Basis des jüdischen Gemeindelebens des Landes bilden. Für sie ist Israel nicht mehr ein fernes Wunschziel oder ein möglicher Zufluchtsort, sondern eine zweite Heimat mit ihrem eigenen Auf und Ab. Das ölreiche und aufstrebende Russland ist für die jungen Leute zurzeit interessanter. «Ich weiss nicht», meint Nadezhda auf die Frage nach einer Übersiedlung nach Israel. «Vielleicht wäre es irgendwann ganz nett, für ein paar Jahre nach Israel zu gehen, aber ich habe mich noch nicht intensiv mit diesem Gedanken befasst.»

Die Auswanderung russischer Juden nach Israel verliert allmählich an Kraft, und jene, die abwechslungsweise in beiden Ländern leben, warten zurzeit auf die beschlossene Abschaffung der Visumspflicht.

An einer von rund 7000 Personen besuchten Open-Air-Veranstaltung in Moskau aus Anlass von Israels 60. Geburtstages entdecken wir auch Steven Schwager, den Vorsitzenden des American Jewish Joint Distribution Committee, der seinen Blick über die Anwesenden schweifen lässt: «Noch vor zehn Jahren hätten Sie hier vor allem ältere Leute gesehen, aber keine Jugendlichen», meint er.

Wichtiger Teil des Diaspora-Judentums

Nach Angaben der israelischen Botschaft in Moskau kehren zurzeit Zehntausende Emigranten nach Russland zurück, um vom Wirtschaftswachstum zu profitieren, aber auch, weil sie sich in Russland einfach zu Hause fühlen. Schwager sieht es als positiv an, dass Moskau heute als zusätzlicher starker Pfeiler des Diaspora-Judentums fungiert. Die jüdische Gemeinde von Moskau sei gereift, stehe heute «auf ihren eigenen Beinen», sagt er.

«Die jüdische Gemeinschaft Russlands stellt heute eine umfassendere Unterstützung für die Politik Israels als die Juden der USA, in welcher doch sehr divergierende politische Ansichten zum Ausdruck gelangen», meint Baruch Gorin, Sprecher des russisch-jüdischen Gemeindebunds, der grössten jüdischen Dachorganisation des Landes, und ein Mitsponsor des Anlasses zu 60 Jahren Israel. «Sie sind überzeugt, Israel helfen zu können, wie sie auch denken, Israel könne ihnen helfen.» Die Feierlichkeiten zu Israels 50. Geburtstag vor zehn Jahren waren, wie Gorin sich erinnert, in Moskau viel zurückhaltender als heute. Damals sei der Antisemitismus derart dominierend gewesen, dass eine grosse Versammlung von Juden bei den Behörden Befremden ausgelöst hätte. Heute, da die russischen Machthaber andere Kreise im Land im Visier haben, erlebt die jüdische Gemeinschaft so etwas wie eine Renaissance. Gorin spricht von der ersten Periode in der Geschichte Russlands, in der die Situation der jüdischen Gemeinde nicht besser sein könnte.

Öffentliche Sympathiebekundungen

«Vor zehn bis 20 Jahren war es äusserst selten, dass jemand Israel in aller Öffentlichkeit unterstützte», sagt Gorin. «Die Juden waren zionistisch, aber nur in ihren eigenen vier Wänden.» Die 72-jährige Xenia Kuznetsova erinnert sich noch an den geheimen, sogenannten Wohnzimmer-Zionismus. An der heutigen Feier in Moskau schwenkt sie fröhlich eine Israelflagge, während von der Bühne Pop-Musik erklingt. «Heute bin ich sehr, sehr stolz», sagt sie. «Ich weiss, dass wir ein starkes Volk sind, doch zum ersten Mal erlebe ich eine Sympathiebekundung für Israel in aller Öffentlichkeit und unter freiem Himmel.» Wie Millionen anderer russischer Juden hat auch Xenia Kuznetsova Familienangehörige in Israel – eine Tochter und zwei Enkelkinder. Die Tochter trage sich allerdings mit dem Gedanken, nach Russland zurückzukommen, weil der Familie die russische Kultur fehle und sie wolle, dass ihre Kinder in einer russischen Umgebung aufwachsen.

Für einen Teil der jüdischen Gemeinde ist die Entscheidung zwischen Israel und Russland allerdings nicht einfach schwarz oder weiss, wie Motya Chlenov, der Leiter des Moskauer Büros des Weltkongresses russischer Juden, erklärt. «Es ist wie New York und Florida», sagt er. «Israel wird von vielen heute als eine Art Zweitheimat betrachtet.» Der freie Reisefluss zwischen den zwei Ländern könnte noch grösser werden, wenn es, wie erwartet, für die Reisen in beide Richtungen schon bald keiner Visa mehr bedarf. Das könnte, so Chlenov, Israel sogar für russische Nichtjuden zu einem potenziellen Ziel machen. Anna Azari, Israels Botschafterin in Russland, verlieh kürzlich ihrer Hoffnung Ausdruck, Details des neuen Abkommens könnten bis zum Herbst ausgearbeitet sein. Für die Dynamik der russisch-israelischen Beziehungen könnte das, wie Chlenov hinzufügt, das wichtigste Ereignis der letzten 15 Jahre werden.


» zurück zur Auswahl