Ein ratloser Moralist
Von Wolf Scheller
Das Exil war sein Schicksal. Davon ist er Zeit seines Lebens nicht losgekommen. Hans Sahl, Jahrgang 1902, aus Dresden gebürtig, gehörte zu jenen brillanten Intellektuellen jüdischer Herkunft, die bereits im geistigen Leben der Weimarer Republik eine Rolle spielten, vor den Nazis fliehen mussten und als ungeliebte Heimkehrer in der Bundesrepublik lange vergessen blieben. Erst in seinen letzten Lebensjahren, die der fast erblindete Autor in Tübingen verbrachte, wurde er mit Preisen überschüttet, wurden seine Gedichte und Romane neu aufgelegt. Jetzt hat der Luchterhand-Verlag mit der Neuedition seiner Werke begonnen. Zunächst mit den beiden spät entstandenen autobiografischen Texten «Memoiren eines Moralisten» (1983) und «Das Exil im Exil» (1990). Sahl erzählt darin von seiner weitgehend unbeschwerten Kindheit in Dresden und von den zwanziger Jahren in Berlin, von seiner Karriere als Filmkritiker und Feuilletonist, die ihn mit den bekanntesten Protagonisten der damaligen Kulturszene in Berührung brachte. Doch die Tragik seiner Generation, die in die Turbulenzen von Wirtschaftskrise und Naziterror geriet, liegt wie Mehltau über diesen Erinnerungen.
Ein Wahrheitsfanatiker
«Wir sind die Letzten», hiess eine Gedichtsammlung, die 1941 erschien, in der sich dieser «Trödler des Unbegreiflichen», wie Sahl sich nannte, als Moralist und Wahrheitsfanatiker von hohen Graden zu erkennen gab. Es waren Eigenschaften, die Sahl bis ins hohe Alter zu eigen waren, ihm aber auch immer wieder zu schaffen gemacht haben. Es ging ihm auch nach der Wende, nach der Selbstauflösung der Sowjetunion und nach dem Untergang des Ostblockkommunismus um irdische Gerechtigkeit, um individuelle Freiheit, um historische Wahrheit. Im amerikanischen Exil der dreissiger und vierziger Jahre hatte Sahl die Unbarmherzigkeit dieser Debatte unter den Emigranten fürchten gelernt. Aber er liess sich davon nicht aus der Fassung bringen. Er verurteilte die blutige Diktatur Josef Stalins ebenso wie das Terrorregime der Nazis. Das machte ihn untragbar für Dichter-Kollegen wie Bertolt Brecht und Anna Seghers, oder den «rasenden Reporter» Egon Erwin Kisch, dem die blödsinnige Bemerkung zu verdanken ist: «Stalin denkt für uns.»
Da wollte Sahl im fernen New York nicht mehr mitspielen. Brecht warf ihn im Streit aus seiner Wohnung. Sahl fand sich mit Alfred Döblin, Joseph Roth, Hermann Kesten und Walter Mehring schliesslich auf der anderen Seite der Barrikaden wieder. Im Alter hat er immer wieder nach den Gründen für Brechts Verrat an der Wahrheit gefragt. Er hat die Parteihörigkeit auch der anderen, von Johannes R. Becher, Alfred Kantorowicz, Hans Marchwitza oder Bodo Uhse, nie verstanden. Dieses Ausklammern der Wahrheit über Stalins mörderische Politik, über seine Verbrechen. Wie war es möglich, daß sich so viele bedeutende Schriftsteller – neben Brecht auch Lion Feuchtwanger – zu Lobeshymnen auf den roten Diktator hinreissen liessen? In seinen Memoiren schreibt Hans Sahl nach dem Zerwürfnis mit der Partei, deren Mitglied er nie gewesen war: «Ich war meinem Gewissen gefolgt. Ich hatte getan, was ich mir schuldig war.»
Ein ratloser Mensch im Exil
In seinem Tagebuch hatte Klaus Mann 1938 notiert: «Der Sahl zu Tisch. Lange Unterhaltung über amerikanische Possibilitäten ... Was soll man den ratlosen Menschen raten?» In seinem grossen Exilroman «Die Wenigen und die Vielen» heisst es bei Sahl: «Alle Menschen, die es ehrlich meinen, sind ratlos.» Hans Sahl hatte im Berlin der zwanziger Jahre seinen Weg als Journalist und Feuilletonist begonnen, als Film- und Theaterkritiker. Die hilflosen Literatendebatten an den Cafétischen des frühen Exils in Zürich, Prag, Paris oder Amsterdam machten ihm deutlich, wie zerrissen, wie hoffnungslos und zerfasert die Emigration in Wahrheit war. Man hatte keinen Glauben mehr, keine Sicherheit. Die Selbstmorde häuften sich, und jetzt stand er wegen seines Beharrens auf der Wahrheit auch noch als «Verräter» da. «Erfolg ist Missverständnis», hatte Kurt Tucholsky geschrieben. Aber Sahl hatte im Exil überhaupt keinen Erfolg. Mühsam genug hielt er sich mit dem Schreiben von Nachrufen und dem Übersetzen amerikanischer Autoren über Wasser. Er wurde zu einer Art Kulturvermittler. Und wen machte Sahl nach dem Krieg nicht alles bekannt in Deutschland! Arthur Miller und Thornton Wilder, Tennessee Williams und John Osborne.
Im Exil entstanden auch seine Theaterstücke, Erzählungen, die er in den fünfziger Jahren vergeblich in Deutschland unterzubringen versuchte. Doch die Verlage waren nach dem Krieg vornehmlich an der sogenannten Kahlschlag-Literatur interessiert. Sahl las bei der Gruppe 47, die ihn aber misstrauisch bis reserviert aufnahm. Die jungen Schriftsteller wollten nichts von denen wissen, die schon in Weimar reüssiert hatten. Ausserdem war Sahl jemand, der nicht in die Lobhudelei zu DDR und Ostblock-Kommunismus einstimmen wollte. Mit 87 Jahren – im Jahr 1989 – liess er sich endgültig in der Bundesrepublik nieder, in Tübingen. In seinem Exilroman «Die Wenigen und die Vielen» heisst es: «Wie er so dahin schritt, sich mit Armen und Beinen einen Weg bahnend, glich er einem Schiffbrüchigen, der an eine unbekannte Küste gespült worden ist und sich verwundert umsieht: Wo bin ich?»
Hans Sahl: Memoiren eines Moralisten. Das Exil im Exil. Luchterhand-Verlag. München.


