«Die IGB ist gesund»
tachles: Inwieweit haben die sechs Jahre als Präsident der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) Ihre Sicht auf die Gemeinde verändert?
René Spiegel: Nicht so sehr. Natürlich habe ich mein Amt mit gewissen Vorstellungen darüber angetreten, was man verändern könnte, habe dann aber gelernt, dass der Handlungsspielraum eines Präsidenten wie auch des Vorstandes insgesamt begrenzt ist. Die IGB gibt es seit über 200 Jahren, sie hat eine solide und positive Tradition – da ändern auch ein neuer Präsident und ein noch so initiativer Vorstand in kurzer Zeit nichts Grundlegendes.
Ist die Gesamtausrichtung der IGB trotz einiger Änderungen die gleiche geblieben?
Ich denke schon. Die IGB ist nach wie vor eine sehr gut funktionierende Einheitsgemeinde auf halachischer Basis und mit zionistischer Ausrichtung. Es gibt einen grossen Bestand an Mitgliedern, die einen wesentlichen Teil des täglichen religiösen und sozialen Lebens in der Gemeinde tragen, und daneben einen weiteren Kreis von Mitgliedern, die mehr oder weniger traditionell jüdisch leben und am Gemeindeleben im Alltag weniger Anteil nehmen. Rabbiner Arie Folger, der im Jahr 2003 gewählt wurde und uns bald verlassen wird, hat sich sehr bemüht, die Religiosität der Gemeinde insgesamt zu fördern, ist damit aber nicht in allen Kreisen auf Zustimmung gestossen.
Hat das Rabbinat damit nicht die Bemühungen gefährdet, möglichst viele Mitglieder in die Gemeinde einzubinden?
Das würde ich so nicht sagen, und dies lag und liegt sicher nicht in der Absicht des Rabbiners. Aber natürlich konnten sich die von ihm vorgegebene Richtung sowie sein Ruf als orthodoxer und auf Einhaltung der Formen bedachter Rabbiner so auswirken, dass weniger religiöse Mitglieder sich nicht mehr angesprochen fühlen.
In den vergangenen Jahren wurden Gruppen rund um die IGB wie Ofek, Chabad oder Migwan stärker. Wie viele Gruppen wie diese verkraftet eine Gemeinde wie die IGB?
Sehr viel, ich sehe da weniger Probleme als andere Leute. Die IGB ist ein grosses Gebäude, in dem viel Platz ist. So lange die Aktivitäten gut koordiniert und nicht als Konkurrenz zu verstehen sind, ist uns beispielsweise der Chabad-Rabbiner mit seinen Initiativen und Anlässen sehr willkommen. Auch mit Ofek hatten wir lange Zeit einen guten Kontakt, zumal viele, die dort mitmachen, Mitglieder der IGB sind. Ich bin zuversichtlich, dass sich die Zusammenarbeit wieder zum Positiven verändern wird.
Diese Organisationen zeigen wohl, dass auch eine Einheitsgemeinde nicht allen Bedürfnissen gerecht werden kann.
Ja, und ich glaube, das dies so in Ordnung ist. Es gibt heute in vielen Kreisen ein grösseres Mass an Religiosität, einen Wunsch nach mehr Spiritualität. Diese Bedürfnisse können – auch ausserhalb der jüdischen Gemeinden – in den traditionellen religiösen Institutionen nur zum Teil befriedigt werden. Das Wesentliche für mich als Präsident der IGB war es, wo möglich integrativ zu wirken, irreparable Brüche zu vermeiden. Deshalb habe ich bei sich abzeichnenden Konflikten immer versucht, sie zu lösen oder zumindest nicht auf die Spitze zu treiben.
Wie könnte man passive Mitglieder allenfalls in die Gemeinde einbinden?
Wir haben immer wieder – leider mit wenig Erfolg – versucht, solche der Gemeinde ferner stehende Kreise – auch IGB-Ofek-Mitglieder – dazu zu ermutigen, für den Vorstand zu kandidieren. Natürlich sind Vorstandsmitglieder in der Regel eher Leute, die der Gemeinde schon immer sehr nahe standen. Aber ich hätte es begrüsst, wenn auch weniger Orthodoxe im Vorstand mitarbeiten, so dass dieses Gremium die Gemeinde einigermassen repräsentiert.
Die IGB ist eine vitale und gut funktionierende Einheitsgemeinde. Wo liegen ihre Stärken und Erfolge?
Ich betrachte es als Erfolg dieses Vorstandes, dass Auseinandersetzungen, wie es sie vor wenigen Jahren noch in harschem Ton und grosser Härte gab, mittlerweile sachlichen, meist konstruktiven Diskussionen gewichen sind. Weitere Erfolge sind sicher, dass heute drei Schulen – Ganon, Kindergarten und Primarschule – auf dem Areal der IGB einträchtig zusammenleben und in einem gewissen Rahmen kooperieren und dass wir die Rabbinerwahlen gütlich über die Runden gebracht haben. Inzwischen ist auch deutlich geworden, dass die finanzielle Lage der Gemeinde nicht so negativ ist, wie von einigen befürchtet wurde. Dieser Befund ist wichtig, weil die Aufgabe einer jüdischen Gemeinde nach meiner Auffassung darin besteht, sich selbst am Leben zu erhalten und immer wieder zu erneuern und nicht darin, ein möglichst grosses Vermögen anzuhäufen. Nicht zu vergessen ist natürlich, dass es der Vorstand – zusammen mit dem Rabbiner – durchgebracht hat, dass künftig das Präsidium auch von einer Frau besetzt werden kann. Froh bin ich auch, dass wir jetzt die Sicherheit auf dem Areal durch bauliche Massnahmen deutlich verbessern können.
Was waren die Enttäuschungen Ihrer Amtszeit?
Eine grosse Enttäuschung war, dass die Aufnahme der liberalen Gemeinden in den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) durchgefallen ist. Die IGB konnte damals aus statutarischen Gründen ihren Delegierten keinen Stimmzwang auferlegen, und sie haben denn auch nicht geschlossen gestimmt. Noch bedauerlicher fand ich, dass die danach gefundene Form der Zusammenarbeit zwischen SIG und Liberalen wieder auseinandergebrochen ist. Es ist mir schlicht unverständlich, dass man dafür keinen Weg gefunden hat!
Das jüdische Leben in Basel ist vergleichsweise sehr homogen und gut in die Stadt integriert. Was für eine Gemeinde und was für ein Umfeld hinterlassen Sie bei Ihrem Rücktritt?
Das soziale, politische und wirtschaftliche Umfeld in Basel ist unverändert sehr gut, wie auch die Kontakte zu Regierung, Behörden, den Kirchen und den islamischen Gemeinschaften. Hier konnte eine schöne Tradition weitergeführt werden. Andererseits: Auch wenn ich nicht glaube, dass es heute mehr Antisemiten gibt als zu anderen Zeiten, so fällt doch auf, dass man heute Äusserungen über Juden in der Öffentlichkeit hören und lesen kann, die während vieler Jahre tabu waren. Dies gilt allerdings auch für Äusserungen über andere religiöse und ethnische Minoritäten. Was sich meiner Auffassung nach innerhalb der Gemeinde geändert hat, ist die allgemeine Stimmung, die friedfertiger geworden ist. Woran sich trotz einigen Interventionen noch nichts geändert hat, ist der Umgang der Gemeinde mit interkonfessionellen Paaren. Da ist das Optimum sicher noch nicht gefunden.
Was sind die grössten Herausforderungen für die IGB, und wie wird sich die Gemeinde entwickeln?
Ich glaube, die IGB wird sich weiter so entwickeln wie in den letzten zehn, 20 Jahren. Was ich ihr wirklich wünschen möchte, ist, dass sie sich numerisch stabilisieren kann, denn das ist ihr Hauptproblem, die Abnahme der Mitgliederzahl durch Alia, Wegzug in andere Städte und Länder und Heirat mit Nichtjuden. Innerlich funktioniert die Gemeinde sehr gut, und das verdankt sie den vielen Leuten, die sich einsetzen. Das ist die grosse Stärke der IGB, und ich bin sicher, dass die Bereitschaft vieler Mitglieder, Zeit und Energie einzusetzen, erhalten bleiben wird.
Werden nicht die Diskussionen um numerische und finanzielle Quantität zu sehr über jene der Qualität gestellt?
Wie gesagt halte ich die Diskussionen um die Finanzen der IGB teilweise für Pseudodiskussionen. So waren auch etliche Leute, die sich vor einigen Jahren für die Schaffung und die Arbeit der Zukunftskommission eingesetzt hatten, von den Resultaten des Schlussberichts eher enttäuscht, da dieser in erster Linie Sparvorschläge präsentierte. Das war, auch aus meiner Sicht, eigentlich nicht die Zielvorgabe. Mir und anderen fehlten die grossen Ideen, die Visionen.
Wie sehr soll sich eine jüdische Gemeinde bei nationalen, regionalen oder lokalen Themen politisch engagieren?
Es gibt Bereiche, zu denen sich eine jüdische Gemeinde äussern muss, wie etwa die Flüchtlings- oder Einbürgerungspolitik – Themen eben, die mit uns und unserer eigenen Geschichte viel zu tun haben. Wir sollen uns als Gemeinde auch dann einsetzen, wenn regionalpolitische Tendenzen entstehen, die das bisher friedliche Zusammenleben zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Frage stellen.
In Bezug auf Israel waren die Gemeinden herausgefordert, regional aktiv zu sein. Was ist Ihre Auffassung dazu?
Ich bin diesbezüglich oft im Zwiespalt. Als Gemeinde sollen wir uns dann gegenüber der Öffentlichkeit in jedem Fall äussern, wenn wir angefragt werden oder wenn krasse und belegbare Unwahrheiten verbreitet werden. Ich glaube aber nicht, dass wir immer dann reagieren sollten, wenn ein Journalist einen Artikel über Israel veröffentlicht, der uns nicht passt. Das ist nicht die Aufgabe einer jüdischen Gemeinde. Dafür gibt es unter anderem den Presseattaché der israelischen Botschaft, der die Interessen Israels vertritt.
Gibt es etwas, das Sie dem nächsten Vorstand mit auf den Weg geben möchten?
Rückblickend denke ich, dass wir uns vorwiegend mit unseren eigenen Themen und Problemen befasst und dabei den Bezug zu anderen Organisationen, etwa dem SIG, dem European Council of Jewish Communities oder dem Jüdischen Weltkongress wenig gepflegt haben. Ich meine es durchaus selbstkritisch, wenn ich sage, dass ich das wohl zu wenig gefördert habe. Es wäre also gut, wenn der nächste Vorstand etwas mehr über den Tellerrand hinausschauen und den nationalen und internationalen Bezug stärker betonen könnte. Denn wir sind eine jüdische Gemeinde unter vielen anderen, und gewisse Probleme haben wir alle gemeinsam. Da ist manchmal schon nur ein Meinungsaustausch der Funke, der neue Ideen für Lösungen bringen kann.
Sie waren 15 Jahre im Vorstand und werden nun diese, aber auch Ihre SIG-Tätigkeit beenden. Was kommt danach?
Für mich ändert sich einiges. Ich beende nicht nur meine Vorstandstätigkeit, sondern werde im Sommer 65 Jahre und damit an der Universität automatisch emeritiert. Ich werde zwar auch weiter in Basel und Fribourg Lehraufträge haben und an der Memory Clinic als Konsulent tätig sein. Trotzdem und trotz einem neuen Projekt in Basel ergeben sich grosse Freiräume, und ich muss schauen, wie ich diese füllen werde. Die Zukunft wird es zeigen, und ich lasse sie einfach auf mich zukommen.
Interview: Yves Kugelmann


