Der Chronist der virtuellen Welt
Von Julian Voloj
Niemand kennt Second Life so gut wie er. Darüber ist man sich einig. Denn der in Hawaii geborene Wagner James Au, dessen Name ebenso wie sein Aussehen eine Kombination aus seinen deutschen, irischen und chinesischen Wurzeln ist, ist nicht nur Insider, sondern auch Outsider dieser virtuellen Welt. Als das in San Francisco ansässige Linden Lab 2003 Second Life startete, entschloss man sich, einen Journalisten zu engagieren, um die Entwicklung dieser Welt zu dokumentieren. Wagner James Au wurde damit zum Chronisten von Second Life. Zunächst als Hamlet Linden, so der Name seines Avatars, und seit er sich 2006 von der Firma trennte als Hamlet Au (nur Avatare von Linden-Lab-Angestellten dürfen den Nachnamen Linden tragen)kommentiert er in seinen New World Notes die Geschehnisse in der virtuellen Welt. Dass Linden Lab den Avatar-Nachnamen Au einführte ist eine Hommage an den Chronisten, der weisse Anzug seines Avatars ist dagegen Aus eigene Verbeugung vor dem Journalisten und Schriftsteller Tom Wolfe.
Die New World Notes haben pro Woche zirka 25 bis 30 000 Leser, und vor ein paar Wochen ist Aus Buch «The Making of Second Life» bei Harper Collins erschienen, die bisher beste Dokumentation der virtuellen Welt. Das Buch ist bereits für den brasilianischen Markt ins Portugiesische übersetzt worden. Bearbeitungen für den chinesischen und japanischen Markt sind auch schon in Arbeit, und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die deutsche Übersetzung folgen wird, wenn man an die hohe Präsenz deutschsprachiger Nutzer in Second Life denkt.
Pro Woche verbringt Au normalerweise seine zehn bis 20 Stunden in Second Life. Als er an seinem Buch arbeitete, konnte er nur zwei bis fünf Stunden in der virtuellen Welt verbringen. Und momentan ist wieder eine Durststrecke angesagt, denn seitdem das Buch auf dem Markt ist, reist Au von einem Anlass zum nächsten.
Kein Cheerleader
«Nein, ich sehe mich nicht als Cheerleader für Linden Lab», erklärt Au in einem Exklusivinterview mit tachles, «ich bin lediglich ein Fan der Gemeinschaft, die in Second Life existiert. Als ich die Firma verliess, arbeiteten da damals lediglich 40 bis 50 Leute, heute hat Linden über 250 Angestellte.» Au machte sich kurz vor dem grossen Boom selbständig. Nachdem im Oktober 2006 der millionste Avatar registriert worden war, stürzten sich die Medien auf Second Life, und mit jedem Beitrag über die virtuelle Welt kamen mehr Nutzer hinzu. «Das Erfolgsrezept hängt damit zusammen, dass jeder Einwohner gleichzeitig auch Mitgestalter dieser Welt ist», erklärt Au.
Teil dieser Welt ist auch eine sehr aktive jüdische Gemeinde, die Ende 2006 gegründet wurde. «Es ist eine beeindruckende Gemeinschaft», meint Au, der dafür sorgte, dass in der vor kurzem erschienen Neuauflage des «Official Guide» gleich zwei Seiten der Gründerin Beth Odets gewidmet wurden. Mit knapp 1000 aktiven Mitgliedern aus aller Welt ist die jüdische Gemeinde die aktivste Religionsgemeinschaft in dieser virtuellen Welt, in der es auch Hindus, Mormonen, Muslime und andere Gruppen gibt.
Doch warum bringt man Religion in diese Fantasiewelt? Au zögert. Ganz sicher ist er sich da auch nicht. «Ich glaube, diejenigen, die Religion in Second Life ausüben, sind nicht unbedingt die traditionellen Gamer. Es geht ihnen nicht um das Rollenspiel, sie versuchen also nicht, andere Charakterzüge durchzuspielen, sondern sie sehen Second Life als soziales Spiel an. Die Synagoge wurde ja zunächst nur aus Spass kreiert. Es ging nicht darum, ein Gotteshaus zu erschaffen. Doch dann kamen Leute und identifizierten sich als jüdisch. Ohne es zu planen, wurde ein Zentrum erschaffen, an dem jüdische Leute zusammenkommen konnten. Es geht um das Gemeinschaftsgefühl.» Und in diesem Sinn sind sich Second Life und Judentum sehr ähnlich.
Kreativität ist gefragt
Als Mitgestalter dieser virtuellen Welt hat jeder Benutzer auch die Möglichkeit, richtiges Geld in Second Life zu verdienen. «Etwa 1000 Bewohner dieser Welt verdienen ihren Lebensunterhalt in Second Life, das heisst, sie verdienen mindestens 1000 Dollar im Jahr in der virtuellen Welt», erklärt Au. Es erstaunt daher nicht, dass viele Firmen ihren Weg nach Second Life fanden und versuchen, dort ihre Produkte an den Avatar zu bringen. Oftmals vergeblich. «Im Kontext des Fantastischen müssen die Firmen feststellen, dass ihre Produkte, so wie sie in der realen Welt existieren, langweilig sind. Lediglich diejenigen, die etwas Kreatives in die virtuelle Welt bringen, haben eine Chance auf Erfolg. Und das ist es, was ich an Second Life liebe: Erfolg hat mit Kreativität zu tun. Aussehen, Nationalität, Geschlecht, sozialer Status – all das hat hier keine Bedeutung.»
Nach dem grossen Medienboom ist es nun ruhiger um Second Life geworden. Nur etwa zehn Prozent der Neulinge bleiben auch im Second Life. Viele Firmen haben die Welt enttäuscht wieder verlassen, nachdem sie feststellen mussten, dass ihre Produkte hier keinen Marktwert haben. Dazu kamen noch Skandale um virtuellen Sex und virtuelle Hassprediger. Randerscheinungen, meint Au. «Ja, es gibt virtuelle Neonazis, und ja, es gibt Pornografie in Second Life, aber das gibt es leider auch überall im Internet. Ich glaube, dass das nur ein kleiner minimaler Prozentsatz ist, der von den Medien jedoch hochgespielt wurde.»
Doch die Negativschlagzeilen haben für einige Veränderungen bei Linden Lab gesorgt. Cory Ondrejka, dem technischen Leiter und Linden-Veteran, wurde gekündigt; Philip Rosedale, der Firmengründer, trat als Geschäftsführer zurück und ist künftig nur noch Vorstandsvorsitzender der Firma. Diese Entwicklung ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass Linden Lab langsam erwachsen wird. Andere Firmen wie etwa Google haben ähnliche Entwicklungen vollzogen, doch vollzogen sich die Wechsel hier, als die Schlagzeilen bereits negativ waren.
Das Bewährungsjahr
«Dieses Jahr wird eine Bewährungsprobe für Linden Lab sein», meint Au. «Ist Second Life wirklich dem Massenmarkt gewachsen, oder wird es nur eine unter vielen virtuellen Welten sein. Ich bin optimistisch und weiss, dass Linden momentan daran arbeitet, Second Life zu verbessern.» Zu den technischen Innovationen der letzten Wochen gehört etwa die neue Suchmaschine, die von Google betrieben wird und die es Benutzern erlaubt, Orte, Personen und Events in Second Life einfacher zu finden.
«Vielleicht wird Second Life nie ein Massenphänomen des Internets werden. Muss es auch gar nicht. Es gibt ungefähr zehn Millionen Blogger. Ungefähr 100 Millionen Menschen benutzen Social Network Websites wie Facebook, aber bedenkt man die Milliarden von Internetnutzern, dann sind das nur Randerscheinungen des Internets», und dann fügt Au hinzu: «Für diejenigen, die Second Life nutzen, ist es erfolgreich. Daran gibt es keinen Zweifel.»


