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16. Mai 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 20 Ausgabe: Nr. 20 » May 16, 2008

Zwei jüdische Völker in einem Land

May 16, 2008
Asher Maoz zur Lage in Israel

Diese Bemerkungen schmerzen, doch sie müssen laut und klar formuliert werden: Zwei Völker leben in diesem Land, beide jüdisch – sie und wir. Sie, das sind die Ultraorthodoxen, die sich als die Emissäre Gottes auf Erden betrachten. Wir, das ist der ganze Rest – Säkulare, Traditionelle und Religiöse. Nicht, dass man von einer plötzlichen Trennung sprechen könnte; wir waren nie ein Volk. Wir machten uns das nur vor. Sie wussten stets, dass wir keins waren.

Was haben wir nicht alles gemacht, um die Einheit zu bewahren? Wir waren bereit, zuzugeben, dass sie die Personifizierung des wahren Judentums waren. Wir waren einverstanden mit Trauungen und Scheidungen gemäss den Gesetzen von Moses und Israel, basierend auf ihrer Version. Wir akzeptierten – freiwillig oder mit knirschenden Zähnen – Einschränkungen für unseren Lebensstil; wir willigten ein, das uns als Schweigegeld abgerungene Status-quo-Abkommen zu ignorieren, damit sie nicht vor der Uno aufmarschieren würden, um sie zu überzeugen, die Gründung des jüdischen Staates zu verhindern. Wir sandten unsere jungen Männer und Frauen aus, um sie zu verteidigen, während sie ihre Zeit in den Jeschiwot zubrachten oder in den Strassen spazierend, wir willigten ein, sie zu unterstützen, da sie ja ihren Lebensunterhalt nicht selber verdienen konnten.

All dies hat uns nicht gut getan. Sie fuhren fort, die Früchte unseres Entgegenkommens von uns zu beziehen, ohne uns irgendetwas im Austausch zu geben. Es entstand ein einseitiger Vertrag: Wir geben, sie nehmen. Sie verkauften uns das verlogene Argument, wir müssten ihren Forderungen nachgeben, um die Einheit des Volkes zu bewahren. Das ist eine Lüge. Die Familien-Stammbäume sind klar festgehalten. Haben Sie je einen Ultraorthodoxen gesehen, der ausserhalb seiner Untergruppe geheiratet hätte? Unsere Bereitschaft, Einschränkungen im Widerspruch zu unserem Lebensstil und Gewissen zu akzeptieren, ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Als Gegenleistung machen sie uns klein, zweifeln unser Judentum an, unternehmen alles in ihrer Macht Stehende, um die Dinge schwer zu gestalten für uns und uns das Judentum, vielleicht die grösste Kreation auf Erden, zu verekeln.

Und jetzt haben sie uns die Scheidungsurkunde ins Gesicht geschleudert. Mit einer Handbewegung haben sie die Konversion einer vor 15 Jahren zum Judentum übergetretenen Frau annulliert. Automatisch gilt das auch für ihre Kinder. Handelt es sich hier um jemanden, der Gott behüte von einem Reformrabbiner ins Judentum aufgenommen worden ist? Nein, die Konversion war von Rabbiner Haim Druckmans rabbinischem Gericht vollzogen worden, dem Leiter der religiösem Bne-Akiwa-Jugendbewegung und dem Vorsitzenden des Gerichtswesens für Übertritte. Das Oberste rabbinische Gericht ruhte nicht, bis nicht alle von Rabbiner Druckman vollzogenen Konversionen angeschwärzt und für «null und nichtig» erklärt hatte.

Mit einem Federstrich entfernten die rabbinischen Richter Tausende von Menschen samt ihren Kindern sozusagen aus der jüdischen Mitte, wobei Rabbiner Druckman gleich noch verflucht und schlechtgemacht wurde. Sie taten all das, ohne jeden einzelnen Fall zu untersuchen und im Widerspruch zu allen Grundsätzen des jüdischen Religionsgesetzes, der Halacha.

Rabbiner Druckman ist nicht auf meine Verteidigung angewiesen. Seine religiöse Praxis ist nicht weniger strikt als die der drei rabbinischen Richter, die ihn mit Schmutz bewarfen. Sicher sind seine Thorakenntnisse grösser die ihrigen. Rabbiner Druckman hat vielleicht den Fehler, unter Mangel an Liebe zum und seinem Verantwortungsbewusstsein für das jüdische Volk zu leiden. Ich dachte immer, die Thora befehle uns, solche Eigenschaften zu entwickeln. Offenbar habe ich mich geirrt, zumindest wenn ich auf das Wirken der drei respektierten rabbinischen Richter abstelle.

Aus diesem Grund haben wir mehr als genug von ihren Beleidigungen. Wir sind keine schlechteren Juden als sie, im Gegenteil: gutes Benehmen kommt vor der Thora. Menschlichkeit ist keine Antithese zur Jüdischkeit, sondern sie leitet sich vielmehr von ihr ab.

Ein Mensch, der seinen Bruder von der Beerdigung des Vaters verbannt, nur weil dieser kein ultraorthodoxes Leben mehr führt, ist auch dann keine bessere Person als der Bruder, wenn die Ultraorthodoxen ihn als «Vater der Moralität» betrachten. Wer den Tod seines Bruders nicht betrauert, hat auch dann alle menschlichen Züge verloren, wenn er auf Geheiss des Mannes handelt, der als der grösste «possek» (Interpret jüdischer Gesetze) der Generation gilt.

Ein Gericht, das einer Frau den Erhalt der Scheidungsurkunde verwehrt und sie damit als «aguna» (Angekettete) belässt, ist hartherzig. Ein Gericht, das es wagt, das Judentum von Konvertiten zu annullieren, handelt gegen die Halacha. Es sollte auch erwähnt werden, dass diese Übergetretenen und ihre Kinder jene verteidigen, die sich im Zelt des Thorastudiums verstecken. Jene, die es wagen, das Judentum dieser Konvertiten anzufechten. Nicht wenige von ihnen liegen auf den Militärfriedhöfen im ganzen Lande begraben, weil sie ihr Leben der Beschützung des Volkes Israel geopfert hatten, auch jener Menschen, die sie nun post mortem beleidigen.

Und wen haben wir dafür verantwortlich zu machen? Wir selber haben es zugelassen. Wir haben zwei rabbinische Gerichte ernannt und dabei den Aufschrei von Frauenbewegungen, auch orthodoxen, ignoriert. Erst kürzlich haben wir die Zusammensetzung religiöser rabbinischer Gerichte vollendet, deren Mitglieder fast ausschliesslich aus dem Bereich der Ultraorthodoxie stammen.

Wir waren in einer solchen Eile, dass der Justizminister die Ernennungen durchboxte, obwohl die Kandidaten den nötigen Kriterien nicht genügten.





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