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16. Mai 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 20 Ausgabe: Nr. 20 » May 16, 2008

Keiner lebt von Brot allein

May 16, 2008
Die gebürtige Zürcherin Adina Tal leitet die einzigartige israelische Theatergruppe Nalaga’at – ein Ensemble aus elf taubblinden Schauspielern. Jetzt wurde in Yafo ein Theaterzentrum errichtet, wo die Gruppe regelmässig auftritt.

Niemand kann von Brot allein leben. Ein fröhliches Kindergesicht, ein stahlblauer Himmel, ein guter Kinofilm, ein unbeschwerter Abend in einem netten Restaurant. Es gibt vieles, was das Leben lebenswert macht, vieles, wovon die elf Schauspieler des ungewöhnlichen und weltweit wohl einzigartigen Ensembles Nalaga’at («Bitte berühren») nur träumen können. Denn alle sind sie taubblind, einige leiden am sogenannten Usher-Syndrom; die Betroffenen kommen taub oder fast taub zur Welt und erblinden mit den Jahren. Es ist ein Leben in vollkommener Isolation und Dunkelheit, abgeschottet von der Welt «draussen». «Not by Bred Alone» heisst das neuste Stück der Theatergruppe, die von der gebürtigen Zürcherin Adina Tal geleitet wird. Nach dem grossen Erfolg des ersten Stücks «Light is Heard in Zig Zag», mit dem die Gruppe auch auf Tournee in der Schweiz und in den USA war, überrascht Nalaga’at diesmal, nach zweijähriger Vorbereitungszeit, mit einer verbesserten, grandiosen Leistung, einem professionellen Bühnenbild und – vor allem – mit dem neuen Theater am Hafen von Yafo, dem neuen «Zuhause» der Gruppe nahe Tel Aviv. Im vergangenen Dezember wurde das Zentrum in einer ehemaligen Lagerhalle unterhalb von Yafos Altstadt eröffnet und es kann sich zeigen lassen: Ein weiss getünchtes, helles und freundliches Gebäude, modern renoviert, mit einem grossen Eingangsbereich, einem gemütlichen Bistro-Café, in dem gehörlose Kellner die Bestellung aufnehmen, und einem Restaurant im Dunkeln mit blinden Kellnern. Der Theatersaal beherbergt bis zu 300 Zuschauer und verfügt über ein professionelles Licht- und Soundsystem. Die Totalrenovierung der alten Lagerhalle wurde vom Architekten Eyal Ziv durchgeführt, der bereits in diverse andere Architektur-projekte in Yafo involviert ist.

Pionierarbeit geleistet

Die ausländischen Besucher des Zentrums finden sich nach der Vorstellung im Café in kuriosen Situationen wieder, wenn ihnen plötzlich klar wird, dass es für einmal nicht reicht, Hebräisch nur zu sprechen: Der Kellner schiebt den Gästen eine kleine Notiztafel zu, damit sie dort ihre Bestellung aufschreiben sollen – auf Hebräisch wohlgemerkt. Die Rollen sind auf einmal vertauscht: Wo im Alltag der Gehörlose auf Hilfe angewiesen ist, so sind es hier, im Nalaga’at-Zentrum, die Besucher.

«Die grösste Herausforderung momentan ist nicht die Arbeit mit den taubblinden Schauspielern, sondern die Erhaltung dieses Zentrums», sagt Adina Tal, die mit dem ambitionierten Projekt Pionierarbeit leistet und eine einzigartige Oase geschaffen hat, in der behinderte Menschen ein Stück Lebensqualität gewinnen, die sie vorher nie hatten und von der sie auch nicht zu träumen wagten. «Natürlich würde ich ein solches Theaterstück wie das letzte nicht mit gesunden Schauspielern einüben», sagt Tal. «Aber man sollte auch nicht immer ‹Wie die anderen› sein wollen. Wer nur ein Bein hat, der tanzt auch nicht wie ein gesunder Mensch mit zwei Beinen.» Dennoch beeindruckt, was Regisseurin Tal mit dem Ensemble erarbeitet hat: Einige der Schauspieler bewegen sich zeitweise frei und ohne Betreuer auf der Bühne – und dies obwohl sie blind sind und nichts hören.

Neue Art der Herausforderung

Das Zentrum beschäftigt über 40 Angestellte, darunter auch «Übersetzer» für die Schauspieler, die hinter und auf der Bühne als Bindeglied zur sehenden und hörenden Welt dienen und mittels taktiler Gebärdensprache (der Taubblinde legt dabei seine Hände auf die gebärdenden Hände seines Gesprächspartners) oder Lormen (der «Sprechende» macht auf der Handinnenfläche des «Lesenden» Zeichen) eine Kommunikation aufrechterhalten. «Das Zentrum bedeutet für die meisten Mitarbeiter eine neue Art der Herausforderung», erklärt Adina Tal. «Viele der gehörlosen Kellner zum Beispiel arbeiten zum ersten Mal mit andern Betroffenen zusammen, und die Schauspieler müssen auf einmal Verantwortung übernehmen.» Die dreimal wöchentlich stattfindenden Vorstellungen, zu denen auch viele ausländische Gruppen und Schulklassen kommen, verpflichten.

Das Wichtigste für Adina Tal ist es zurzeit, das erste Jahr erfolgreich hinter sich zu bringen. Bereits sei auch schon eine Anfrage aus New York eingegangen, dort ein solches Zentrum zu eröffnen. Doch Tal möchte sich vorerst auf ihr Projekt in Israel konzentrieren, das auf finanzielle Unterstützung angewiesen ist. Die Non-Profit-Organisation lebt vor allem von Spenden, Einnahmen der Vorführungen, von der Bituach Leumi (Nationalversicherung) und von Zuschüssen vom Wohlfahrtsministerium. Doch der Unterhalt eines so einmaligen und ambitionierten Zentrums verschlingt eine grosse Summe an Geld.

Erster Akt, der Vorhang geht auf, die elf Schauspieler stehen auf der Bühne und kneten Brotteig. Während der eineinhalbstündigen Vorstellung hängt der Geruch von frisch gebackenem Brot in der Luft. Zum Schluss wird das Publikum auf die Bühne eingeladen und darf vom gebackenen Brot und vom ebenfalls während der Vorstellung auf der Bühne hergestellten Pesto probieren. Ein in jeder Hinsicht die Sinne berührender Abend geht zu Ende.

Danie Zafran

Weitere Informationen unter www.nalagaat.org.il.





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