Israel 60 Jahre nach der Gründung Kosmopoliten im eigenen Land.
herrscht Krieg, oder man ist vor dem nächsten Krieg
Ein Anachronismus, aus einer anderen Zeit stammend – ja der Ethos des Staates aus der Vorkriegszeit gegründet, die in Europa schon lange vergangen ist. Eine Volksarmee, eine Besatzungsmacht, keine offenen Grenzen, eine Kämpferkultur, die ihre eigenen jüdischen Ursprünge verleugnet. Furchtlos noch immer im «Nie wieder wir» lebend, wenn sich andere schon im «Wir sind doch alle Opfer»-Gehabe wohlfühlen wollen. Nachkriegseuropa wurde in der Tat das Europa nach dem Krieg. In Israel ist die Nachkriegszeit noch nicht angebrochen.
Es herrscht Krieg, oder man ist vor dem nächsten Krieg.
Der Zionismus von Herzl wollte die Existenz der Juden normalisieren, sie heimholen in die Geschichte, aus Kosmopoliten und Luftmenschen Staatsbürger schaffen, die in Frieden mit sich und ihrer Umwelt leben können, und hat dabei genau die Unnormalität geschaffen, in der sich heute jüdische Israeli befinden. Die marginale Rolle der Juden aus der vorzionistischen Zeit wurde nun in die Ära der Souveränität hineingeschleudert. Einst waren die Juden als Juden marginal, nun sind die Juden als israelische Staatsbürger marginal. Einst waren die Juden anachronistisch, weil sie nicht dazugehörten. Heute ist Israel marginal, weil es im Zeitalter der Souveränitätslosigkeit und des Menschenrechtsregimes an die Souveränität und die partikularen Rechte des souveränen jüdischen Volkes glaubt, das weiter in einem feindlichen Umfeld überleben will.
In einer Zeit, in der die Gewalt nicht mehr legitim ist, muss Israel an die Tugend der Gewalt glauben, wenn es überleben will. In der Tat ein Anachronismus. Aber «Fortschritt» war für Juden schon immer ein ambivalenter Begriff, und das nicht nur in Israel. Formulierte Maximen sind ohne die Leidenschaft der Identität nur leere Phrasen. Auch das hat man in Israel nach 60 Jahren schon ziemlich gut begriffen. Man kann natürlich noch den Slogans der französischen Revolution nachweinen, die den Juden Freiheit und Gleichheit versprochen haben. Juden konnten sich damit Respekt als Staatsbürger einholen, aber als Juden hatten sie immer noch keinen Respekt verdient. Gerade die Aufklärung wollte und kannte den Begriff der Menschheit (gegen die später Verbrechen verübt werden konnten) und tat sich schwer gegenüber denjenigen, die sich der menschlichen Humanität nicht unterwerfen wollten. Tolerant war die Aufklärung nur gegenüber Gleichgesinnten und denjenigen, die sich anpassten. «Den Juden als Nation muss man alles verweigern; als Individuen muss man ihnen alles zugestehen.» So hiess es in Frankreich nach der französischen Revolution, und dieser Ausspruch wurde zum Inbegriff der gescheiterten jüdischen Assimilation in Europa. Denn letztendlich forderte er eine Konvertierung der Juden. So wie heute die aufgeklärte Intelligenz der Welt -Israel auffordert, zum Postnationalismus zu konvertieren. Gerade die Ideale der -Aufklärung selbst sind es gewesen und sind es immer noch, die der Legitimität der jüdischen Existenz und damit auch der Ausübung jüdischer politischer Souveränität im eigenen Land die Grundlagen entziehen wollen. Damit drückt der iranische Präsident nur den gängigen Zeitgeist aus.
Religiöse Elemente einbeziehen
Aus diesem Grund gehören auch die Spannungen zwischen den orthodoxen und säkularen Juden in Israel zur politischen Alltagssprache. Das «aufgeklärte» Israel und die post-säkulare Welt ausserhalb Israels haben dann aber auch keine Sprache, die neben den Worten der heiligen jüdischen Schrift bestehen kann. Das heisst dann auch, Religion in seiner politischen Formulierung ernst zu nehmen – dies ist gerade in Zeiten des Niedergangs des säkularen Zionismus und der Stärkung des religiösen Zionismus wichtiger denn je. Denn die Geschichte beginnt nicht 1967 mit der Eroberung, sondern sie geht zurück zum Beginn des 20. Jahrhunderts, wo die zionistische Bewegung darüber diskutierte, ob denn ein anderes Territorium (wie zum Beispiel Uganda) als das Land Israel für die Rückkehr der Juden nach -Zion in Frage käme.
Jeder Kampf um Demokratie in Israel muss daher mehr und nicht weniger religiöse Elemente des Judentums einbeziehen. Das heisst hier auch, dass «säkulare» und «aufgeklärte» Juden in Israel eine Variante der Aufklärungstradition entwickeln müssen, die auf jüdische partikulare Bedingungen eingeht. Im «anderen» Lager sollten jüdisches Gesetz und religiöse Kultur die krea-tive Flexibilität wiederentdecken, die Teil jahrhundertelanger Diasporakultur war. Das wird eine der entscheidenden Aufgaben für Israels Zukunft sein. Das ist der Punkt, an dem Israel 60 Jahre nach seiner Gründung steht. Es muss nach innen die Spannung zwischen den Polen der Moderne aushalten: auf der einen Seite das Einhalten des politischen Versprechens der Freiheit für das jüdische Volk, das selbst bestimmend in einer dynamischen Demokratie lebt, auf der anderen Seite permanente Infragestellung des eigenen Volkes von aussen. Dazu kommt das Problem, dass die -Juden fast keine eigenständige jüdisch--politische Theorie kennen. Der Verlust der politischen Souveränität vor mehr als 2000 Jahren bedeutete auch den Verlust einer autonomen politischen Theorie. Und das trotz der ungeheuren politischen Herausforderungen. Dazu gehören auch die Erkennung des politischen Feindes und die Fähigkeit, politische Entscheidungen zu treffen, die mit diesem Feind umgehen können. Politische Freunde können zu politischen Feinden werden, politische Feinde zu politischen Freunden.
Politische Bedingungen können sich ändern. Der Antisemitismus mag zwar ewig sein, politische Verhältnisse sind es nicht. Sie ändern sich ständig. Natürlich haben die Juden gerade im 20. Jahrhundert Erfahrungen mit einem Feind gemacht, der durch keine Politik seine Feindschaft aufgab. Aber gilt das auch für den souveränen jüdischen Staat? Gleichzeitig sollte man den Begriff «Frieden» nicht messianisch mit unpolitischen Begriffen wie Vertrauen, Liebe und Ewigkeit aufladen. Frieden im Nahen Osten kann nur politisch sein, also eine Allianz zwischen Staaten gegen andere Staaten, an der Is-rael teilnehmen kann und muss. Iran kann daher mal innerhalb und mal ausserhalb dieser Allianz liegen.
Die jüdische politische Praxis
Sicherheit als aussenpolitischer Begriff einer friedlichen Endzeit macht in einer solchen Konstellation keinen Sinn. Friede soll daher politisch definiert werden und nicht nur mit Begriffen aus der Religion oder dem Privatleben verwechselt werden. Auch geht es bei Frieden nicht um Gerechtigkeit oder historische Rechte. Mit Politik wird keine Moral gemacht. Dazu ist eine kreative politische Virtuosität notwendig. Das ist die Politik, die ausserhalb der Religion liegt und die Virtuosität verlangt, damit die Politik in jüdischem religiösem Rahmen verstanden werden kann. Hier kann der souveräne jüdische Staat auf die jü-dische Geschichte der -Diaspora zurückgreifen, die ohne Souveränität war. Dies ist besonders schwierig, da das jüdische Exil gerade von der israelischen politischen Kultur als ein Widerspruch in sich begriffen wird.
Schwierig, aber nicht unmöglich. Es mag zwar keine jüdische politische Theorie geben, aber eine jüdische politische Praxis hat schon immer existiert. Diese politische Virtuosität weiss, wie man politische Verbindungen eingeht, sie wieder auflösen kann und wie man sich politisch bewegen kann. Natürlich ist nun diese über mehr als 1000 Jahre politische Erfahrung vom Holocaust überschattet. Das heisst wiederum nicht, dass man leichtsinnig mit dieser Erinnerung umgehen soll. Jüdisches Leben ist nicht immer garantiert. Alle Optionen sollen offen sein und man kann sich politisch nicht nur von der Erinnerung leiten lassen. Politische Souveränität heisst auch politische Entscheidungen treffen können. Politische Entscheidungen treffen heisst auch, sich von der Vergangenheit befreien können und damit auch Risiken eingehen. Politische Entscheidungen treffen heisst auch neu beginnen zu können.
Kreativ-dynamische Gesellschaft
Und trotzdem. Israel ist eine dynamische Gesellschaft. Wohl nirgendwo treffen Ost und West in so einer kreativen Form aufein-ander wie in Israel. Dafür hat schon die Einwanderung aus aller Herren Ländern gesorgt. Unser Leben ist nicht nur von Ideologie und Leid bestimmt. Die meisten Menschen wollen ein kleines und ideologiefreies Leben führen, ihre Kinder in die Schule schicken, Urlaub machen, einen neuen Fernseher kaufen, einen Kaffee trinken gehen und kein besonders auffälliges Leben führen. Nicht um Normalität geht es, die macht die israelische Wirklichkeit fast unmöglich. Aber um kreative Alltagsformen. Israel hat eine starke performative und virtuose Kraft. Das wird zu oft übersehen.
Oft ist auch die israelische Alltäglichkeit mit dem Leiden anderer Menschen konfrontiert. Keine Fernsehsendung ohne die bombardierte Stadt Sderot im Süden Israels. Jeden Tag liest man in Is-rael über das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung. Auch das ist Teil des zionistischen Alltags. Der Nahe Osten ist ein Meer der Gewalt, des Leidens, der Unterdrückung, der Angst vor Terroranschlägen, der Angst vor einem gewaltsamen Tod, der zu jeder Zeit in den Alltag einbrechen kann. Und so wird das zionistische Wunder auch im Be-wusstsein der Menschen oftmals nicht präsent. Die Ausübung politischer jüdischer Souveränität ist gegeben und doch nicht gegeben. Man weiss ins-tinktiv, dass auch die Kinder, die man grosszieht, hier nicht in Frieden werden -leben können. Keiner weiss, wie man seine Kinder in einem nationalen Kampf beschützen kann. Jeder, der hier lebt, weiss das, ja muss es wissen. Denn dieser Staat existiert nicht nur um der Ausübung politischer Souveränität willen. Politik ist nur ein Mittel für den Grund des Staates: die Erneuerung und Rettung der Juden und ihrer Zivilisation in dieser Welt.
Natan Sznaider


