Gegen Antisemitismus
Casablanca
Von Alexander Hasgall
Eine «Kultur der Toleranz» ist nur eine der Forderungen, welche die im Februar dieses Jahres von verschiedenen Künstlern und Politiaktivsten gegründete marokkanische Organisation Mémoire collective erhebt. Mohammed Mouha, Initiator von Mémoire collective und deren Präsident, erklärt gegenüber tachles, dass sich seine Organisation der Bekämpfung von Diskriminierung und Rassismus widmet und dabei ein besonderes Augenmerk auf den Kampf gegen den Antisemitismus richtet.
Antiisraelische Massendemonstrationen
Der Kampf gegen den Antisemitismus ist auch in Marokko notwendig. Zwar gilt das Land immer wieder als Beispiel dafür, dass auch in der islamischen Welt ein friedliches Zusammenleben zwischen Muslimen und Juden möglich sei. Dabei wird unter anderem der sozialdemokratische Politiker Simon Levy genannt, der 1998 zum ersten jüdischen Parlaments-abgeordneten in der arabischen Welt gewählt wurde, oder der jüdische Bankier André Azoulay, der offiziell als Berater des marokkanischen Königs amtiert. Daneben tritt Marokko gerne im Rahmen des Nahostprozesses als Vermittler zwischen den Parteien auf.
Jedoch sollte man sich trotz dieser durchaus positiven Aspekte vor voreiliger Euphorie hüten. Die einstmals sehr grosse jüdische Gemeinschaft Marokkos ist fast vollkommen verschwunden, die meisten Juden sind nach Israel ausgewandert. Antizionismus ist weit verbreitet, während der zweiten Intifada und des Irak-Kriegs fanden in Marokko die grössten antiisraelischen Massendemonstrationen in der islamischen Welt statt.
Auch renommierte Experten wie der Buchautor und Nordafrika-Korrespondent der französischen Tageszeitung «Le Monde» Jean-Pierre Tuquoi bewerten die Situation in Marokko als problematisch. Gegenüber einem kanadischen Nachrichtenmagazin wies er auf den sich -verstärkenden Einfluss islamistischer Gruppen auf die Politik und das Leben im Lande hin. Tuquoi konstatiert eine Islamisierung des Landes, mit der auch ein Anwachsen von Antisemitismus einhergehe. Kritisch bewertet er die Politik des 1999 inthronisierten Königs Mohammed VI. Dieser führe die Politik seines verstorbenen Vaters Hassan II. weiter, der die Islamisten als Waffe gegen die linke Opposition gefördert hatte.
Drohungen gegen die Initianten
Den Einfluss islamistischer Kräfte kriegen auch die Gründer von Mémoire collective zu spüren – sie wurden bereits mehrfach an Leib und Leben bedroht. Islamistische Organisationen wie die inzwischen verbotene Partei Al Badil Al Hadari und die Partei für Gerech-tigkeit und Entwicklung riefen zur -Gewalt gegen die Mitglieder von Mémoire collective auf. Mouhas 15-jährige Tochter, die zusammen mit einem anderen -Jugendlichen im Januar 2008 an einer -Gedenkveranstaltung in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem teilnahm, wurde persönlich bedroht. Gleichzeitig weigern sich gemäss Mouha die marokkanischen Sicherheitsbehörden bis - heute, die Mitglieder von Mémoire -collective effektiv vor solchen Angriff zu beschützen.
Auch sonst ist die Rolle des marokkanischen Staates zwiespältig: Beispielsweise sei eine zum Jahrestag der Terroranschläge von Casablanca 2003 auf Mai 2007 angesetzte Tagung zum Thema Antisemitismus von Seiten des damaligen marokkanischen Innenministers Fuad Ali el Himma gezielt hintertrieben worden. Insgesamt befinde sich Marokko, so Mouha, am Scheideweg zwischen Demokratie und Diktatur. Die Gründung von Mémoire collective sei daher auch als Versuch zu verstehen, sich als zivilgesellschaftlicher Akteur in die öffentliche Diskussion einzubringen.
Internationale Vernetzung
Die Arbeit von Mémoire collective -zeichnet auch eine breite internationale Vernetzung aus. In diesem Zusammenhang verweist Mouha auf die guten Kontakte zur Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Mit Gert Weisskirchen, dem persönlichen Beauftragten des OSZE-Vorsitzenden zur Bekämpfung des Antisemitismus, habe man sich bereits getroffen. Des Weiteren arbeite man mit dem in Berlin behei-mateten Internationalen Institut für -Bildungs- Sozial- und Antisemitismusforschung (IIBSA) eng zusammen.
Auf die Frage, aus welcher Motivation das IIBSA Mémoire collective unterstützt, erklärt dessen Vorsitzender Robin Stoller, dass Mémoire collective ein «extrem wichtiges Novum» darstelle. So habe es bisher keine «öffentlich agierenden Organisationen, die ihren Schwerpunkt auf den Kampf gegen Antisemitismus in Ländern mit mehrheitlich arabischen oder islamischen Bevölkerungsteilen legen» gegeben. Stoller ist überzeugt, dass die Gründung und die Aktivitäten von Mémoire collective -«längerfristig wichtige Auswirkungen haben werden, sowohl auf Marokko als auch auf die Teile der europäischen -Bevölkerungen mit Migrationshintergrund sowie auf andere arabische oder islamische Staaten». Stoller verweist schliesslich auch auf eine Solidaritäts-erklärung, in der der marokkanische Staat aufgefordert wird, die Mitglieder von Mémoire collective wirksam zu schützen.
Eine englische Version der Solidaritätserklärung ist unter www.iibsa.org zu finden.


