Alles, was geht?
Es sollen möglichst viele gesunde Babys zur Welt kommen
Von Martina Keller
Die 40-jährige Yentel ist in Mea Shearim aufgewachsen, dem ältesten Stadtteil von Jerusalem ausserhalb der Altstadt. Jüdisch-orthodoxe Familien leben dort abgeschottet von der säkularen Welt, ohne Fernsehen, Kino und Internet. Yentel ist die zehnte von 16 Geschwistern. Ihre Familie lebte in zwei Räumen, berichtet sie. Manchmal schlief Yentel bei einer älteren Frau in der Nachbarschaft, weil im Haus zu wenig Platz für sie war. Sie besuchte eine religiöse Schule und lernte dort, was alle orthodoxen Mädchen lernen: Hausfrau und Mutter sein.
Doch Yentel war schon als Teenager anders als andere Mädchen ihrer Gemeinschaft. Sie schminkte sich und trug ihr Haar offen. Mit 20 verliebte sie sich in ihren späteren Mann und setzte durch, dass sie ihn heiraten durfte. Üblicherweise suchen in orthodoxen Familien die Eltern den Ehepartner aus. Nach ihrem dritten Kind beschloss sie, Hebamme zu werden. Nach dem vierten entschieden sie und ihr Mann, keine weiteren Kinder zu bekommen. Wenn Freundinnen sie deswegen bemitleiden, sagt sie: «Das war meine Entscheidung. Haben wir hier einen Wettbewerb, wer die meisten Kinder in die Welt setzt?»
Orthodoxe Familien haben im Schnitt acht bis neun Kinder, nicht selten auch mehr. Miriam aus New York war ein Vierteljahrhundert lang entweder schwanger oder stillte gerade eines ihrer 16 Kinder. «Es ist das Wesen einer Frau, zu nähren», sagt sie. Seid fruchtbar und mehret euch – dieser Satz aus der Genesis, der zur christlichen Bibel wie zur Thora gehört, ist für sie die erste Mizwa, das höchste Gebot. Noch etwas kommt hinzu: Miriams gesamte Familie litt im Holocaust, mehrere Onkel und Tanten hat sie verloren. Durch ihre Kinder will sie dazu beitragen, den Menschenverlust auszugleichen.
Auch im säkularen Israel ist dieses Motiv häufig zu hören. Das Gefühl existenzieller Bedrohung befeuerte die Entstehung des Staates und wird durch seine geografische Lage wach gehalten. Israel ist umgeben von arabischen Staaten mit einer schnell wachsenden Bevölkerung. Der starke Wunsch der Israeli nach Nachwuchs verbindet sich mit nahezu unbegrenztem Vertrauen in die moderne Medizin. Diese Aufgeschlossenheit gegenüber der Wissenschaft sei Teil des zionistischen Erbes, sagt die österreichische Politologin Barbara Prainsack, die über Biomedizin in Israel promoviert hat. Das Land hat die meisten Fruchtbarkeitskliniken pro Einwohner und mit Abstand die höchste Jahresrate an künstlichen Befruchtungen.
Ohne Kind kein Glück
Israel ist in vieler Hinsicht extrem, wenn es um die Fortpflanzungsmedizin geht. Was anderswo heiss diskutiert oder sogar verboten ist, wird hier akzeptiert. So erlaubt Israel die Leihmutterschaft, wenn eine Kommission der Vereinbarung zugestimmt hat. Die Samenbanken stehen Singlefrauen wie Lesben offen. Stirbt ein Mann, etwa bei einem Unfall, so darf ihm nach dem Tod Sperma entnommen werden, damit seine Frau sich befruchten lassen kann. Die Präimplantationsdiagnostik (PID), bei der Embryonen vor der Einpflanzung im Reagenzglas auf Gen-Schäden untersucht und aussortiert werden, ist hier eine Routineprozedur. Wollte man in der Biomedizin zwei globale Gegenpole bezeichnen, so wären dies Israel und Deutschland – der eine Staat ist extrem liberal und wenig reguliert, der andere eher restriktiv. Nach einer vergleichenden Untersuchung aus den neunziger Jahren fanden es zwei Drittel der israelischen Humangenetiker unverantwortlich, wissentlich ein Kind mit schweren Erbschäden zur Welt zu bringen. Nur acht Prozent der deutschen Kollegen teilten diese Ansicht. Die Publizistin Tamara Traubman fragt in Anbetracht solcher Ergebnisse: «Sind also die Deutschen heute die Moralisten und wir sind die Nazis?»
Die deutsche Bioethik ist geprägt von den Nürnberger Prozessen, als nationalsozialistische Ärzte sich vor Gericht für ihre Verbrechen an Juden und anderen Gruppen verantworten mussten. Auch in Israel bestimmt der Holocaust die Haltung zu vielen Fragen. Allerdings haben Juden ihn als Opfer erlitten, während Deutsche die Täter waren.
Jehoshua Dor vom staatlichen Sheba Medical Center am Tel-Hashomer-Krankenhaus bei Tel Aviv ist einer der berühmtesten Fortpflanzungsmediziner in Israel. Mit seiner Hilfe kam 1982 das erste im Reagenzglas gezeugte israelische Baby zur Welt. Die PID, in anderen Ländern verboten oder nur bei schweren Erbkrankheiten erlaubt, setzt Dor auch ein, um taube oder blinde Embryonen zu erkennen. Demnächst will er die vorgeburtliche Diagnostik auf das BRCA-Gen ausdehnen – die Trägerinnen werden vielleicht als Erwachsene an Brustkrebs erkranken. Und die Geschlechtswahl mit Hilfe der PID, bislang nur in Ausnahmefällen möglich, sähe er gern als Routineverfahren.
Der 60-jährige Dor kennt die Diskussion in Deutschland um derlei Fragen, und er hat eine Meinung dazu: «Die Deutschen fürchten nach diesem Trauma, dass man sie anklagt. Aber es ist eine Überreaktion, wenn sie Verfahren beschränken, die von der medizinischen Gemeinschaft weltweit akzeptiert sind.»
Es wäre untertrieben in Israel nur von Akzeptanz zu sprechen. Der Hype um die Fortpflanzung kennt kaum Grenzen. Die Option einer In-vitro-Fertilisation (IVF) ist schnell zur Hand – der Staat finanziert solche Reagenzglasbefruchtungen fast vollständig bis zum zweiten Kind aus einer Beziehung. Bindet ein Partner sich neu, hat er nochmals das Recht auf bezahlte Zeugung im Labor – eine weltweit einzigartige Regelung. Für Patientinnen ist es unter diesen Umständen nicht leicht, ein Therapie-Ende zu finden, wenn der Kinderwunsch sich nicht erfüllt. Es kommt vor, dass Frauen 20 Befruchtungszyklen oder mehr absolvieren. Ist der Preis für die Patientinnen zu hoch? Dor findet das nicht. «In Deutschland mögen Familien glücklich sein mit einem Hund. In Israel sind sie es nicht.»
Vorgeburtliche Untersuchungen verbreitet
In Israel sollen nicht nur viele Kinder geboren werden, sondern auch viele gesunde. Der Begriff «Eugenik», in der Bundesrepublik hoch belastet, hat in Israel keinen negativen Klang. Die Tel Aviver Soziologin Yael Hashiloni-Dolev hat die humangenetische Praxis in Israel und Deutschland verglichen und teils erhebliche Unterschiede festgestellt. Beispielsweise praktiziert Israel ein Bevölkerungs-Screening, das so ausgefeilt ist wie nirgendwo auf der Welt. Die israelische Vereinigung der Humangenetiker empfiehlt für bestimmte Gruppen der Bevölkerung 14 verschiedene Tests. Gefahndet wird etwa nach dem Tay-Sachs-Syndrom, einer unter osteuropäischen Juden vermehrt auftretenden genetischen Störung, die im Kleinkindalter zum Tod führt; aber auch nach der Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose, bei der Menschen heute eine Lebenserwartung von bis zu 50 Jahren haben. In Deutschland gibt es noch kein Bevölkerungs-Screening auf genetisch bedingte Erkrankungen.
Nicht weniger drastisch sind die Unterschiede in der humangenetischen Beratung. Israelische Experten tendieren bei Abweichungen des Fötus von der Norm deutlich häufiger zum Schwangerschaftsabbruch als ihre deutschen Kollegen. Der Unterschied zeigte sich bei 20 von 26 möglichen Diagnosen, darunter geschlechsspezifischen Chromosomenstörungen, deren wesentliche Folge Unfruchtbarkeit ist, und auch harmlosere Fehlbildungen wie die Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Eine Schwangerschaft abzubrechen ist in Israel leicht möglich und gesellschaftlich akzeptiert. Das gilt auch für sogenannte Spätabtreibungen, bei denen der Fötus schon lebensfähig wäre. Sie sind in Deutschland stark umstritten und viel seltener als in Israel.
In der orthodoxen jüdischen Welt allerdings sind Abtreibungen verboten. Hier hat man einen Weg gefunden, der einzigartig ist. Wer die Nummer 001 718 384 60 60 wählt, erreicht einen Anrufbeantworter in New York – den der Brooklyner Einrichtung Dor Yeshorim. Das heisst wörtlich «Generation der Gerechten», frei übersetzt «Generation derer, die eine gute Entscheidung treffen». Im Zentralcomputer von Dor Yeshorim sind genetische Daten von mehr als 200000 orthodoxen Juden aus Israel, den USA und Europa gespeichert. Bereits mit 17 Jahren liefern junge Orthodoxe der Einrichtung ihre Blutproben und lassen sie auf versteckte genetische Krankheiten testen. Zehn Tests sind derzeit üblich.
Jeder Teilnehmer bekommt eine mehrstellige Codenummer mitgeteilt. Wenn zwei Kandidaten von den Eltern für die arrangierte Hochzeit ausgesucht wurden, wählen sie die Brooklyner Nummer, geben ihre Codes durch und erfahren, ob sie vom Erbgut her zueinander passen. Lautet die Antwort «genetisch kompatibel», können sie sich näher kennenlernen und sehen, ob sie sich auch sympathisch sind. Falls aber ihrem Nachwuchs genetische Probleme drohen, verzichten die Aspiranten auf weitere Kontakte. Dabei erfahren weder die Betroffenen noch ihre Angehörigen zu irgendeinem Zeitpunkt das individuelle Genprofil. Das spart die Kosten für die humangenetische Beratung und soll zudem Stigmatisierung verhindern.
Auch Klonen ist nicht grundsätzlich verboten
Yael Hashiloni-Dolev bemängelt die fehlende ethische Debatte in Israel. Doch die 37-Jährige, die neben dem israelischen einen deutschen Pass besitzt und mehrere Monate im Geburtsland ihres Vaters forschte, sieht auch die deutsche Haltung kritisch. Behindertes Leben werde in Deutschland glorifiziert. Das hänge auch mit der Religion zusammen: «Im Judentum soll man Leiden überwinden, es hat keine spirituelle Kraft, wir wissen nicht, wozu es Leiden gibt. Im Christentum ist das anders, die Hauptperson leidet, und Leiden spielt eine wichtige Rolle im religiösen Denken.»
Tatsächlich lassen sich einige Unterschiede zwischen Israel und Deutschland aus der Religion erklären. So ist der Embryo nach christlichem Verständnis ab der Verschmelzung von Eizelle und Samen ein menschliches Wesen und steht unter gesetzlichem Schutz. Nach jüdischem Glauben vollzieht sich die Entwicklung des Fötus zum menschlichen Wesen in Stufen und ist erst mit der Geburt vollständig abgeschlossen.
Rabbiner und Wissenschaftler arbeiten in Israel einvernehmlich zusammen. Nicht einmal das Klonen von Menschen ist völlig tabu. «Angenommen, die technischen Probleme wären überwunden, dann gäbe es aus israelischer Sicht keinen Grund, es nicht zu erlauben», sagt Asa Kasher, einer der führenden Bioethiker im Land. «Klonen ist im Prinzip eine weitere Methode der Unfruchtbarkeitsbehandlung. Wenn ein Paar steril ist und dies die einzige Möglichkeit, ein biologisch verwandtes Kind zu bekommen, warum sollte es die Chance nicht nutzen?»
Die deutsche Position zum Klonen lautet: Das Kopieren von Menschen muss in jedem Fall verhindert werden. Israel hat vorerst kein absolutes Klonverbot beschlossen, sondern ein Moratorium. Es wurde 2004 um fünf Jahre verlängert. Danach wird man sehen.


